Wettbewerb in erster Runde

Acht deutsche Städte bewerben sich um den Titel "Kulturhauptstadt Europas 2025"

 

Gera im Aufwind: Ostdeutsche Identität und Transformation

 

Neugierig macht die Bewerbung, mit der sich Gera in Thüringen an die Jury wendet. Das Kulturpotenzial der 95.000-Einwohner-Stadt ist vielen in Europa, aber auch in Deutschland, völlig unbekannt. „Geras Schätze gilt es zu heben und darzustellen“, sagt Kulturhauptstadtmanager Peter Baumgardt, der gern und nicht ohne Stolz das pfiffig gewählte Motto „Im Aufwind“ erläutert. Es gibt „Rückenwind“ durch die kooperierende Region, die ehemals von sieben Fürstentümern in der Epoche der deutschen Kleinstaaterei geprägt war und nun mit und für Europa Beispiel des Zusammenhalts sein kann. Es gibt „Ostwind“, wenn die Stadt sich ihrer ostdeutschen Verortung stellt. Zu DDR-Zeiten baute in Gera das Bergbauunternehmen Sowjetisch-Deutsche Aktiengesellschaft Wismut – kurz von allen „die Wismut“ genannt – Uran ab, das großenteils zu Rüstungszwecken genutzt wurde. Der Uranerzabbau hat Tausende Strahlenopfer gefordert und Umweltschäden hinterlassen. Als Europas Kulturhauptstadt könnte Gera eine energiepolitische Debatte für Europa anregen, die atomare Kultur unseres Kontinents nochmals grundsätzlich zu überdenken. Andere EU-Mitgliedstaaten haben sich nämlich längst nicht so entschieden gegen die Kernenergie gewandt wie Deutschland. Ganz konkret hat „die Wismut“ noch ein anderes Erbe hinterlassen: eine Kunstsammlung mit 4.209 Werken von 450 Künstlerinnen und Künstlern, darunter mehr als 280 Gemälde. Gera will damit eine Ausstellung einrichten im Stammhaus des Unternehmers Hermann Tietz, gegründet 1882 in der Innenstadt. Das Gebäude ist in den letzten sieben Jahrzehnten heruntergekommen und soll bis 2025 saniert werden, um neben der Wismut-Schau auch eine Bildungseinrichtung und ein Jugendkulturzentrum zu beherbergen.

 

Bereits 2015 entstand die Idee aus der Bevölkerung heraus, sich für den Titel Europas Kulturhauptstadt zu bewerben. Wie so oft war auch in Gera bereits die erste Bewerbungsphase ein wichtiger zivilgesellschaftlicher Prozess mit Beteiligung vieler Menschen. Das erarbeitete Bidbook ist auf Geras Homepage frei zugänglich, an den Stadtrat wurde es auf USB-Sticks gespeichert verteilt. Ein paar gedruckte Exemplare liegen in einer gemütlich eingerichteten Leseecke im Rathaus und im Kulturhauptstadtbüro aus.

 

„Unser Bidbook soll auch deutlich machen, dass Gera zukunftsorientiert ist“, sagt Baumgardt. Das verwundert nicht. Die unmittelbare Vergangenheit mit dem Niedergang des Bergbaus und der Industrie hat in der Stadt einigen Frust hinterlassen. Da reiht sich auch die Treuhandanstalt nach der deutschen Einheit ein. Sie hatte die staatseigenen Betriebe in privatwirtschaftliche Unternehmen überzuführen, was auch Verletzungen nach sich zog. Es gab unfairen Ausverkauf, Betrügereien und am Ende viele Arbeitslose. Diese bis heute nicht aufgearbeitete deutsch-deutsche Katastrophe in ein Konzept als Kulturhauptstadt zu bringen, ist eine riesige Herausforderung. Gera will dies tun unter dem Stichwort „Westwind“. Es soll zur Diskussion geladen und der Fokus auf Gelungenes gerichtet werden. Eine positive Bilanz nach Mauerfall und Wende fällt – trotz Erfolgen – vielen Menschen in Gera schwer.

 

Ein anderer Programmschwerpunkt Geras liegt bei Otto Dix. Der 1891 in Gera geborene Maler war einer der wichtigsten Vertreter der Neuen Sachlichkeit, der damals vor allem von Deutschland ausgehenden Kunstrichtung, die sich dem Realismus verschrieb. 1925 wurde in Mannheim eine erste große Ausstellung gezeigt und Gera will 2025 unter dem Titel „Neue Neue Sachlichkeit“ Zentrum eines Verbundprojekts in einem Themenjahr „100 Jahre Neue Sachlichkeit“ werden. Detaillierte Programme sind aber noch nicht spruchreif. So ist das Reglement für alle Bewerber. Details müssen erst – im Falle eines Weiterkommens – in der zweiten Bewerbungsrunde verfasst werden. Dann erst wird Genaueres über das Abschlussprogramm des Kulturhauptstadtjahres formuliert, das Europas Zukunft als „Region des Humanismus“ thematisieren soll. Hintergrund dafür ist der 1635 verstorbene Heinrich II. Posthumus. Er war Herr der Stadt und hatte damals als humanistisches Zeichen calvinistischen Flüchtlingen eine neue Heimstadt gegeben, was die Grundlage der späteren Textilwirtschaft in Gera wurde. Sein kupferner Sarkophag, der sich derzeit konserviert auf einem Friedhof befindet, soll in die wieder frei gelegte Gruft „umgebettet“ werden. Die genannten Projekte sowie jene Kulturmeile, die innerstädtisch Kultureinrichtungen auf einer 2-km-Route miteinander kooperativ verbinden soll, wird Gera mit hoher Wahrscheinlichkeit auch dann umsetzen, wenn die Bewerbung als Gera2025 scheitern sollte.

 

Das Kulturbudget Geras liegt 2019 bei rund 15,77 Millionen Euro, was 5,8 Prozent des Jahresgesamtbudgets entspricht. Für die Abdeckung der operativen Ausgaben, also Programme und Veranstaltungen der Kulturhauptstadt, plant Gera für die Jahre 2021 bis 2026 insgesamt 38 Millionen Euro. Darin enthalten sind – wie bei den anderen Bewerbern auch – die Gelder, die von der Bundesregierung über Kulturstaatsministerin Monika Grütters für die endgültige Titelstadt in Aussicht gestellt wurden. Gera plant diese Bundesmittel auf 10 Millionen Euro und orientiert sich damit daran, was ehemals für Weimar und Essen bereitgestellt wurde. Für diese Summen liegt aber kein Beschluss vor. Weitere rund 46 Millionen will Gera in Infrastrukturprojekte stecken, wobei die Stadt sich hier hauptsächlich auf Renovierungen konzentriert, z. B. die Sanierung des Kultur- und Kongresszentrums, des Museums für Naturkunde und der Puppenbühne. Neubauten für Kultur wird es in Gera nicht geben.

Sven Scherz-Schade
Sven Scherz-Schade ist freier Journalist in Karlsruhe und arbeitet unter anderem zu den Themen Kultur und Kulturpolitik für den Hörfunk SWR2.
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