Vorhang auf?

Gott & die Welt

Das Bild funktioniert. Unwillkürlich will ich den grauen Vorhang aufziehen. Ist aber nicht möglich, er ist gemalt, täuschend echt. „Vorhang“ heißt das Bild von Gerhard Richter, das in der beeindruckenden Werkschau seiner Kunst derzeit im Museum Barberini in Potsdam zu sehen ist. Richter greift hier ein Thema auf, das schon in der Antike besonders attraktiv war. Einen Vorhang so zu malen, dass ich als Betrachter spontan Hand anlegen will: Vorhang auf!

 

Die Digitalisierung in ihrer umfassenden, umstürzenden Wirkung auf alle Lebensbereiche lässt uns das zurzeit öfter, mal mehr, mal weniger fröhlich ausrufen. Wir wollen wissen, was 4.0 in Zukunft heißt: für die Gesellschaft, die Medizin, die Landwirtschaft, die politischen Zusammenhänge, das individuelle Leben. Wie verändert uns die Digitalisierung – unser Zeitgefühl, unsere Art zu lieben, zu leben, zu glauben. Einen spannenden Blick in die Zukunft gönnt uns der Soziologe Dirk Baecker, der die „nächste Gesellschaft“ in Konturen umreißt. Spannend wie im Krimi zeichnet Baecker den Wechsel der tragenden Medien nach: Von der Sprache (1.0/ tribal) über die Schrift (2.0/ antik), den Buchdruck (3.0/ modern) zu den digitalen Medien (4.0/ „nächste Gesellschaft“) vollziehen sich Revolutionen, nicht selten als Katastrophen, durch die sich die jeweils neuen Medien durchsetzen. In „16 Thesen zur nächsten Gesellschaft“ führt er vor Augen, wieso die Organisationsform der Zukunft das Netzwerk, Komplexität als Spannungsmoment notwendig und Design maßgebender als Technik sein wird.

 

Vorhang auf: auch für die Religion, für die Baecker deutlich macht, warum die authentisch dargestellte Überzeugung der Einzelnen immer wichtiger wird. Dass die Zukunft selbst unbekannt ist, dass der Vorhang kaum zur Seite zu schieben ist, auch das ist für den Soziologen ein Signum der „nächsten Gesellschaft“, in der sich Zeit permanent neu aufbaut (wie die technischen Geräte selbst). Der Vorhang, der sich nur stückweise lüften lässt, könnte Bild des Lebensgefühls dieser Gesellschaft sein.

 

Als Bild erinnert er mich an jene biblische Verheißungslogik, die – schön dialektisch – sagt: Es muss noch offenbar werden, was wir schon sind: Gottes Kinder. Der Vorhang also, noch da und schon gelüftet. Da soll das Leben doch sein wie gemalt, oder? „Noch schauen wir in einen Spiegel“, setzt eines der berühmtesten Worte bei Paulus ein, „dann aber werden wir schauen von Angesicht zu Angesicht.“ Nicht selten scheint es ja so, dass je moderner die Gesellschaft, desto stärker die Frage, ob für Glaube und Kirche „noch“ Platz sei. Womöglich ist in der „nächsten Gesellschaft“ nicht „noch“, sondern endlich „doch“ Raum für biblische Zeitform.

 

Vorhang auf? Im Museum Barberini ist unweit vom „Vorhang“ auch „Spiegel, grau“ von Gerhard Richter ausgestellt. Schönste Spiegelschau – wie die erhellende Soziologie, die neugierig darauf macht, am Vorhang der „nächsten Gesellschaft“ zu ziehen.

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 5/2018.

Christian Stäblein
Christian Stäblein ist Propst der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz.
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