Wettbewerb in erster Runde

Acht deutsche Städte bewerben sich um den Titel "Kulturhauptstadt Europas 2025"

Das nationale Auswahlverfahren für die 2025 in Deutschland verortete Kulturhauptstadt Europas läuft. Acht deutsche Städte haben sich in einer ersten Runde beworben. Sie alle wollen mittels Kultur die Vielfalt Europas und seine Zusammengehörigkeit erlebbar machen. In allen acht Bewerberstädten stecken dafür enorme Potenziale. Das sollten sie in ihren jeweils auf maximal 60 Seiten begrenzten Bewerbungsbüchern – den sogenannten „Bidbooks“ – zeigen, die sie der Kulturstiftung der Länder vorgelegt haben. Die Kulturstiftung der Länder ist von der Kultusministerkonferenz für das nationale Auswahlverfahren beauftragt worden. Am 12. Dezember 2019 will sie eine „Shortlist“ derjenigen Städte bekannt geben, die es in eine zweite Bewerbungsrunde geschafft haben. Womit die Bewerber punkten wollen, steht in ihren Bidbooks, wobei: Nicht alle Bewerberstädte stellen ihre Bidbooks auch der Öffentlichkeit zur Verfügung. Das erarbeitete Bidbook mit allen Infos und Fakten zu veröffentlichen, ist zwar vonseiten der Europäischen Kommission empfohlen, aber nicht Bedingung.

 

Chemnitz: Aufbrüche, Opening Minds, Creating Spaces

 

Aber klar, dass z. B. Chemnitz stolz seine Bewerbung für alle online lesbar publiziert. Über 200 Menschen aus der Bürgerschaft haben in Chemnitz an der Erstellung des Bidbooks mitgearbeitet. In rund drei Jahren haben sie sich ausgetauscht und ihr Konzept erstellt und allein diese breite und intensive Bürgerbeteiligung ist bereits ein wichtiger Baustein für die Bewerbung. Das Tun der Menschen in Chemnitz steht im Vordergrund, stellt Ferenc Csák, Projektleiter der Chemnitzer Bewerbung, heraus: „Wir wollen gemeinsam mit Europa Aufbrüche wagen. Wir wollen sowohl Chemnitz als auch Europa fragen: Was verbindet uns? Wie können wir gemeinsam ein lebenswertes Europa gestalten?“

 

Für die kreisfreie Stadt, mit etwa 250.000 Einwohnern die drittgrößte im Freistaat Sachsen, ist die Bewerbung als Kulturhauptstadt Europas eine große Chance. Chemnitz will eine selbstbewusste europäische Stadt werden und man darf es als eine Stärke der Bewerbung interpretieren, dass Chemnitz diesen Wunsch offen kommuniziert. Denn schlechtes Image in der jüngsten Vergangenheit – als gesellschaftliche Konflikte, bewusste Provokationen und auch offene Gewalt in Chemnitz zutage traten – haben keineswegs nur der Stadt geschadet, sondern letzten Endes den demokratischen Werten und damit auch Europa. „Es wird darauf ankommen, ob wir es schaffen, die Bindungskräfte zu stärken“, sagte passend dazu Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig bei der Kurzpräsentation der Bewerbungen Anfang Oktober in Berlin. Die Kräfte, die die Gesellschaft durch Populismus auseinandertreiben wollen, sollten nicht die Oberhand gewinnen. Chemnitz setzt dabei auf die integrative Kraft der Kultur – und zwar auf den proeuropäischen Einigungsprozess.
Als Motto schreibt sich Chemnitz2025 „Aufbrüche“ auf die Fahnen.

 

Tatsächlich hat die Stadt, die einst Kameniz hieß, dann Chemnitz, dann Karl-Marx-Stadt genannt wurde und schließlich wieder Chemnitz heißt, viele Brüche und innerhalb weniger Jahrzehnte verschiedene Gesellschaftssysteme erlebt. Nach 1989 hat z. B. rund ein Viertel der Bevölkerung aus den verschiedensten Gründen die Stadt bzw. das Umland verlassen, umgekehrt sind viele neue Menschen hinzugezogen. Die Wanderungsprozesse und die damit einhergehenden Aufbrüche sind kennzeichnend für die ostdeutsche Stadt, die im Zuge der Bewerbung um den Titel ihre historisch gewachsene Kulturregion – mit dem Umland Erzgebirge, sowohl mit Industrie als auch ländlichem Raum – erweitern wird. 25 Kommunen gehören bereits dazu, von Aue im Osten bis Hainichen im Westen. Im November 2018 haben die Gemeinde- und Stadträte sowie Oberbürgermeister und Bürgermeister der Kommunen in einer Ratssitzung beschlossen, gemeinsam mit Chemnitz eine Strategie der Kulturregion zu entwerfen. In dieser neuen Kulturregion leben dann immerhin 500.000 Einwohner, die via Straßenbahnen und Kultur miteinander verbunden werden. Der Schienen-ÖPNV wird ausgebaut, erste Strecken dieses „Chemnitzer Modells“ sind bereits realisiert. Die Lebensqualität im ländlichen Raum soll wachsen, sodass sich nicht zuletzt auch dort mehr Start-ups und Unternehmen ansiedeln. Kultur als ökonomischer Motor – ob diese wirtschaftliche Aufbruchsperspektive die Jury überzeugt, bleibt abzuwarten.

 

Gute Bewertung allerdings wird Chemnitz aufgrund seiner bestehenden kulturellen Infrastruktur erhalten. Das Theater Chemnitz als Fünf-Sparten-Haus, die Kunstsammlungen, Schloßbergmuseum, Henry van de Velde-Museum und viele weitere sind traditionsreiche staatliche Institutionen, die zusammen mit weiteren etwa 100 geförderten Kultureinrichtungen in freier Trägerschaft das Kulturleben der Stadt prägen. Zusammen bieten diese Einrichtungen über 15.000 Veranstaltungen bzw. Projekte pro Jahr an. Private Initiativen, wie etwa mehrere unterschiedliche Festivals, belegen die bürgerschaftliche Stabilität der Chemnitzer Kultur, auf die es ankommt.

