Kommentar: Von alten weißen Männern, von den Vielen versus den Wenigen und der Freiheit der Rede

Alter weißer Mann und weiße Kartoffel, musste ich mich in der letzten Zeit in Diskussionen öfter nennen lassen. Ich verwahre mich immer deutlich gegen solche verbalen Ausfälle. Denn diese Äußerungen sind eindeutig rassistisch und diskriminierend. Die weiße Hautfarbe wird als negative Beschreibung einer, meiner, Rasse genutzt und „alt sein“ ist diskriminierend gemeint.

 

Genutzt werden diese Zuschreibungen durchweg von Menschen, die sich damit gegen Rassismus wehren wollen und der festen Auffassung sind, dass ihr Rassismus natürlich kein Rassismus sei, sondern ein legitimes Mittel, um gesellschaftliche Missstände und Diskriminierungen anzuprangern.

 

Die Geschichte kennt viele Beispiele, dass die, die das Gute wollten, letztlich das Böse gebracht haben, weil sie das Maß verloren haben.

 

Aktuell wird von manchem im Kulturbereich das Erstarken der Rechten mit einem Fundamentalismus bekämpft, der mir zunehmend Angst macht. Wenn selbst schon Menschen aus der politischen Mitte als rechtsextrem gebrandmarkt werden, nur weil sie den Begriff „Leitkultur“ verwenden, ist das gefährlich.

 

Um nicht missverstanden zu werden, die extreme Rechte ist eine sehr große Gefahr. Sie mit Argumenten zu bekämpfen ist Demokratenpflicht. Gerade die Europawahl ist ein guter Zeitpunkt, um sich gegen den Vormarsch der extremen Rechten mit allen demokratisch legitimierten Mitteln zu stemmen.

 

Mir macht der im Kulturbereich gerade inflationär benutzte Begriff „Die Vielen“ zunehmend Sorgen. Es ist eine gewagte Behauptung, wir seien wirklich so viele. Und was bedeutet es eigentlich, zu den Vielen zu gehören? Haben wir mehr Rechte, weil wir zur Mehrheit gehören? Die Stärke einer demokratischen Gesellschaft zeigt sich gerade darin, wieviel Freiheitsrechte die Minderheiten, also die Wenigen, genießen.

 

Unsere universellen Freiheitsrechte dürfen bei den notwendigen politischen Auseinandersetzungen gegen rechts nicht über Bord gehen. Die Meinungsfreiheit gilt nicht nur für diejenigen, die meiner Meinung sind. Deshalb, trotz der Rechtsextremisten inner- und außerhalb des Parlamentes, trotz der Beleidigungen im Netz, trotz der zunehmenden gedankenlosen oder bewussten Nutzung rassistischer Stereotypen von rechts wie links dürfen wir uns die Freiheit des Wortes nicht selbst nehmen.

 

Der ehemalige britische Premier­minister Winston Churchill sagte einmal: „Die Freiheit der Rede hat den Nachteil, dass immer wieder Dummes, Hässliches und Bösartiges gesagt wird. Wenn wir aber alles in allem nehmen, sind wir doch eher bereit, uns damit abzufinden, als sie abzuschaffen.“ So sehe ich das auch!

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 05/2019.

Olaf Zimmermann
Olaf Zimmermann ist Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates und Herausgeber von Politik & Kultur.
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