Heimat(en)

Zusammenhalt in Vielfalt gelingt

Deutschland ist für viele Menschen Heimat, zunächst für jene, die hier geboren wurden, hier zur Schule gehen, arbeiten, leben, Familien gründen und dies ganz unabhängig davon, ob die Heimat ihrer Vorfahren in Pommern, in der Ukraine, in Sizilien oder auch in Anatolien war. Die großen deutschen Nachkriegsschriftsteller wie Siegfried Lenz oder Günter Grass haben es vermocht, jene deutsche Welt zu tradieren, die nun polnisch ist. Ihr unverwechselbares Idiom, das ältere Menschen noch erkennen mögen, wird in einigen Jahren nur noch als Ton- und Filmdokument überleben. Genauso wie Günter Grass und Siegfried Lenz über ihre Heimat schrieben, gibt es heute Autoren und Filmemacher, die sich mit der nicht deutschen Heimat ihrer Eltern auseinandersetzen und so zu unverwechselbaren Stimmen der deutschen Kultur geworden sind, sei es lustig, sei es leise, sei es melancholisch. Heimat ist ein imaginärer Ort.

 

Deutschland ist aber auch Heimat für Menschen, die vor Krieg und Verfolgung fliehen. Diese Heimat kann, muss aber nicht temporär sein. Das deutsche Asylrecht, das in den letzten Jahrzehnten mehrfach geändert und eingegrenzt wurde, speist sich in seiner Grundidee aus der Erfahrung vieler Deutscher, die verzweifelt und oft erfolglos in anderen Ländern Asyl vor Verfolgung durch das NS-Regime suchten.

 

Die Erfolgsgeschichte Deutschlands ist, dass dieses Land Heimat wurde. Es ist Heimat für eine Schriftstellerin wie Hatice Akyün, deren aus der Türkei stammender Vater hart in den Zechen des Ruhrgebiets arbeitete. Es ist Heimat für Wladimir Kaminer, der aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland kam und ein viel gelesener deutscher Autor ist. Es ist Heimat für Adriana Altaras, deren aus Jugoslawien stammende Eltern die jüdische Gemeinde in Gießen wiederaufbauten. Viele andere Beispiele ließen sich nennen.

 

Dass die überwiegende Zahl an Deutschen gegenüber Flüchtlingen und Gestrandeten Empathie empfindet und zu großer Hilfsbereitschaft bereit ist, zeigte sich nicht zuletzt im Jahr 2015. Das sehr große ehrenamtliche Engagement machte und macht es möglich, dass Menschen, die aus Krieg und Not flohen, in Deutschland – und sei es vo­rübergehend – eine Heimat finden.

 

Wenn heute von Heimat die Rede ist, sollte das Bild einer Heimat des Zusammenhalts in Vielfalt im Vordergrund stehen. Und vor allem sollte gezeigt werden, dass dieser Zusammenhalt in Vielfalt in großen Teilen gelingt. Dieses Deutschland, das in Anerkenntnis seiner Vergangenheit Vielfalt lebt, das ein guter Nachbar ist, das die europäische Einigung als Chance und nicht als lästige Pflicht sieht, ist ein Grund, stolz auf Deutschland zu sein. Eine solche Heimat distanziert sich klar und unmissverständlich von Populismus und Fremdenhass. Dass Deutschland wieder ein anerkannter Partner in der Staatengemeinschaft ist, ist das Werk der in Deutschland lebenden Menschen, egal wo ihre Vorfahren herkamen und ganz unabhängig davon, ob sie Christen, Juden, Muslime, Buddhisten, Agnostiker oder Atheisten sind. Zusammenhalt in Vielfalt gelingt – das viel öfter zu sagen, wäre ein gutes Signal für unsere Heimat.

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 04/2018.

Olaf Zimmermann & Gabriele Schulz
Olaf Zimmermann ist Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates. Gabriele Schulz ist Stellvertretende Geschäftsführerin des Deutschen Kulturrates.
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