 

Die Chemnitzer Bewerbung arbeitet sich systematisch an den 38 Fragen der öffentlichen Ausschreibung für die Kulturhauptstadt Europas ab, die verpflichtend beantwortet werden mussten. Entsprechend strukturiert ist auch das Chemnitzer Bidbook, das guten Einblick in kulturpolitische Zusammenhänge ermöglicht. So wird etwa die im Januar 2019 im Stadtrat beschlossene Kulturstrategie 2018 bis 2030 „Kultur Raum geben“ skizziert und wie diese langfristig im Zusammenhang mit der Bewerbung als Kulturhauptstadt Europas weiterentwickelt werden kann. Die TU Chemnitz und die Verzahnung zwischen Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft spielen hier eine wesentliche Rolle, wiederum neue Jobs entstehen zu lassen. Insbesondere offenbart aber die Chemnitzer Langzeitstrategie, dass man die eingeführte Dialog- und Feedbackkultur, sprich Partizipation der Kulturakteure, Kulturpolitik und Gremien, in Zukunft festigen und ausbauen will. Ein Beispiel hierfür ist das Bürgerdialog-Format „Im Gespräch bleiben“ zu Zukunftsthemen der Chemnitzer Stadtentwicklung, das letztes Jahr als Forum in der ehemaligen Hartmannfabrik initiiert wurde, als über mögliche Interventionsflächen der Kulturhauptstadt Europas debattiert wurde – zwischen Experten und der interessierten Öffentlichkeit. Transparent und unter Mitbeteiligung der Bürgerschaft begreift die Stadt auch das künstlerische Programm von Chemnitz2025, das aufgeteilt in drei thematische Felder, Arbeit, Räume und Spuren, entstehen wird. In einem Call werden Kunstschaffende und Kulturakteure aller Disziplinen zur kreativen Auseinandersetzung eingeladen. Derzeit laufen auch schon 13 Projekte, darunter etwa ein Internationales Theaterfestival „Nonstop Europa!“ oder das Stefan und Inge Heym-Forum. „Im Fall einer Nominierung auf die Shortlist werden die Projekte deutlich ausgeweitet“, sagt Csák. „Fortgesetzt oder umgesetzt werden sie aber auf jeden Fall, unabhängig vom Ausgang des Bewerbungsverfahrens.“ 2019 hat Chemnitz 53,6 Millionen Euro für Kultur ausgegeben, was 6,72 Prozent seines Jahresgesamtbudgets entspricht. Zusätzlich zum regulären Kulturetat hat der Chemnitzer Stadtrat 2017 beschlossen, das Projekt „Kulturhauptstadt Europas 2025“ mit weiteren 1,2 Millionen Euro bis 2020 zu unterstützen. Und weiter bis 2025 sollen 8,8 Millionen ins operative Budget für Chemnitz2025 und weitere knapp 20 Millionen Euro in Kapitalausgaben rund um Chemnitz2025 fließen. Die Zahlen können sich sehen lassen. Fürs operative Budget im Veranstaltungsjahr und darüber hinaus bis 2027 sind 60,3 Millionen Euro geplant. Allerdings sind hier geförderte 30 Millionen Euro Bundesmittel einkalkuliert, die wirklich noch nicht sicher sind.

 

Neue Heimat Dresden 2025 – Modell für Europa

 

Auch in Dresden verrät die Bewerbung einiges über die Sehnsucht eines Neustarts: Sich nochmals mit allen Bürgerinnen und Bürgern der großen Kulturtradition der Stadt bewusst werden, um dann mit dem stärkenden Zusammenhalt Europas in die Zukunft zu starten. So in etwa liest sich das Motto der Bewerbung „Neue Heimat“. Das Motto soll übrigens keinerlei Anspielung auf das gleichnamige, ehemals vom Skandal erschütterte westdeutsche Bau- und Wohnungsunternehmen beinhalten. Bei manch einem klingt so was als Assoziation aber vielleicht mit, denn Dresden hatte im vergangenen Jahrzehnt seinen gesamten kommunalen Wohnungsbestand an Privatinvestoren verkauft und sich damit schuldenfrei gemacht. Was dieser – bis heute umstrittene – kommunalpolitische Schritt damals vor allem zeigte: Dresden ist mutig. Dresden riskiert auch Neues. Insofern passt das Motto gut.

 

Wesentlich für die Dresdner Bewerbung ist, dass das Programm für die Kulturhauptstadt Europas 2025 gleichgewichtig aus einem kuratierten und einem nichtkuratierten Teil, der sogenannten „Plattform“, bestehen wird. Einerseits soll es also Veranstaltungen und Investitionsprojekte geben, die von professionellen Kulturschaffenden entwickelt und durchgeführt werden, andererseits soll im gleichen Umfang – auch in der Förderung finanziell gleichgestellt – jene „Plattform“ Menschen unterschiedlicher Couleur zusammenbringen, die frei eigene Kulturprojekte angehen, ohne dabei inhaltlich von Verwaltung oder Management der Kulturhauptstadt beeinflusst zu werden. „Unser Plattformprozess läuft bereits seit 2019 sehr intensiv“, sagt David Klein, Leiter des Kulturhauptstadtbüros Dresden 2025: „Davor fanden auch schon Vorgängerprogramme statt.“ Im Dresdner Bidbook liest man z. B. von den „Orten des Miteinanders“, wo sich in allen Dresdner Stadtteilen Vereine, Initiativen und Gruppen selbst zusammengefunden haben, um bereits zur Bewerbungsphase Kulturprojekte vorzuschlagen. Allein fehlt es mitunter den Vorhaben an geeigneten Spielorten in ihrem Stadtteil. Dresden strebt deshalb an, bis 2025 in jedem Stadtteil ein Kultur- und Nachbarschaftszentrum zu etablieren. Entsprechend ausgleichend soll dafür das Programm „X-Dörfer“ wirken, das in zehn kleineren Umlandgemeinden des Oberen Elbtals/Osterzgebirge partizipative und nachhaltige Kulturformate ermöglichen soll. Erste „Plattform“-Ideen von neun Gruppen, die sich gebildet haben, werden gegenwärtig in einer Ausstellung im Hygienemuseum gezeigt. Dresden macht seine Bewerbung vollauf transparent. Das liest sich im klar strukturierten Bidbook alles sehr gut.

