Wettbewerb in erster Runde

Acht deutsche Städte bewerben sich um den Titel "Kulturhauptstadt Europas 2025"

 

Zittau – 365°LEBEN mit Dreiländerbrücke in Europa

 

Eine vielversprechende Bewerbung mit allgegenwärtigem europäischem Selbstverständnis hat Zittau eingereicht. Die Stadt mit gerade mal 25.000 Einwohnern liegt im Südosten Deutschlands im Dreiländereck in unmittelbarer Nachbarschaft mit Bogatynia (Reichenau) in Polen und Liberec (Reichenberg) in Tschechien. Zittaus Lage ist das stärkste Argument. Das ist unter den acht Bewerberstädten ein kostbares Alleinstellungsmerkmal. Das Zusammenleben in Europa ist in Zittau Realität und Normalität, wobei das freilich mit Vor- und Nachteilen sowie mit Chancen und Risiken verbunden ist. Doch vor allem die letzten Jahre zeigen, dass das trinationale Miteinander der Nachbarn zunehmend stärker geworden ist. „Europa einzuladen, sich das anzusehen, ist ein wichtiger Grund, weshalb wir uns auf den Titel bewerben“, sagt Kai Grebasch, Projektverantwortlicher von Zittau2025. Zittau hatte die Europa- und Kommunalwahlen im Mai 2019 genutzt und zeitgleich einen Bürgerentscheid abgefragt, wonach sich eine deutliche Mehrheit von 74,2 Prozent für die Bewerbung Zittaus auf die Kulturhauptstadt Europas aussprach. Widersprüchlich war dabei, dass die AfD bei den Wahlen ebenfalls mit guten Ergebnissen abschnitt, obwohl sie als EU-kritische Partei den Inhalten des Kulturhauptstadt-Wettbewerbs politisch komplett entgegensteht. Sich darauf einen Reim zu machen, ist nicht ganz einfach. Die Bürger wollen Verbesserungen ihrer Lebensverhältnisse. Das versprechen sie sich von der EU-Kulturhauptstadt. Das versprechen sie sich aber wohl auch von vereinfachten populistischen Wahlversprechen europafeindlicher Scharfmacher … Wie dem auch sei: Egal, ob Zittau schlussendlich den Titel holt, war das Votum des Bürgerentscheids ein gutes Zeichen für die Dreiländerregion, die mit rund 1,2 Millionen Einwohnern eine wichtige Nahtstelle für die EU darstellt. In Zittau sei es tägliche Aufgabe, konstruktive Gegenentwürfe zu Spaltungstendenzen der EU zu entwickeln, fasst Kai Grebasch zusammen.

 

Zittau hat sein Bidbook unter das Motto 365°LEBEN gestellt, das heißt es geht an 365 Tagen im Jahr in 360 Grad um Zittau herum. Dies ist auch eine Anspielung auf das spektakulärste Vorhaben der Bewerbung, eine Dreiländerbrücke. Über den Fluss Neiße, der die Länder als „natürliche Grenze“ teilt, soll eine dreiarmige Brücke gebaut werden, deren höchster Punkt sich direkt über dem geografischen Dreiländerpunkt im Wasser befindet. Das Projekt ist bereits bei allen Partnern hüben wie drüben angedacht. Zittau ist eine kleine Stadt. Allein hat es keine Chance, den Titel zu holen. Die Bewerbung kommt deshalb definitiv aus der gesamten Region, wobei hier auch Projekte der benachbarten Kreisstadt Görlitz inbegriffen sind. Görlitz hatte sich ehemals für 2010 auf den Titel beworben, flog aber in der Endentscheidung aus dem Rennen, was schwere Enttäuschung nach sich zog. Vieles, was aus Verwaltung und Bevölkerung in der Bewerbungsphase angegangen war, musste umgedacht, reduziert oder aufgegeben werden. Stadt- und Kulturentwicklung fielen in eine Art Depression.

