Wettbewerb in erster Runde

Acht deutsche Städte bewerben sich um den Titel "Kulturhauptstadt Europas 2025"

 

Hannover: Bidbook als Kunstwerk, aber vorerst geheim

 

Eine Bewerbung, die in Gestaltung und Präsentation aus der Reihe tanzt, kommt von Hannover. Die Stadt lässt ihr Bidbook, also ihre Bewerbung auf die Kulturhauptstadt Europas 2025, als Roman schreiben. Der Hannoveraner Juan Sebastian Guse will den Fragenkatalog in einen Plot packen, der als handelnde Personen Gottfried Wilhelm Leibniz und Kurt Schwitters auftreten lässt, weshalb der Bucheinband auch im bewusst etwas schrägen Stil von Schwitters „Merzbau“ gestaltet ist. In Auszügen wurde aus dem Werk bereits öffentlich vorgetragen, als wohlfeile Lesung. Ansonsten ist das Bidbook bislang nicht allgemein zugänglich, und zwar „wegen der Mitbewerber“, wie Stadträtin Konstanze Beckedorf sagt. Erst nach Bekanntgabe, welche Städte in die zweite Runde weiterkommen, wird Hannovers Bidbook veröffentlicht. Das macht es für die Öffentlichkeit, für Hannovers interessierte Bürgerschaft sowie für die Presse natürlich schwierig, sich eine Vorstellung von „Hannover 2025 – Agora of Europe“ zu machen. Auch auf Nachfrage bei Beckedorf sieht man in vielen Punkten nicht unbedingt klarer. Hannover will eine Agora bauen? Ja und nein, es wird mehrere Agoren geben. Fremdwörter sind Glückssache, deshalb nachgehakt: Eine Agora war in der Antike ein gepflasterter Marktplatz mit Säulen drum herum. Wollen Sie also einen Marktplatz bauen? Es wird an mehreren Orten der Stadt und außerhalb Treffpunkte geben, wo sich Menschen über die Kultur zum Austausch treffen. Also verstehen Sie Agora im metaphorischen Sinne? Nicht nur, es wird auch eine Agora gebaut werden. Wo? Da gibt es Ideen, die aber noch nicht verraten werden.

 

Also: Nix Genaues weiß man nicht. Fest steht: Hannovers Agora-Bewerbung entwirft ein Szenario, wonach Europa existenziell gefährdet ist. Wie das die Jury bewerten wird, bleibt abzuwarten. Denn einerseits bleibt bei Hannovers vager Ausdrucksweise unklar, ob die existenzielle Gefährdung das »Europa der Institutionen« meint, den europäischen Unionsgedanken, was anderes oder alles zusammen. Andererseits ist soziopsychisch zu erwarten, dass das stetige Heraufbeschwören schlimmer Zustände am Ende das Erreichen der schlimmen Zustände selbst befördert. Diese „German Angst“ aus Hannover sollte nicht Schule machen. Zumal festzuhalten ist: Der von der Europäischen Kommission ausgetragene Wettbewerb hat rege Beteiligung und Debatte. Das darf als Zeichen für ein intaktes und funktionierendes Europa gewertet werden.

 

Mangels Bidbook holt man sich die Zahlen zu Hannovers Finanzierung aus Beschlussdrucksache 1387/2019 der Stadt. Danach plant Hannover für die Kulturhauptstadt 2025 ein operatives Gesamtbudget von 80 Millionen Euro, wovon der städtische Anteil 18 Millionen beträgt. Reduzierungen bei anderen Ertragsquellen führen nicht zu einer Erhöhung des städtischen Anteils, heißt es dort. Für die Bewerbungsphase von 2018 bis 2020 sind bereits weitere 2 Millionen städtische Mittel zur Verfügung gestellt worden. Hannovers Kulturbudget liegt 2019 bei 73,2 Millionen Euro, das sind 2,9 Prozent des gesamtstädtischen Haushalts. Darin nicht enthalten sind die Budgets von Oper, Staatstheater und Landesmuseum, da diese Institutionen vom Land Niedersachsen betrieben werden.

 

Ohne Zweifel hat Hannover eine höchst spannende Stadtentwicklung. Wie lässt sich etwa der Cityring – die ehemals auf den Autoverkehr ausgerichtete Ringstraße um die Stadtmitte – neu gestalten, um einer umweltverträglichen Mobilität gerecht zu werden? Wie kann die Wohn- und Lebenssituation im Gebäudekomplex des sogenannten Ihme-Zentrums aus den 1970er Jahren verbessert und verschönert werden – und zwar mittels Kultur und Kreativität? Wie können einst geschürte Erwartungen der Hannover Expo2000 befriedigt werden, eine wirklich grüne Stadt zu entwickeln? Wie gesagt, alles höchst spannend. Was es aber konkret mit Europas Kultur zu tun hat, soll die Jury bewerten. Aus den Plattitüden der Pressemitteilungen liest es sich nicht heraus.

Sven Scherz-Schade
Sven Scherz-Schade ist freier Journalist in Karlsruhe und arbeitet unter anderem zu den Themen Kultur und Kulturpolitik für den Hörfunk SWR2.
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