 

Aber Dresden ist mindestens mit Zwinger, Semperoper und Co. absolute Kulturstadt. Schon immer und auch schon immer bedeutend für Europa. Die kulturelle Infrastruktur ist in der jüngsten Vergangenheit beispielsweise mit dem sanierten Kulturpalast als exzellentem Konzertsaal oder dem großartig neu gestalteten Münzkabinett bestens gediehen. Warum also will Dresden jetzt noch Kulturhauptstadt werden? Die Frage sei durchaus berechtigt, gibt Klein zu: „Dresden bewirbt sich nicht, um im Bereich der kulturellen Hardware Fortschritte zu machen. Aber bei der kulturellen Software haben wir Bedarf.“ Programmierung und inhaltliche Ausrichtung der Kultureinrichtungen Dresdens hätten zwar hohes Ansehen, Erfolg und internationale Strahlkraft. Die Dresdener treibe jedoch die Erkenntnis um, dass dies inmitten der gesellschaftlichen Umbrüche im 21. Jahrhundert nicht mehr reiche. Mitwirkung und kulturelle Teilhabe sollen bessere Chancen erhalten, was wohl als Hauptmotivation für Dresdens Bewerbung als Kulturhauptstadt gewertet werden kann. Bei der Jury dürfte das als Pluspunkt durchgehen. Dresden ist die Stadt, in der vor fünf Jahren die islam- und fremdenfeindlichen Pegida-Demonstrationen aufkamen. Mit der Bewerbung „Neue Heimat“ setzt Dresden sein Zeichen, dass die Stadt entgegen Pegida für die offene Gesellschaft steht und damit für die Werte Europas.

 

Für seine Kultur gibt Dresden 2019 rund 133,8 Millionen Euro aus, was 7,6 Prozent des Jahresgesamtbudgets entspricht. Darüber hinaus hat Dresden jeweils eine weitere halbe Million Euro pro Jahr von 2019 bis 2023 für die Ausgaben der Bewerbung als Kulturhauptstadt eingeplant. Das operative Gesamtbudget für das Projekt Kulturhauptstadt soll 2020 bis 2026 insgesamt 70,6 Millionen Euro betragen. Die Summe bewegt sich, im Vergleich mit dem, was andere Kulturhauptstädte Europas in der Vergangenheit ausgegeben haben, etwa im Mittelfeld. Verglichen mit Chemnitz sind die Dresdner Beträge allerdings etwas größer. Gemeinsam mit Zittau sind Chemnitz und Dresden in der glücklichen Situation, dass sich der Freistaat Sachsen bereits festgelegt hat, im Falle des Titelerfolges eines sächsischen Bewerbers bis zu 20 Millionen Euro an die Gewinnerstadt zu geben. Kurzum: In Dresden wird nicht gekleckert. Man hat die Finanzierung voll im Griff. Ob es für Dresdens starke Bewerbung als Kurator den prominenten Kulturmacher Michael Schindhelm braucht, der zwar namhaft einen gewissen Werbeeffekt erzielt, aber dessen Terminkalender reichlich überstrapaziert ist, sei dahingestellt. Ohne Team jedenfalls würde dieses Zugpferd keine neue Heimat pflügen.

 

Gera im Aufwind: Ostdeutsche Identität und Transformation

 

Neugierig macht die Bewerbung, mit der sich Gera in Thüringen an die Jury wendet. Das Kulturpotenzial der 95.000-Einwohner-Stadt ist vielen in Europa, aber auch in Deutschland, völlig unbekannt. „Geras Schätze gilt es zu heben und darzustellen“, sagt Kulturhauptstadtmanager Peter Baumgardt, der gern und nicht ohne Stolz das pfiffig gewählte Motto „Im Aufwind“ erläutert. Es gibt „Rückenwind“ durch die kooperierende Region, die ehemals von sieben Fürstentümern in der Epoche der deutschen Kleinstaaterei geprägt war und nun mit und für Europa Beispiel des Zusammenhalts sein kann. Es gibt „Ostwind“, wenn die Stadt sich ihrer ostdeutschen Verortung stellt. Zu DDR-Zeiten baute in Gera das Bergbauunternehmen Sowjetisch-Deutsche Aktiengesellschaft Wismut – kurz von allen „die Wismut“ genannt – Uran ab, das großenteils zu Rüstungszwecken genutzt wurde. Der Uranerzabbau hat Tausende Strahlenopfer gefordert und Umweltschäden hinterlassen. Als Europas Kulturhauptstadt könnte Gera eine energiepolitische Debatte für Europa anregen, die atomare Kultur unseres Kontinents nochmals grundsätzlich zu überdenken. Andere EU-Mitgliedstaaten haben sich nämlich längst nicht so entschieden gegen die Kernenergie gewandt wie Deutschland. Ganz konkret hat „die Wismut“ noch ein anderes Erbe hinterlassen: eine Kunstsammlung mit 4.209 Werken von 450 Künstlerinnen und Künstlern, darunter mehr als 280 Gemälde. Gera will damit eine Ausstellung einrichten im Stammhaus des Unternehmers Hermann Tietz, gegründet 1882 in der Innenstadt. Das Gebäude ist in den letzten sieben Jahrzehnten heruntergekommen und soll bis 2025 saniert werden, um neben der Wismut-Schau auch eine Bildungseinrichtung und ein Jugendkulturzentrum zu beherbergen.

 

Bereits 2015 entstand die Idee aus der Bevölkerung heraus, sich für den Titel Europas Kulturhauptstadt zu bewerben. Wie so oft war auch in Gera bereits die erste Bewerbungsphase ein wichtiger zivilgesellschaftlicher Prozess mit Beteiligung vieler Menschen. Das erarbeitete Bidbook ist auf Geras Homepage frei zugänglich, an den Stadtrat wurde es auf USB-Sticks gespeichert verteilt. Ein paar gedruckte Exemplare liegen in einer gemütlich eingerichteten Leseecke im Rathaus und im Kulturhauptstadtbüro aus.

 

„Unser Bidbook soll auch deutlich machen, dass Gera zukunftsorientiert ist“, sagt Baumgardt. Das verwundert nicht. Die unmittelbare Vergangenheit mit dem Niedergang des Bergbaus und der Industrie hat in der Stadt einigen Frust hinterlassen. Da reiht sich auch die Treuhandanstalt nach der deutschen Einheit ein. Sie hatte die staatseigenen Betriebe in privatwirtschaftliche Unternehmen überzuführen, was auch Verletzungen nach sich zog. Es gab unfairen Ausverkauf, Betrügereien und am Ende viele Arbeitslose. Diese bis heute nicht aufgearbeitete deutsch-deutsche Katastrophe in ein Konzept als Kulturhauptstadt zu bringen, ist eine riesige Herausforderung. Gera will dies tun unter dem Stichwort „Westwind“. Es soll zur Diskussion geladen und der Fokus auf Gelungenes gerichtet werden. Eine positive Bilanz nach Mauerfall und Wende fällt – trotz Erfolgen – vielen Menschen in Gera schwer.