 

Über fünf Hauptprojekte liest man im Bidbook, das Zittau sofort nach Abgabe der Bewerbung publizierte und zudem noch für die Öffentlichkeit als eine gefälligere Lesefassung einrichtete, damit sich möglichst viele Menschen zeitnah über Zittaus kulturpolitische Qualitäten informieren können. Zu den Hauptprojekten gehören die sogenannte Bühne³, die als Veranstaltungsort am Dreiländereck auf oder an der Brücke entstehen soll, und das spartenübergreifende Großprojekt „Grenzland – Transition Europe“, bei dem sich die internationalen Kultureinrichtungen der Region vernetzen. Ähnlich ausgerichtet ist auch das Projekt „Zi you/See EU – Fest der Festivals“, bei dem sich Festspiele und Kulturhighlights zusammentun. In Zittau befindet sich das leerstehende Industriebauwerk Robur, einer der legendärsten Nutzfahrzeughersteller der DDR. Das Gebäude soll als würdiger Ort für Erinnerung und Dialog eingerichtet, aber auch als Ausstellungsraum für die historischen Fahrzeuge restauriert werden. Das Projekt wurde aus der Bürgerbeteiligung heraus in Workshops thematisch erarbeitet und entwickelt. Als weiteres Großprojekt plant Zittau, für jeden Monat des Veranstaltungsjahres das Kulturprogramm jeweils von einem Partnerland und Deutschland zu bestellen. Als elf Partnerländer sind hier die neun Nachbarländer Deutschlands mit dabei, Slowenien, das 2025 ebenfalls eine Kulturhauptstadt beheimatet und Georgien als mögliches neues EU-Aufnahmeland.

 

Zittau hat aufgrund seiner Größe verglichen mit den anderen Bewerberstädten eine finanziell kleinere Dimension. 2019 betragen laut Prognose die Kulturausgaben 3,29 Millionen Euro, was 5,63 Prozent des Gesamtbudgets entspricht. 45,7 Millionen Euro veranschlagt Zittau als operative Ausgabe im Veranstaltungsjahr, wovon 4 Prozent aus dem privaten Sektor kommen sollen. Die Stadt will rund eine Million Euro aufbringen, die bislang teilweise gesichert sind. Die in Aussicht gestellten Bundesmittel plant Zittau mit 20 Millionen Euro ein.

 

Daumen drücken!

 

Wie unterschiedlich diese Zahlen doch sind! Schon hier verrät der Wettbewerb viel über die mal bescheidenen, mal anspruchsvollen Erwartungen der jeweiligen Kommunalkultur an den Bund. Wie viele Gelder seitens der Bundesregierung frei werden, steht ja noch längst nicht fest. Lustig ist dabei schon, dass die Wettbewerbsjury über solch ungleiche Hoffnungen ernsthaft urteilen soll. Die einen planen 10 Millionen Euro ein, die anderen kurzerhand das Doppelte davon. In der Öffentlichkeit kann das leider auch den faden Eindruck hinterlassen, dass es auf ein paar Milliönchen nicht ankäme. Diesem Eindruck entgegenzuwirken, muss in der zweiten Wettbewerbsrunde dringend Rechnung getragen werden. Hier stehen auch die Ausrichter des Wettbewerbs in der Verantwortung. Mit den Bewerbungen auf 2025 ist jedenfalls in allen acht Städten schon jetzt vieles in Bewegung gekommen, was der Kultur und der jeweiligen Stadtentwicklung in den kommenden Jahren guttun wird. Auch unabhängig davon, ob man den großen Titel davonträgt. In diesem Sinne gilt es jetzt, allen die Daumen zu drücken.

 

Nach Redaktionsschluss (7.11.2019) veröffentlichte Hannover sein Bidbook.

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 12/2019-01/2020.

Sven Scherz-Schade
Sven Scherz-Schade ist freier Journalist in Karlsruhe und arbeitet unter anderem zu den Themen Kultur und Kulturpolitik für den Hörfunk SWR2.
Vorheriger ArtikelLob der Provinz