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Städte müssen wieder partizipativer und inklusiver gestaltet werden

Nicht nur in der Politik, sondern auch in der Architektur wird der Ruf nach stärkerer Bürgerbeteiligung zunehmend lauter. Bürgerinnen und Bürger wollen nicht nur informiert, sondern aktiv gestalterisch eingebunden werden. Andres Lepik ist Experte für solche partizipative Architektur.

 

Theresa Brüheim: Herr Lepik, Sie betrachten Architektur aus der Perspektive der Kunstgeschichte. Vor diesem Hintergrund: Worin besteht Ihres Erachtens die Kultur einer Stadt?

Andres Lepik: Im Idealzustand ist die Stadt für mich vor allem geprägt durch eine hohe gesellschaftliche Diversität, also die Möglichkeit des Zusammentreffens ganz unterschiedlicher Menschen auf engem Raum. Sie ist ein organisches Gebilde, an dem viele Menschen teilhaben und teilnehmen. Je diverser, desto interessanter ist es für alle – es bieten sich mehr Optionen und Möglichkeiten ökonomischer, kultureller und sozialer Art für jeden. Das ist das Wichtige an der Stadt, dass man immer wieder überraschende Dinge entdecken, andere Menschen treffen und Neues lernen kann. Daher braucht die Kultur einer Stadt Dichte und Diversität, Offenheit und Dynamik.

Ein Beispiel macht es konkreter: der Central Park in New York. Um ihn herum sind unterschiedliche soziale und ökonomische Schichten und Institutionen angesiedelt, von den Multimilliardären am Südrand bis zur afro-amerikanischen Community an der Nordseite. Aber er dient allen Bevölkerungsschichten als Orientierung und als Erholungsraum. Um ihn herum finden sich Kliniken, Museen, Synagogen und Schulen und alles wird zusammengehalten von dieser einen gemeinsamen Infrastruktur, die nach allen Seiten hin offen ist. Der Park bietet zu jeder Zeit eine hochverdichtete Mischung verschiedener Nutzungen und Bevölkerungsschichten. Das macht seine Qualität und seine Identität aus.

Die Architektur der Moderne hat dagegen sehr stark für eine Entmischung der Stadt plädiert. Die berühmte Charta von Athen, die auf dem IV. Internationalen Kongress für neues Bauen (CIAM) 1933 verabschiedet wurde, sagte, dass die Funktionen der Stadt – sprich Wohnen, Arbeiten, Erholen – zu trennen sind, um die Stadt funktionaler zu machen. Diesem Credo sind viele Stadtplaner über die Jahrzehnte gefolgt und haben die Stadt in verschiedene Zonen aufgeteilt. Wohnquartiere und auch Einkaufszentren zu ihrer Versorgung wurden vor die Stadt gelegt, der Verkehr ganz auf die Nutzung des eigenen Automobils ausgerichtet. Was am Ende dazu führte, dass die Innenstädte spätestens in den 1960er und 1970er Jahren entleert waren.

 

Sie befassen sich intensiv mit zeitgenössischen Entwicklungen im Bereich sozial engagierter Architektur und partizipativer Strukturen. Was ist genau damit gemeint? In welchem Bezug steht dies zur genannten Entmischung der Städte?

Das Architekturmuseum der TU München hat mehrere Ausstellungen gezeigt, die sich mit der gesellschaftlichen Relevanz von Architektur auseinandersetzen. Lange Zeit stand in der öffentlichen Wahrnehmung vornehmlich die Form von Gebäuden im Fokus, so etwa die Ikonen von Star­architekten wie Frank Gehry oder Zaha Hadid. Deren Bauten kommen in der Regel aber nur einem geringen Prozentsatz der Bevölkerung zugute. Architektur kann aber als eine raumgestaltende Disziplin in einem gesellschaftlichen Kontext viel mehr leisten.

Wir haben uns gefragt: Was kann Architektur konkret tun, damit die Gesellschaft zusammenwächst und nicht auseinanderfällt? Partizipation ist dabei ein wichtiges Instrument in der Planung, um Akzeptanz und Inklusion zu schaffen. Über viele Jahrzehnte waren Wohnungsprojekte beispielsweise stark geprägt von Immobilienentwicklern, die standardisierte Modelle bauen, aber die wandelnde gesellschaftliche Realität nicht widerspiegeln. Wir haben heute meistens Zwei-, Drei-, Vierzimmerwohnungen, die für Familien geplant sind. Aber allein in München gibt es gegenwärtig rund 60 Prozent Single-Haushalte. Die Entwicklungen der Developer gehen nicht mit dem gesellschaftlichen Bedarf zusammen.

