Zugang für Alle

Städte müssen wieder partizipativer und inklusiver gestaltet werden

Wenn Sie weiterdenken, wie könnten weitere partizipative Räume in der Innenstadt zukünftig aussehen? Sind es Grünflächen, Kulturräume, Dritte Orte?

Eine große Mischung von allem! Speziell kulturelle Orte sind ganz wichtig als Ankerpunkte neben dem Konsum. Die Krise zeigt, wie stark das Bedürfnis überall danach ist. Als Architekturmuseum sind wir auch von den Schließungen betroffen. Durch die ausbleibenden Besuche bricht die Aufmerksamkeit massiv weg: keine Schüler kommen, keine Workshops, keine Führungen und sonstige Veranstaltungen finden mehr statt. Das ist aber im Grunde das Wichtige an Dritten Orten wie Bibliotheken oder Museen: Dort kommen Menschen zusammen, die sich sonst nicht treffen würden, und nehmen gemeinsam einen zusätzlichen Ort wahr. Auch darin besteht die Qualität von Innenstädten.

 

Als Direktor des Architekturmuseums der TU München zählt die Vermittlung von Architektur zu Ihren Aufgaben. Worin besteht die gesellschaftliche Relevanz von Architektur? Und wie vermitteln Sie diese?

Zuerst einmal sollten Architektinnen und Architekten stärker wahrnehmen, dass sie nicht nur Dienstleister großer Kapitalgesellschaften oder für finanzstarker Auftraggeber sind, sondern durch die Gestaltung von Bauten und Räumen immer auch eine Verantwortung für die Gesamtgesellschaft tragen – also auch für die, die gar nicht zu den unmittelbaren Nutzern eines Gebäudes zählen. Wir als Museum wollen der Öffentlichkeit klarmachen, dass Architektur alle angeht – und nicht nur die Spezialisten, die Architektur studiert haben.

Im letzten Jahr haben wir die Ausstellung „Zugang für Alle – Access for all“ gezeigt. Dabei wurden in São Paulo soziale Infrastrukturen in den Blick genommen und gezeigt, wie mitten in einer Megacity bestimmte Gebäude eine hohe soziale Mischung generieren. Dazu zählen Kultureinrichtungen, die auf der Avenida Paulista neu gebaut wurden und neben Ausstellungsflächen, Bibliotheken auch Cafés, öffentliche Aussichtsterrassen und teilweise auch öffentlich zugängliche Toiletten haben.

Letzteres Thema ist ein ganz wichtiger Aspekt in einer Stadt. Gerade bereiten wir eine Ausstellung für nächsten Winter vor, die Obdachlosigkeit thematisiert. Man kann ganz deutlich sehen, wie große und kleine Städte weltweit in den letzten Jahren immer mehr versuchen, Wohnungs- und Obdachlose aus der Innenstadt und somit aus der Sichtbarkeit zu drängen. Allein in der Münchner Innenstadt gibt es so gut wie keine öffentliche Toilette mehr, die man als Wohnungsloser benutzen könnte. Das kostet mindestens einen Euro. Und es gibt auch fast keine Bänke mehr im öffentlichen Raum, auf denen man sich hinlegen und schlafen könnte. Immer mehr davon haben jetzt in der Mitte eine Trennung, um das zu vermeiden. An solchen Beispielen wollen wir der Öffentlichkeit klarmachen, dass jede Gestaltungsentscheidung – und wenn es eine Parkbank ist – auch eine soziale Entscheidung darstellt. Wir entscheiden so, wen wir sehen wollen und wen nicht.

Ein positives Beispiel in diesem Zusammenhang ist die New York Public Library: Dort gab es im Untergeschoss seit jeher öffentlich zugängliche Toiletten und Duschen – auch für die Nicht-Bibliotheksbenutzer. Beides wurde regelmäßig von Obdachlosen benutzt. Mit der Renovierung der New York Public Library wurde auch diskutiert, wie nun mit diesen öffentlichen Sanitärorten umzugehen ist. Und es ist klar entschieden worden, dass die Toiletten und Duschen wieder öffentlich zugänglich sein müssen. Damit Menschen, die aus welchen Gründen auch immer auf der Straße leben, zu jedem Zeitpunkt eine Chance haben zu duschen. In München kenne ich in der Innenstadt keinen Ort, wo das möglich wäre. Das ist nicht inklusiv.

Daran kann man deutlich erkennen, was Inklusion von Gesellschaft im erweiterten Sinn bedeutet – und wie schnell es zu exklusiven Gestaltungsmaßnahmen kommen kann, sodass Stadt dann einen ganz anderen Wert bekommt.

 

Was sind andere aktuelle Themen, die Sie in den Fokus nehmen werden?

Wir werden weiter das Thema der Stadtplanung im Blick behalten. Aktuell leben über die Hälfte der Menschheit in Städten und diese Entwicklung wird weiter zunehmen. In Europa haben wir zwar andere Probleme in der Stadt als in Asien oder Lateinamerika, aber die Städte haben eine hohe Bedeutung für die wirtschaftliche und kulturelle Produktion. Eine kluge und inklusive Stadtplanung kann die Stärkung von Kultur, Wirtschaft und Wissenschaft in der Stadt begünstigen. Beispielsweise befürworte ich es, dass Universitäten in der Stadt bleiben und nicht ins Umland rausziehen. Ein Austausch zwischen städtischer Gesellschaft und Studierenden ist essenziell und produktiv.

Wir werden auch weiter die elementare Frage nach den räumlichen Zusammenhängen von Arbeiten und Wohnen thematisieren: In der Coronakrise wurden wir zwar alle ins Homeoffice geschickt, aber die Mehrzahl der Arbeitgeber, der Arbeitnehmer und auch die Wohnungen waren darauf gar nicht vorbereitet. Viele, auch von meinen Kolleginnen und Kollegen, sitzen jetzt mit ihren Kindern zu Hause in Zwei- oder Zweieinhalb-Zimmer-Wohnungen. Gleichzeitig fällt Homeschooling und Homeoffice an. Das kann nicht aufgehen.

Zugleich sehen wir, dass ganz viele Büroräume nach der Krise nicht mehr belegt werden. Eine dramatische Umwälzung wird notwendig: Büroraum muss wieder schnell zu Wohnraum umgewandelt werden können, aber der Wohnraum muss auch wieder funktionale Arbeitszimmer beinhalten. Denn Homeschooling und Homeoffice werden nicht aufhören. Die Coronakrise wird irgendwann vorbei sein, aber es wird nicht die letzte Krise sein. Wir müssen alle offen sein, die Städte radikal neu zu denken.

 

Vielen Dank.

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 2/2021.

Andres Lepik & Theresa Brüheim
Andres Lepik ist Professor für Architekturgeschichte und kuratorische Praxis an der TU München und Direktor des Architekturmuseums der TU München. Theresa Brüheim ist Chefin vom Dienst von Politik & Kultur.
Vorheriger ArtikelStadtkultur im Wandel
Nächster ArtikelAuseinanderfallende soziale Welten