 

Ein anderer Programmschwerpunkt Geras liegt bei Otto Dix. Der 1891 in Gera geborene Maler war einer der wichtigsten Vertreter der Neuen Sachlichkeit, der damals vor allem von Deutschland ausgehenden Kunstrichtung, die sich dem Realismus verschrieb. 1925 wurde in Mannheim eine erste große Ausstellung gezeigt und Gera will 2025 unter dem Titel „Neue Neue Sachlichkeit“ Zentrum eines Verbundprojekts in einem Themenjahr „100 Jahre Neue Sachlichkeit“ werden. Detaillierte Programme sind aber noch nicht spruchreif. So ist das Reglement für alle Bewerber. Details müssen erst – im Falle eines Weiterkommens – in der zweiten Bewerbungsrunde verfasst werden. Dann erst wird Genaueres über das Abschlussprogramm des Kulturhauptstadtjahres formuliert, das Europas Zukunft als „Region des Humanismus“ thematisieren soll. Hintergrund dafür ist der 1635 verstorbene Heinrich II. Posthumus. Er war Herr der Stadt und hatte damals als humanistisches Zeichen calvinistischen Flüchtlingen eine neue Heimstadt gegeben, was die Grundlage der späteren Textilwirtschaft in Gera wurde. Sein kupferner Sarkophag, der sich derzeit konserviert auf einem Friedhof befindet, soll in die wieder frei gelegte Gruft „umgebettet“ werden. Die genannten Projekte sowie jene Kulturmeile, die innerstädtisch Kultureinrichtungen auf einer 2-km-Route miteinander kooperativ verbinden soll, wird Gera mit hoher Wahrscheinlichkeit auch dann umsetzen, wenn die Bewerbung als Gera2025 scheitern sollte.

 

Das Kulturbudget Geras liegt 2019 bei rund 15,77 Millionen Euro, was 5,8 Prozent des Jahresgesamtbudgets entspricht. Für die Abdeckung der operativen Ausgaben, also Programme und Veranstaltungen der Kulturhauptstadt, plant Gera für die Jahre 2021 bis 2026 insgesamt 38 Millionen Euro. Darin enthalten sind – wie bei den anderen Bewerbern auch – die Gelder, die von der Bundesregierung über Kulturstaatsministerin Monika Grütters für die endgültige Titelstadt in Aussicht gestellt wurden. Gera plant diese Bundesmittel auf 10 Millionen Euro und orientiert sich damit daran, was ehemals für Weimar und Essen bereitgestellt wurde. Für diese Summen liegt aber kein Beschluss vor. Weitere rund 46 Millionen will Gera in Infrastrukturprojekte stecken, wobei die Stadt sich hier hauptsächlich auf Renovierungen konzentriert, z. B. die Sanierung des Kultur- und Kongresszentrums, des Museums für Naturkunde und der Puppenbühne. Neubauten für Kultur wird es in Gera nicht geben.

 

Hannover: Bidbook als Kunstwerk, aber vorerst geheim

 

Eine Bewerbung, die in Gestaltung und Präsentation aus der Reihe tanzt, kommt von Hannover. Die Stadt lässt ihr Bidbook, also ihre Bewerbung auf die Kulturhauptstadt Europas 2025, als Roman schreiben. Der Hannoveraner Juan Sebastian Guse will den Fragenkatalog in einen Plot packen, der als handelnde Personen Gottfried Wilhelm Leibniz und Kurt Schwitters auftreten lässt, weshalb der Bucheinband auch im bewusst etwas schrägen Stil von Schwitters „Merzbau“ gestaltet ist. In Auszügen wurde aus dem Werk bereits öffentlich vorgetragen, als wohlfeile Lesung. Ansonsten ist das Bidbook bislang nicht allgemein zugänglich, und zwar „wegen der Mitbewerber“, wie Stadträtin Konstanze Beckedorf sagt. Erst nach Bekanntgabe, welche Städte in die zweite Runde weiterkommen, wird Hannovers Bidbook veröffentlicht. Das macht es für die Öffentlichkeit, für Hannovers interessierte Bürgerschaft sowie für die Presse natürlich schwierig, sich eine Vorstellung von „Hannover 2025 – Agora of Europe“ zu machen. Auch auf Nachfrage bei Beckedorf sieht man in vielen Punkten nicht unbedingt klarer. Hannover will eine Agora bauen? Ja und nein, es wird mehrere Agoren geben. Fremdwörter sind Glückssache, deshalb nachgehakt: Eine Agora war in der Antike ein gepflasterter Marktplatz mit Säulen drum herum. Wollen Sie also einen Marktplatz bauen? Es wird an mehreren Orten der Stadt und außerhalb Treffpunkte geben, wo sich Menschen über die Kultur zum Austausch treffen. Also verstehen Sie Agora im metaphorischen Sinne? Nicht nur, es wird auch eine Agora gebaut werden. Wo? Da gibt es Ideen, die aber noch nicht verraten werden.

 

Also: Nix Genaues weiß man nicht. Fest steht: Hannovers Agora-Bewerbung entwirft ein Szenario, wonach Europa existenziell gefährdet ist. Wie das die Jury bewerten wird, bleibt abzuwarten. Denn einerseits bleibt bei Hannovers vager Ausdrucksweise unklar, ob die existenzielle Gefährdung das »Europa der Institutionen« meint, den europäischen Unionsgedanken, was anderes oder alles zusammen. Andererseits ist soziopsychisch zu erwarten, dass das stetige Heraufbeschwören schlimmer Zustände am Ende das Erreichen der schlimmen Zustände selbst befördert. Diese „German Angst“ aus Hannover sollte nicht Schule machen. Zumal festzuhalten ist: Der von der Europäischen Kommission ausgetragene Wettbewerb hat rege Beteiligung und Debatte. Das darf als Zeichen für ein intaktes und funktionierendes Europa gewertet werden.

 

Mangels Bidbook holt man sich die Zahlen zu Hannovers Finanzierung aus Beschlussdrucksache 1387/2019 der Stadt. Danach plant Hannover für die Kulturhauptstadt 2025 ein operatives Gesamtbudget von 80 Millionen Euro, wovon der städtische Anteil 18 Millionen beträgt. Reduzierungen bei anderen Ertragsquellen führen nicht zu einer Erhöhung des städtischen Anteils, heißt es dort. Für die Bewerbungsphase von 2018 bis 2020 sind bereits weitere 2 Millionen städtische Mittel zur Verfügung gestellt worden. Hannovers Kulturbudget liegt 2019 bei 73,2 Millionen Euro, das sind 2,9 Prozent des gesamtstädtischen Haushalts. Darin nicht enthalten sind die Budgets von Oper, Staatstheater und Landesmuseum, da diese Institutionen vom Land Niedersachsen betrieben werden.

