Wettbewerb in erster Runde

Acht deutsche Städte bewerben sich um den Titel "Kulturhauptstadt Europas 2025"

Nürnberg – Past Forward

 

Das Image einer Stadt wird durch seine Vergangenheit geprägt. Das ist auch bei Nürnberg so. Die mit einer halben Million Einwohner zweitgrößte Stadt Bayerns hatte ihre große Blütezeit im Mittelalter, ist bekannt für den berühmtesten Sohn der Stadt, Albrecht Dürer, wird geliebt für seinen Christkindlesmarkt und die Bratwürste. Nürnberg war während der Terrorherrschaft der NSDAP die Nazistadt schlechthin und wird heute international geschätzt wegen seines informativen und aufklärenden Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände. Insofern hat Nürnberg kein unbedingt schlechtes Image, aber eines, das schwer in der Vergangenheit verankert ist. Und das, obwohl die Gegenwart schon längst neue Realitäten geschaffen hat. 46 Prozent der Nürnbergerinnen und Nürnberger haben Migrationshintergrund. „Die hier lebenden Menschen mit internationaler Geschichte haben eine andere Sicht auf die Nürnberger Vergangenheit, und sie fließt noch zu wenig ins Selbstbild der Stadt ein“, ist Hans-Joachim Wagner, Leiter des Kulturhauptstadtbüros, überzeugt, und er fügt hinzu, dass diese Verwerfung in mancher europäischen Stadt anzutreffen sei. Mit der Bewerbung als Europas Kulturhauptstadt soll das anders werden. Als N2025 will die Stadt das Nürnberg und das Europa von morgen erarbeiten, erlernen und erspielen. Der gewählte Claim „Past Forward“ soll das Vorhaben auf den Punkt bringen. Mit der Vergangenheit vor Augen zum Sprung in die Zukunft ansetzen …

 

Nürnberg hat sein Bidbook auf Englisch veröffentlicht. Es ist online abrufbar, ebenso eine deutsche Zusammenfassung davon. Seit Mai 2017 sind in Nürnberg zahlreiche partizipative Projekte an den Start gegangen, die letzten Endes die Bewerbung inhaltlich erarbeitet haben. Es gab Workshops und zwei Open Calls, bei denen die Nürnberger befragt wurden, was ihnen als Kulturhauptstadt wichtig wäre. Zudem hat sich für N2025 eine Bürgerinitiative gegründet, sodass die Bewerbung von einer breiten Basis gestützt wird.

 

Wichtiger Baustein bei Nürnberg sind die neuen kreativen Orte, die im Zusammenhang mit N2025 aufgebaut werden sollen, verknüpft mit der Frage, wie die Idee von Soziokultur modernisiert und ins 21. Jahrhundert überführt werden kann. Denn Nürnberg hat in seinen Stadtteilen insgesamt elf Kulturläden, die ab den 1960er Jahren entstanden sind und bis heute viel Identifikation fürs städtische Gemeinwohl bieten und die kommunalpolitische Willensbildung befördern. Doch manches, was früher nach dem Motto „Umsonst & Draußen“ als selbstverständlich galt, funktioniert heute nicht mehr ohne Weiteres. Hier neue Wege zu gehen, könnte ein Modell für andere europäische Städte werden, die ebenfalls ihre Soziokultur hinterfragen und neu anpacken möchten. Ganz konkret greifbar steht die bauliche Generalüberholung des Kulturladens/Gemeinschaftshauses Langwasser auf Nürnbergs Planliste für 2025, und zwar neben anderen Vorhaben wie die Sanierung des Museums Industriekultur, Renovierung der Staatsoper, Rekonstruktionen am Künstlerhaus, Abschlussarbeiten am Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgebäude und weitere.

 

Nicht mehr zeitgemäß ist Nürnberg für seine in den letzten Jahren nachgewachsene junge Kreativszene aufgestellt. Es fehlt spürbar an Ateliers, an Proberäumen für Musik und an Studios für den Tanz. Das dürfte mit Grund sein, dass Kultur aus Nürnberg mitunter das gewisse Etwas an Avantgarde oder Internationalität fehlt. Die Bewerbung N2025 bietet die Chance, das aufzuholen. Ein Vorschlag ist, Teile des nationalsozialistischen Monumentalbaus Kongresshalle auf dem Reichsparteitagsgelände für Kultur- und Kreativwirtschaft zu nutzen. Ein internationales Kunst- und Kulturzentrum soll dort entstehen und 2025 eröffnet werden.

 

Nürnberg hat 2019 für seine Kultur 85,9 Millionen Euro ausgegeben, was 4,12 Prozent des Gesamtbudgets der Stadt entspricht. Für die operativen Ausgaben im Titeljahr plant die Stadt ein Gesamtbudget von 85 Millionen Euro, das sich – wie bei anderen Bewerbern auch – aus Geldern des öffentlichen und privaten Sektors zusammensetzt. Die Stadt und der Freistaat geben dabei je 30 Millionen Euro, der Bund ist mit 10 Millionen als Planzahl dabei und weitere 7,5 Millionen kommen von der Europäischen Metropolregion Nürnberg.

Sven Scherz-Schade
Sven Scherz-Schade ist freier Journalist in Karlsruhe und arbeitet unter anderem zu den Themen Kultur und Kulturpolitik für den Hörfunk SWR2.
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