Wettbewerb in erster Runde

Acht deutsche Städte bewerben sich um den Titel "Kulturhauptstadt Europas 2025"

 

Hildesheim: Beets, Roses and the Meaning of Life

 

Mit echten geschichtlichen Wurzeln im wörtlichen Sinne bewirbt sich Hildesheim um den Titel: Die Zuckerrübe, das weiße Gold der Börde Niedersachsens, hat Hildesheim reich gemacht, und sie steht Pate in dem Motto von „Rüben, Rosen und dem Sinn des Lebens“. Die Stadt Hildesheim geht gemeinsam mit dem Landkreis Hildesheim und 17 weiteren Kommunen ins Rennen, weshalb die regionalen Zusammenhänge hier besonders betont werden. Seit je gilt: Ohne die landwirtschaftlichen Erträge der Region hätte es in der Stadt kein Theater gegeben. Die 815 gegründete Domstadt Hildesheim ist mit knapp über 100.000 Einwohnern „gerade noch so“ Großstadt, wie es Thomas Harling, Leiter des Kulturhauptstadtbüros Hi2025, bei der Präsentation der Bewerbung in Berlin formulierte: „Wir bewerben uns nicht, obwohl wir Provinz sind, sondern weil wir Provinz sind.“ Tatsächlich verdient die Kultur, die in der Fläche jenseits der Metropolen stattfindet, mehr Beachtung als in der Kulturpolitik sonst üblich. Dem trägt Hildesheims Bewerbung Rechnung. Das Gebiet von Alfeld bis Söhlde wird dabei als eine Kulturregion in Niedersachsen zusammengefasst, deren Gemeinde- und Kreisverwaltungen heute bereits eng kooperieren, nicht immer ohne Probleme, insbesondere wenn es um die gemeinsame Finanzierung von Theater, Musikschule, Kindergarten und anderes geht. Das sorgsam ausgearbeitete Bidbook von Hi2025 benennt dabei eine noch bestehende Schwäche der Bewerbung, nämlich dass man sich die regionalen Aspekte zwar vorgenommen hat, dass sie aber noch nicht strategisch ausgearbeitet sind. Ein verbesserter ÖPNV beispielsweise, der – wie im Falle Chemnitz – die Region modern zusammenhalten und kulturell zueinanderbringen kann, wird nicht genannt. Doch für strategisches Ausarbeiten gibt es beim Wettbewerb ja die zweite Runde. Hervorragend klar wird schon jetzt, dass Hildesheim ein Vorzeigemodell kulturgeleiteter Regionalentwicklung für ganz Europa angehen will.

 

Ebenfalls ins Motto eingebunden ist die Hildesheimer Rose, die im Stadtwappen als Wahrzeichen verewigt ist und auf den von mittelalterlichen Sagen umwobenen tausendjährigen Rosenstock am Chor der Domkirche zurückgeht. Die uralte Pflanze verbrannte 1945 bei einem Bombenangriff, ihre Wurzel brachte jedoch danach neue Triebe. Ein modernes Hildesheimer Rosenwunder der Hoffnung war entstanden. Mit seiner Bewerbung ersehnt sich Hildesheim nicht nur ein „Back to the Roots“, sprich zurück zu den Wurzeln, sondern auch ein re[‘ru:]ting. Was für ein vertracktes Wortspiel! Hildesheim will die Wurzeln nochmals neu treiben lassen und sich auf den Weg, also auf die Route, machen. Gemeint ist damit eine europäische Neuauflage der Stadt, der Kultur wegen, die den Sinn des Lebens ausmacht …

 

Hildesheim ist Kulturstadt. Der Mariendom, seine Ausstattung sowie die Michaeliskirche bezeugen den kulturellen Reichtum und sie sind seit 1985 UNESCO-Welterbe. Eine weitere UNESCO-Stätte in der Region ist die von Architekt Walter Gropius errichtete Fagus-Fabrik. Hildesheim verfügt über eine solide kulturelle Infrastruktur, hat – um ein paar Beispiele zu nennen – insgesamt mit der Region 30 Museen, zahlreiche internationale Festivals, das soziokulturelle Zentrum Kulturfabrik Löseke sowie das Theater für Niedersachsen, das nach einer Fusion heute hervorragend die gesamte Region mit Bühnenproduktionen versorgt. Mit der Universität Hildesheim beherbergt die Stadt rund 1.000 Studierende der Kulturwissenschaften und angewandten Künste, an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst studieren weitere 800 im Bereich Gestaltung. Zudem hat in der Stadt das „Center for World Music“ seinen Sitz. Hier gibt es ein Archiv von Klängen aus der ganzen Welt. Es gibt den Kunstverein, ein Literaturhaus und, nicht zu vergessen, die über 240 Kirchen mit 221 Orgeln. Potenziale sind also reichlich vorhanden. Wie sie zu nutzen sind, ist auch im Kulturentwicklungsplan „Hildesheim 2030“ bereits gut formuliert, was eine der großen Stärken der Bewerbung ist. Was im Bidbook skizziert ist, hat bereits Hand und Fuß. Am 7. November hat die Stadt ihr Bidbook der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und in Form eines Pecha-Kucha-Vortrags präsentiert. Bei diesem kurzweiligen Vortragsformat werden Folien gezeigt, über die jeweils nie länger als 20 Sekunden referiert wird.

 

Auch in Hildesheim kam die Idee zur Bewerbung aus der Mitte der Stadtgesellschaft. Als 2015 das große Stadtjubiläum gefeiert wurde, fand sich ein Freundeskreis, der die Kommunalpolitik rasch überzeugte und auch den Landkreis und die dortigen Kommunen für das Vorhaben gewann. Für Hi2025 liegt ein einstimmiger Beschluss von allen Räten aus Stadt und Landkreis vor. Ein mutiger Schritt! Auch haushaltspolitisch, weil sich Hildesheim wegen seines stetig wachsenden Schuldenbergs zu einer strengen Sparpolitik gegenüber dem Bundesland Niedersachsen verpflichtet hat. Das zeigt sich spürbar in den Zahlen: 2019 lag das Hildesheimer Kulturbudget bei 9,6 Millionen Euro, was lediglich 2,7 Prozent des Gesamtbudgets entspricht. Im positiven Fall, wenn Hildesheim den Titel erhält, soll das kommunale Kulturbudget auf über 10 Millionen Euro ansteigen. Für das operative Budget der Kulturhauptstadt Europas plant Hildesheim 54,2 Millionen Euro, wovon unter anderem als Planzahl 15 Millionen Euro von Niedersachsen enthalten sind, von der Stadt 5 Millionen und vom Landkreis 6,2 Millionen Euro. Die Bundesmittel sind hier auf 20 Millionen angesetzt. Das ist ehrgeizig kalkuliert.

Sven Scherz-Schade
Sven Scherz-Schade ist freier Journalist in Karlsruhe und arbeitet unter anderem zu den Themen Kultur und Kulturpolitik für den Hörfunk SWR2.
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