 

Ohne Zweifel hat Hannover eine höchst spannende Stadtentwicklung. Wie lässt sich etwa der Cityring – die ehemals auf den Autoverkehr ausgerichtete Ringstraße um die Stadtmitte – neu gestalten, um einer umweltverträglichen Mobilität gerecht zu werden? Wie kann die Wohn- und Lebenssituation im Gebäudekomplex des sogenannten Ihme-Zentrums aus den 1970er Jahren verbessert und verschönert werden – und zwar mittels Kultur und Kreativität? Wie können einst geschürte Erwartungen der Hannover Expo2000 befriedigt werden, eine wirklich grüne Stadt zu entwickeln? Wie gesagt, alles höchst spannend. Was es aber konkret mit Europas Kultur zu tun hat, soll die Jury bewerten. Aus den Plattitüden der Pressemitteilungen liest es sich nicht heraus.

 

Hildesheim: Beets, Roses and the Meaning of Life

 

Mit echten geschichtlichen Wurzeln im wörtlichen Sinne bewirbt sich Hildesheim um den Titel: Die Zuckerrübe, das weiße Gold der Börde Niedersachsens, hat Hildesheim reich gemacht, und sie steht Pate in dem Motto von „Rüben, Rosen und dem Sinn des Lebens“. Die Stadt Hildesheim geht gemeinsam mit dem Landkreis Hildesheim und 17 weiteren Kommunen ins Rennen, weshalb die regionalen Zusammenhänge hier besonders betont werden. Seit je gilt: Ohne die landwirtschaftlichen Erträge der Region hätte es in der Stadt kein Theater gegeben. Die 815 gegründete Domstadt Hildesheim ist mit knapp über 100.000 Einwohnern „gerade noch so“ Großstadt, wie es Thomas Harling, Leiter des Kulturhauptstadtbüros Hi2025, bei der Präsentation der Bewerbung in Berlin formulierte: „Wir bewerben uns nicht, obwohl wir Provinz sind, sondern weil wir Provinz sind.“ Tatsächlich verdient die Kultur, die in der Fläche jenseits der Metropolen stattfindet, mehr Beachtung als in der Kulturpolitik sonst üblich. Dem trägt Hildesheims Bewerbung Rechnung. Das Gebiet von Alfeld bis Söhlde wird dabei als eine Kulturregion in Niedersachsen zusammengefasst, deren Gemeinde- und Kreisverwaltungen heute bereits eng kooperieren, nicht immer ohne Probleme, insbesondere wenn es um die gemeinsame Finanzierung von Theater, Musikschule, Kindergarten und anderes geht. Das sorgsam ausgearbeitete Bidbook von Hi2025 benennt dabei eine noch bestehende Schwäche der Bewerbung, nämlich dass man sich die regionalen Aspekte zwar vorgenommen hat, dass sie aber noch nicht strategisch ausgearbeitet sind. Ein verbesserter ÖPNV beispielsweise, der – wie im Falle Chemnitz – die Region modern zusammenhalten und kulturell zueinanderbringen kann, wird nicht genannt. Doch für strategisches Ausarbeiten gibt es beim Wettbewerb ja die zweite Runde. Hervorragend klar wird schon jetzt, dass Hildesheim ein Vorzeigemodell kulturgeleiteter Regionalentwicklung für ganz Europa angehen will.

 

Ebenfalls ins Motto eingebunden ist die Hildesheimer Rose, die im Stadtwappen als Wahrzeichen verewigt ist und auf den von mittelalterlichen Sagen umwobenen tausendjährigen Rosenstock am Chor der Domkirche zurückgeht. Die uralte Pflanze verbrannte 1945 bei einem Bombenangriff, ihre Wurzel brachte jedoch danach neue Triebe. Ein modernes Hildesheimer Rosenwunder der Hoffnung war entstanden. Mit seiner Bewerbung ersehnt sich Hildesheim nicht nur ein „Back to the Roots“, sprich zurück zu den Wurzeln, sondern auch ein re[‘ru:]ting. Was für ein vertracktes Wortspiel! Hildesheim will die Wurzeln nochmals neu treiben lassen und sich auf den Weg, also auf die Route, machen. Gemeint ist damit eine europäische Neuauflage der Stadt, der Kultur wegen, die den Sinn des Lebens ausmacht …

 

Hildesheim ist Kulturstadt. Der Mariendom, seine Ausstattung sowie die Michaeliskirche bezeugen den kulturellen Reichtum und sie sind seit 1985 UNESCO-Welterbe. Eine weitere UNESCO-Stätte in der Region ist die von Architekt Walter Gropius errichtete Fagus-Fabrik. Hildesheim verfügt über eine solide kulturelle Infrastruktur, hat – um ein paar Beispiele zu nennen – insgesamt mit der Region 30 Museen, zahlreiche internationale Festivals, das soziokulturelle Zentrum Kulturfabrik Löseke sowie das Theater für Niedersachsen, das nach einer Fusion heute hervorragend die gesamte Region mit Bühnenproduktionen versorgt. Mit der Universität Hildesheim beherbergt die Stadt rund 1.000 Studierende der Kulturwissenschaften und angewandten Künste, an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst studieren weitere 800 im Bereich Gestaltung. Zudem hat in der Stadt das „Center for World Music“ seinen Sitz. Hier gibt es ein Archiv von Klängen aus der ganzen Welt. Es gibt den Kunstverein, ein Literaturhaus und, nicht zu vergessen, die über 240 Kirchen mit 221 Orgeln. Potenziale sind also reichlich vorhanden. Wie sie zu nutzen sind, ist auch im Kulturentwicklungsplan „Hildesheim 2030“ bereits gut formuliert, was eine der großen Stärken der Bewerbung ist. Was im Bidbook skizziert ist, hat bereits Hand und Fuß. Am 7. November hat die Stadt ihr Bidbook der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und in Form eines Pecha-Kucha-Vortrags präsentiert. Bei diesem kurzweiligen Vortragsformat werden Folien gezeigt, über die jeweils nie länger als 20 Sekunden referiert wird.