Wenn man partizipativ plant, ist das anders: In unserer Ausstellung „Keine Angst vor Partizipation!“ haben wir Wohnungsbauprojekte von Baugemeinschaften und Baugenossenschaften, das sind Gruppen von Einzelpersonen und Familien, die sich selbst zusammentun und gemeinsam eigene Wohnmodelle entwickeln, vorgestellt. Dabei kommen ganz andere Grundrissstrukturen raus.

In Zürich z. B. ist die Kalkbreite ein solcher Modellbau, bei dem die umgebende Stadt integriert wurde – indem etwa die Nachbarn am neuen Gebäude durch einen öffentlichen Park in der Mitte teilhaben können, aber auch durch eine soziale Durchmischung im Inneren, die sich gegen Gentrifizierung des Quartiers stellt.

Hier ist das Prinzip der Co-Kreation zu finden – man präsentiert als Architektin bzw. Architekt also nicht vorgefertigte Planvarianten zur Entscheidung, sondern plant von Anfang an gemeinsam mit Nutzern –, das wird sehr wichtig für die Stadt der Zukunft. Hier kann nicht nur Top-down geplant werden, sondern die Bürger sollen selbst teilnehmen und gestalten.

 

Hinzu kommt, dass die Innenstädte – insbesondere der stationäre Einzelhandel dort, aber mit ihm auch Gastronomie- und Kulturangebote – immer mehr veröden. Schlägt jetzt die Stunde der Bürgerinnen und Bürger, sich „ihre Stadt zurückzuholen“, indem sie die Innenstädte partizipativ umgestalten? Das heißt, mehr gemeinsame Strukturen und Dritte Orte abseits des Konsums schaffen?

Wir sehen deutlich – und die Coronakrise hat das noch verschärft –, dass die Läden in den Innenstädten nicht mehr die regulären Käufer anziehen können. Und viele sind nun pleite. Da entsteht die Frage: Wie gehen wir danach mit diesen Räumen um? In der Münchner Innenstadt ist – wie in vielen anderen Innenstädten ja auch – der ökonomische Druck auf den Einzelhandel so hoch geworden, dass fast nur noch große internationale Handelsketten in der Fußgängerzone vertreten sind. Damit zeigt das Angebot der Waren aber auch keine Diversität mehr, es fehlen die regionalen Anbieter. Die Stadt München versucht hier etwas gegenzusteuern: In den stadteigenen Ladengeschäften, die sich z. B. im Rathausgebäude befinden, werden geringere Mieten verlangt als in der umliegenden Fußgängerzone. Das heißt, hier gibt es dann noch eine ganze Reihe von Läden, die z. B. nur Schirme, nur Filz oder nur Würste verkaufen. Aber das sind nur kleine Testfelder. Es wäre wichtig, dass sich die Städte wieder mehr ihren Grund und Boden im Zentrum zurückholen – und nicht immer an den Meistbietenden verkaufen, sondern versuchen, mit guten Konzepten zu arbeiten.

Die Menschen werden in ihrer freien Zeit auch zukünftig gerne wieder in die Innenstädte gehen, wenn es dort vielseitige Angebote gibt. Sie kaufen dabei aber gar nicht mehr so viel direkt. Das Bedürfnis, einen Stoff anzufassen, einen Schuh anzuprobieren bleibt, vor allem auch, wenn man sich mit Freundinnen und Freunden dazu trifft – aber statt zu kaufen, fotografieren immer mehr Kunden die Sachen und bestellen sie dann online. Da wird es einen Wechsel geben. Die Läden werden eventuell wieder kleiner, sie werden vielleicht auch nicht mehr so viel stationären Umsatz machen, aber sie müssen mehr individuelle Atmosphäre bieten, um Kunden zu gewinnen.

Andres Lepik & Theresa Brüheim
Andres Lepik ist Professor für Architekturgeschichte und kuratorische Praxis an der TU München und Direktor des Architekturmuseums der TU München. Theresa Brüheim ist Chefin vom Dienst von Politik & Kultur.
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