 

Auch in Hildesheim kam die Idee zur Bewerbung aus der Mitte der Stadtgesellschaft. Als 2015 das große Stadtjubiläum gefeiert wurde, fand sich ein Freundeskreis, der die Kommunalpolitik rasch überzeugte und auch den Landkreis und die dortigen Kommunen für das Vorhaben gewann. Für Hi2025 liegt ein einstimmiger Beschluss von allen Räten aus Stadt und Landkreis vor. Ein mutiger Schritt! Auch haushaltspolitisch, weil sich Hildesheim wegen seines stetig wachsenden Schuldenbergs zu einer strengen Sparpolitik gegenüber dem Bundesland Niedersachsen verpflichtet hat. Das zeigt sich spürbar in den Zahlen: 2019 lag das Hildesheimer Kulturbudget bei 9,6 Millionen Euro, was lediglich 2,7 Prozent des Gesamtbudgets entspricht. Im positiven Fall, wenn Hildesheim den Titel erhält, soll das kommunale Kulturbudget auf über 10 Millionen Euro ansteigen. Für das operative Budget der Kulturhauptstadt Europas plant Hildesheim 54,2 Millionen Euro, wovon unter anderem als Planzahl 15 Millionen Euro von Niedersachsen enthalten sind, von der Stadt 5 Millionen und vom Landkreis 6,2 Millionen Euro. Die Bundesmittel sind hier auf 20 Millionen angesetzt. Das ist ehrgeizig kalkuliert.

 

Magdeburg will raus aus der Leere

 

Ideengeber für das Bewerbungskonzept Magdeburgs ist der 1602 in Magdeburg geborene Otto von Guericke, Bürgermeister der Stadt und erfindungsreicher Naturwissenschaftler, der im 17. Jahrhundert mithilfe von Kolbenpumpen die Vakuumtechnik begründete. Bekannt bis heute sind vor allem seine Experimente mit den Magdeburger Halbkugeln, deren Inneres leergepumpt wird, wodurch beide Kugelhälften fest aneinanderhaften. „Das Vakuum ist eine sehr starke Kraft“, fasst Tamás Szalay, Leiter des Bewerbungsbüros Magdeburg2025 und Kulturhauptstadt-Experte, die Quintessenz der Entdeckung von Guerickes zusammen. Diese Kraft will Magdeburg, wenn es den Titel Europas Kulturhauptstadt erhalten sollte, walten lassen, und zwar unter dem Motto „Out of the Void – Raus aus der Leere“. Denn in vielen Bürgergesprächen habe sich gezeigt, dass Magdeburg immer wieder als „Stadt der Leere“ wahrgenommen würde, nicht zuletzt weil das Magdeburger Stadtbild voller Leerstellen sei. Es fehle mitunter der soziale Zusammenhalt, sowohl auf lokaler wie auf europäischer Ebene. „Außerdem sind wir wie ein blinder Fleck auf der europäischen Landkarte“, sagt Szalay, „sogar innerhalb Deutschlands werden wir wenig wahrgenommen“. Die Bewerbung um den Titel sieht die Stadt deshalb als Chance, diese Unterbelichtung zu erhellen. Immerhin – Licht durchdringt das Vakuum, der Schall allerdings tut das nicht. Ob die Metapher vom kräftigen Nichts deshalb wirklich geeignet ist, um damit als Motto ein Kulturhauptstadtjahr auszurichten, wird man sehen, falls Magdeburg auf die Shortlist kommt. „Das Bild von der Leere betrachten wir als Motto der Bewerbungsphase, mit Weiterentwicklungspotenzial“, so Szalay. Im Fall, dass man es auf die Shortlist schafft, werden bei einzelnen Programmplanungen auch konkrete Partner genannt. Vorerst erfährt man hier nur vage Angaben. Die Stadt hat ihr auf Englisch verfasstes Bidbook bislang nicht öffentlich gemacht. Nur eine sehr knapp gehaltene Zusammenfassung auf Deutsch gibt es auf

magdeburg2025.de zu lesen. Nach Shortlist-Bekanntgabe wird ab Mitte Dezember das originale Bidbook publik.

 

Obwohl also noch nicht viel spruchreif ist, erkennt man dennoch, dass das Prozesshafte, das mit einer Bewerbungsphase zur Kulturhauptstadt einhergeht, auch in Magdeburg bereits gut in Gang gekommen ist. Akteure haben sich vernetzt. Mit dem sogenannten KUBUS 2025 ist im April 2016 ein Pavillon, das heißt eine schöne, lichtdurchflutete Architektur, eröffnet worden, wo regelmäßig zu Kulturgesprächen und Vorträgen eingeladen wird. Einige Projekte für die Kulturhauptstadt sind bereits angedacht.
Drei große Themengruppen sind für Magdeburg2025 aufgestellt worden: Anziehungskraft, Natur des Raumes und Neue Frequenzen. In jeder Gruppe finden sich Projekte wieder, die jeweils Lebensbereiche betreffen, die sowohl für Magdeburg als Stadt als auch für Europa wichtig zu entwickeln sind. Ein Beispiel bei der Themengruppe Anziehungskraft – „Force of Attraction“ – ist das Projekt „Shared City“, die „Teilende Stadt“, das das historische Erbe des Magdeburger Rechts wiederbeleben will. Im Mittelalter entstand im 13. bzw. 14. Jahrhundert in Magdeburg ein Stadtrecht, das in der Rechtsgeschichte, was heutige Maßstäbe von Bürger- und Menschenrechte betrifft, einen großen Fortschritt darstellte. Z. B. wurden Kaufleute vor Willkür geschützt, Familienrechenschaft und Sippenhaft wurden abgeschafft. Das Magdeburger Recht wurde von mehr als 1.000 ost- und mitteleuropäischen Städten übernommen. „Diese Geschichte wollen wir neu interpretieren“, sagt Szalay. Das Projekt Shared City wird einige Städte zusammenbringen, in denen ehemals das Magdeburger Recht galt. Mit ihnen soll diskutiert werden, was emanzipierte Bürgerfreiheit in Europa heute bedeutet.

 

In der Themengruppe „Natur des Raumes“ sollen Projekte den Fokus auf eine neue Attraktivität des städtischen Lebens legen, wobei es hier in den wenigen Zeilen der Bewerbungskurzfassung ein bisschen durcheinandergeht: Die Zerstörung und der Wiederaufbau Magdeburgs nach dem Krieg sowie die Parks und Grünflächen der Stadt sollen als Stimulus dienen, um sich regionalen und globalen Themen wie Biodiversität, Gewässerschutz und Lebensmittelproduktion zu widmen. Weiteres wird nicht erklärt. Bleibt zu hoffen, dass der Jury schlüssigere Erklärungen vorliegen. Ansonsten erscheinen Absichtsbekundungen wie etwa, dass die Elbe als „Wahrzeichen der Stadt“ noch stärker in die Innenstadt integriert werden soll, erschreckend inhaltsleer. Ob das gewollt als Vakuum gedacht ist oder ob es dafür schon Pläne gibt, wird die Öffentlichkeit ab der zweiten Runde der Bewerbung erfahren.

 

Im Finanzhaushalt 2019 hat Magdeburg für seine Kultur 45,5 Millionen Euro ausgegeben. Das sind 6,3 Prozent des Gesamtbudgets der Stadt. Für die operativen Ausgaben im Titeljahr plant die Stadt ein Gesamtbudget von 60,25 Millionen Euro, das sich zu je einem Drittel aus 20 Millionen Euro von Stadt, Land und Bund zusammensetzt.

Nürnberg – Past Forward

 

Das Image einer Stadt wird durch seine Vergangenheit geprägt. Das ist auch bei Nürnberg so. Die mit einer halben Million Einwohner zweitgrößte Stadt Bayerns hatte ihre große Blütezeit im Mittelalter, ist bekannt für den berühmtesten Sohn der Stadt, Albrecht Dürer, wird geliebt für seinen Christkindlesmarkt und die Bratwürste. Nürnberg war während der Terrorherrschaft der NSDAP die Nazistadt schlechthin und wird heute international geschätzt wegen seines informativen und aufklärenden Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände. Insofern hat Nürnberg kein unbedingt schlechtes Image, aber eines, das schwer in der Vergangenheit verankert ist. Und das, obwohl die Gegenwart schon längst neue Realitäten geschaffen hat. 46 Prozent der Nürnbergerinnen und Nürnberger haben Migrationshintergrund. „Die hier lebenden Menschen mit internationaler Geschichte haben eine andere Sicht auf die Nürnberger Vergangenheit, und sie fließt noch zu wenig ins Selbstbild der Stadt ein“, ist Hans-Joachim Wagner, Leiter des Kulturhauptstadtbüros, überzeugt, und er fügt hinzu, dass diese Verwerfung in mancher europäischen Stadt anzutreffen sei. Mit der Bewerbung als Europas Kulturhauptstadt soll das anders werden. Als N2025 will die Stadt das Nürnberg und das Europa von morgen erarbeiten, erlernen und erspielen. Der gewählte Claim „Past Forward“ soll das Vorhaben auf den Punkt bringen. Mit der Vergangenheit vor Augen zum Sprung in die Zukunft ansetzen …

 

Nürnberg hat sein Bidbook auf Englisch veröffentlicht. Es ist online abrufbar, ebenso eine deutsche Zusammenfassung davon. Seit Mai 2017 sind in Nürnberg zahlreiche partizipative Projekte an den Start gegangen, die letzten Endes die Bewerbung inhaltlich erarbeitet haben. Es gab Workshops und zwei Open Calls, bei denen die Nürnberger befragt wurden, was ihnen als Kulturhauptstadt wichtig wäre. Zudem hat sich für N2025 eine Bürgerinitiative gegründet, sodass die Bewerbung von einer breiten Basis gestützt wird.

 

Wichtiger Baustein bei Nürnberg sind die neuen kreativen Orte, die im Zusammenhang mit N2025 aufgebaut werden sollen, verknüpft mit der Frage, wie die Idee von Soziokultur modernisiert und ins 21. Jahrhundert überführt werden kann. Denn Nürnberg hat in seinen Stadtteilen insgesamt elf Kulturläden, die ab den 1960er Jahren entstanden sind und bis heute viel Identifikation fürs städtische Gemeinwohl bieten und die kommunalpolitische Willensbildung befördern. Doch manches, was früher nach dem Motto „Umsonst & Draußen“ als selbstverständlich galt, funktioniert heute nicht mehr ohne Weiteres. Hier neue Wege zu gehen, könnte ein Modell für andere europäische Städte werden, die ebenfalls ihre Soziokultur hinterfragen und neu anpacken möchten. Ganz konkret greifbar steht die bauliche Generalüberholung des Kulturladens/Gemeinschaftshauses Langwasser auf Nürnbergs Planliste für 2025, und zwar neben anderen Vorhaben wie die Sanierung des Museums Industriekultur, Renovierung der Staatsoper, Rekonstruktionen am Künstlerhaus, Abschlussarbeiten am Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgebäude und weitere.

 

Nicht mehr zeitgemäß ist Nürnberg für seine in den letzten Jahren nachgewachsene junge Kreativszene aufgestellt. Es fehlt spürbar an Ateliers, an Proberäumen für Musik und an Studios für den Tanz. Das dürfte mit Grund sein, dass Kultur aus Nürnberg mitunter das gewisse Etwas an Avantgarde oder Internationalität fehlt. Die Bewerbung N2025 bietet die Chance, das aufzuholen. Ein Vorschlag ist, Teile des nationalsozialistischen Monumentalbaus Kongresshalle auf dem Reichsparteitagsgelände für Kultur- und Kreativwirtschaft zu nutzen. Ein internationales Kunst- und Kulturzentrum soll dort entstehen und 2025 eröffnet werden.

 

Nürnberg hat 2019 für seine Kultur 85,9 Millionen Euro ausgegeben, was 4,12 Prozent des Gesamtbudgets der Stadt entspricht. Für die operativen Ausgaben im Titeljahr plant die Stadt ein Gesamtbudget von 85 Millionen Euro, das sich – wie bei anderen Bewerbern auch – aus Geldern des öffentlichen und privaten Sektors zusammensetzt. Die Stadt und der Freistaat geben dabei je 30 Millionen Euro, der Bund ist mit 10 Millionen als Planzahl dabei und weitere 7,5 Millionen kommen von der Europäischen Metropolregion Nürnberg.

 

Zittau – 365°LEBEN mit Dreiländerbrücke in Europa

 

Eine vielversprechende Bewerbung mit allgegenwärtigem europäischem Selbstverständnis hat Zittau eingereicht. Die Stadt mit gerade mal 25.000 Einwohnern liegt im Südosten Deutschlands im Dreiländereck in unmittelbarer Nachbarschaft mit Bogatynia (Reichenau) in Polen und Liberec (Reichenberg) in Tschechien. Zittaus Lage ist das stärkste Argument. Das ist unter den acht Bewerberstädten ein kostbares Alleinstellungsmerkmal. Das Zusammenleben in Europa ist in Zittau Realität und Normalität, wobei das freilich mit Vor- und Nachteilen sowie mit Chancen und Risiken verbunden ist. Doch vor allem die letzten Jahre zeigen, dass das trinationale Miteinander der Nachbarn zunehmend stärker geworden ist. „Europa einzuladen, sich das anzusehen, ist ein wichtiger Grund, weshalb wir uns auf den Titel bewerben“, sagt Kai Grebasch, Projektverantwortlicher von Zittau2025. Zittau hatte die Europa- und Kommunalwahlen im Mai 2019 genutzt und zeitgleich einen Bürgerentscheid abgefragt, wonach sich eine deutliche Mehrheit von 74,2 Prozent für die Bewerbung Zittaus auf die Kulturhauptstadt Europas aussprach. Widersprüchlich war dabei, dass die AfD bei den Wahlen ebenfalls mit guten Ergebnissen abschnitt, obwohl sie als EU-kritische Partei den Inhalten des Kulturhauptstadt-Wettbewerbs politisch komplett entgegensteht. Sich darauf einen Reim zu machen, ist nicht ganz einfach. Die Bürger wollen Verbesserungen ihrer Lebensverhältnisse. Das versprechen sie sich von der EU-Kulturhauptstadt. Das versprechen sie sich aber wohl auch von vereinfachten populistischen Wahlversprechen europafeindlicher Scharfmacher … Wie dem auch sei: Egal, ob Zittau schlussendlich den Titel holt, war das Votum des Bürgerentscheids ein gutes Zeichen für die Dreiländerregion, die mit rund 1,2 Millionen Einwohnern eine wichtige Nahtstelle für die EU darstellt. In Zittau sei es tägliche Aufgabe, konstruktive Gegenentwürfe zu Spaltungstendenzen der EU zu entwickeln, fasst Kai Grebasch zusammen.

 

Zittau hat sein Bidbook unter das Motto 365°LEBEN gestellt, das heißt es geht an 365 Tagen im Jahr in 360 Grad um Zittau herum. Dies ist auch eine Anspielung auf das spektakulärste Vorhaben der Bewerbung, eine Dreiländerbrücke. Über den Fluss Neiße, der die Länder als „natürliche Grenze“ teilt, soll eine dreiarmige Brücke gebaut werden, deren höchster Punkt sich direkt über dem geografischen Dreiländerpunkt im Wasser befindet. Das Projekt ist bereits bei allen Partnern hüben wie drüben angedacht. Zittau ist eine kleine Stadt. Allein hat es keine Chance, den Titel zu holen. Die Bewerbung kommt deshalb definitiv aus der gesamten Region, wobei hier auch Projekte der benachbarten Kreisstadt Görlitz inbegriffen sind. Görlitz hatte sich ehemals für 2010 auf den Titel beworben, flog aber in der Endentscheidung aus dem Rennen, was schwere Enttäuschung nach sich zog. Vieles, was aus Verwaltung und Bevölkerung in der Bewerbungsphase angegangen war, musste umgedacht, reduziert oder aufgegeben werden. Stadt- und Kulturentwicklung fielen in eine Art Depression.

 

Über fünf Hauptprojekte liest man im Bidbook, das Zittau sofort nach Abgabe der Bewerbung publizierte und zudem noch für die Öffentlichkeit als eine gefälligere Lesefassung einrichtete, damit sich möglichst viele Menschen zeitnah über Zittaus kulturpolitische Qualitäten informieren können. Zu den Hauptprojekten gehören die sogenannte Bühne³, die als Veranstaltungsort am Dreiländereck auf oder an der Brücke entstehen soll, und das spartenübergreifende Großprojekt „Grenzland – Transition Europe“, bei dem sich die internationalen Kultureinrichtungen der Region vernetzen. Ähnlich ausgerichtet ist auch das Projekt „Zi you/See EU – Fest der Festivals“, bei dem sich Festspiele und Kulturhighlights zusammentun. In Zittau befindet sich das leerstehende Industriebauwerk Robur, einer der legendärsten Nutzfahrzeughersteller der DDR. Das Gebäude soll als würdiger Ort für Erinnerung und Dialog eingerichtet, aber auch als Ausstellungsraum für die historischen Fahrzeuge restauriert werden. Das Projekt wurde aus der Bürgerbeteiligung heraus in Workshops thematisch erarbeitet und entwickelt. Als weiteres Großprojekt plant Zittau, für jeden Monat des Veranstaltungsjahres das Kulturprogramm jeweils von einem Partnerland und Deutschland zu bestellen. Als elf Partnerländer sind hier die neun Nachbarländer Deutschlands mit dabei, Slowenien, das 2025 ebenfalls eine Kulturhauptstadt beheimatet und Georgien als mögliches neues EU-Aufnahmeland.

 

Zittau hat aufgrund seiner Größe verglichen mit den anderen Bewerberstädten eine finanziell kleinere Dimension. 2019 betragen laut Prognose die Kulturausgaben 3,29 Millionen Euro, was 5,63 Prozent des Gesamtbudgets entspricht. 45,7 Millionen Euro veranschlagt Zittau als operative Ausgabe im Veranstaltungsjahr, wovon 4 Prozent aus dem privaten Sektor kommen sollen. Die Stadt will rund eine Million Euro aufbringen, die bislang teilweise gesichert sind. Die in Aussicht gestellten Bundesmittel plant Zittau mit 20 Millionen Euro ein.

 

Daumen drücken!

 

Wie unterschiedlich diese Zahlen doch sind! Schon hier verrät der Wettbewerb viel über die mal bescheidenen, mal anspruchsvollen Erwartungen der jeweiligen Kommunalkultur an den Bund. Wie viele Gelder seitens der Bundesregierung frei werden, steht ja noch längst nicht fest. Lustig ist dabei schon, dass die Wettbewerbsjury über solch ungleiche Hoffnungen ernsthaft urteilen soll. Die einen planen 10 Millionen Euro ein, die anderen kurzerhand das Doppelte davon. In der Öffentlichkeit kann das leider auch den faden Eindruck hinterlassen, dass es auf ein paar Milliönchen nicht ankäme. Diesem Eindruck entgegenzuwirken, muss in der zweiten Wettbewerbsrunde dringend Rechnung getragen werden. Hier stehen auch die Ausrichter des Wettbewerbs in der Verantwortung. Mit den Bewerbungen auf 2025 ist jedenfalls in allen acht Städten schon jetzt vieles in Bewegung gekommen, was der Kultur und der jeweiligen Stadtentwicklung in den kommenden Jahren guttun wird. Auch unabhängig davon, ob man den großen Titel davonträgt. In diesem Sinne gilt es jetzt, allen die Daumen zu drücken.

 

Nach Redaktionsschluss (7.11.2019) veröffentlichte Hannover sein Bidbook.

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 12/2019-01/2020.

Sven Scherz-Schade
Sven Scherz-Schade ist freier Journalist in Karlsruhe und arbeitet unter anderem zu den Themen Kultur und Kulturpolitik für den Hörfunk SWR2.
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