IT-Hochtechnologie zwischen Feldern und Feuchtsavanne

In Burkina Faso ist eine regionale Hochschule für 500 Studierende entstanden

Für die 100 Kilometer Strecke von Ouagadougou ins westlich gelegene Koudougou braucht der Überlandbus gut vier Stunden. Entlang der Rue nationale 1 führt der Weg vorbei an den typischen Familiengehöften, deren Grundriss oval angeordnete Einraumhütten zeigt, in deren Zentrum nachts das Vieh eingepfercht wird. Typisch für die westafrikanische Feuchtsavanne sind hier auch die Straßendörfer, die sich linear an den Transportadern entwickelt haben. So unterschiedlich die baulichen Strukturen auch sind – ein Element gibt jeder Siedlung einen typischen Charakter. Fast immer dominiert ein großer alter Baum ihr Zentrum. Handelt es sich bei diesem schattenspendenden Baum um einen Baobab oder einen Kopak, scheint es, als hallten die zahllosen Dorfgespräche vorangegangener Generationen immer noch nach. Ein solcher Baum als Treffpunkt der Dorfgemeinschaft – von Wahllokal zu Standesamt, von Schule zu Parkbank, von Diskussionsstätte zu Bühne – ist auch ein wesentlicher Bestandteil der Kultur der Mossi, die in diesem Teil Burkina Fasos die ethnische Mehrheit stellen.

 

Da die Straße über Poa gerade ausgebessert wird, muss der Bus den Umweg über Sabou nehmen. Koudougou erreichen wir daher von Süden, fahren an den eingeschossigen Hütten aus Lehm und Wellblech vorbei und erreichen das Stadtzentrum am Bahnhof. Von urbanen Strukturen kann man hier noch nicht sprechen, eher von Transiträumen einer Bevölkerung, die sich mit einem jährlichen Wachstum von 2,7 Prozent und einer jährlichen Urbanisierungsrate von fünf Prozent in einem beispiellosen Transformationsprozess befindet. Für die Hauptstadt Ouagadougou und die zweitgrößte Stadt des Landes, Bobo- Dioulasso, prognostiziert UN-Habitat sogar eine Verdoppelung der Bewohner in den kommenden zehn Jahren. Auch Koudougou wächst kontinuierlich. Die 160.000-Einwohner-Stadt (Stand 2019) liegt an einer der wenigen Eisenbahnverbindungen, die von den Franzosen zu späten Kolonialzeiten erbaut wurden, und seit 1952 das Hinterland erschließen. Von Abidjan verlaufen die Gleise über Bobo-Dioulasso und Koudougou bis nach Ouagadougou.

 

Architektonische Landkarte

Architekturprojekte aus Westafrika werden nicht oft zum Gesprächsthema sowohl für die internationale Architekturszene als auch für eine breitere Öffentlichkeit. Das gilt insbesondere für Regionalstädte, die auch innerhalb des subsaharischen Afrikas marginalisiert sind. Auf der architektonischen Landkarte hat sich Koudougou allerdings schon 2005 mit dem Zentralmarkt einen Eintrag verschafft, der mit Unterstützung durch eine Schweizer Entwicklungsorganisation errichtet und von der Aga Khan Stiftung für seinen vorbildlichen Typenentwurf ausgezeichnet wurde. Zehn Jahre später folgte das Lycée Schorge von Francis Kéré. Diese Bildungseinrichtung ist seitdem kontinuierlich erweitert worden und firmiert heute zusätzlich unter dem Namen Burkina Institute of Technology (BIT).

 

Das kleine Stück Land im Süden Koudougous, das für die Region ein Hoffnungsschimmer im Kampf gegen die Perspektivlosigkeit der Jugend geworden ist, geht auf eine rein private Initiative zurück. Die Münchnerin Susanne Pertl, familiär mit der namhaften Unternehmensberatung Stern Stewart & Co verbunden, hat in Burkina Faso bereits ein gutes Dutzend Schulen errichtet und an den Staat übergeben. Mit ihrem jüngsten Projekt änderte sie ihre Strategie und übernahm auch den Betrieb der Bildungseinrichtung. Das Lycée Schorge eröffnete 2015, um jungen Menschen in Middle und High School eine Hochschulzugangsberechtigung zu ermöglichen. 2018 eröffnete nach nur einem Jahr Vorbereitung und Lizensierung die Hochschule mit einem dreijährigen Bachelor-Programm für IT-Spezialisten. Erst kürzlich zeichnete das burkinische Bildungsministerium das BIT als beste Hochschule des Landes aus – wohl auch, weil das Female Empowerment zur Philosophie der Einrichtung gehört. Die Hälfte der 250 Schüler und 300 Studierenden sind weiblich. Vor dem Hintergrund, dass das westafrikanische Land muslimisch geprägt ist, zeigt sich die in Burkina Faso strenge Trennung von Staat und Religion. Als weiteren Schritt, Jugendliche zu qualifizieren und ihnen eine Zukunftschance zu geben, stehen nun auch Kurse in Entrepreneurship im Fokus. Der Dreischritt Schule–Studium–Berufseinstieg liegt hier in einer erfahrenen Hand. Schließlich verfügt der Träger der Institutionen über weltweite Kontakte in die oberen Etagen der Wirtschaftswelt.

 

Es scheint, als habe Susanne Pertl bei der Wahl ihres Architekten einen intuitiven Glücksgriff gemacht. Denn seit 2015 hat Francis Kéré eine weitere Stufe der weltweiten Bekanntheit erlangt. Sein Ruhm trägt inzwischen dazu bei, dass Schule und Universität eine noch breitere Aufmerksamkeit erlangen. Auch wenn es kaum intendiert war, eine Art Markenarchitektur in der Weite der westburkinischen Savanne zu setzen, gehört der Ort längst auf die Landkarte subsaharischer Architektur. In fußläufiger Entfernung hat Kéré ein Waisenhaus geplant, das ebenfalls sehenswert ist.

 

Ein Campus mit drei Elementen

Der Campus besteht inzwischen aus drei weithin sichtbaren Elementen: dem ringförmigen Gymnasium, den gestaffelten Modulen der Universität und einem zentralen Turm mit der IT-Infrastruktur. Ein Regenwasserauffangbecken, ein Brunnen und eine eigene Photovoltaik-Anlage sorgen dafür, dass die Anlage autark betrieben werden kann. Über 2.000 neu gepflanzte Baumsetzlinge werden in wenigen Jahren einen Campus im Wald entstehen lassen. Für Kéré ist der Ort mehr als nur eine bauliche Infrastruktur mit architektonischem Wert. „Schönes, durchdachtes Design ist etwas, was Menschen inspirieren kann. Vor allem junge Menschen brauchen mehr als nur ein Dach über dem Kopf, wenn sie sich neues Wissen aneignen sollen. Wenn Lernen in Räumen stattfindet, die zum Träumen anregen, können Dinge entstehen, die niemand so hätte planen können. Außerdem geht es darum, ein angenehmes Raumklima und eine Wohlfühlatmosphäre des Lernens zu schaffen. Kaum etwas erleichtert den Unterricht so sehr wie gute Architektur.“

Philipp Meuser und Jennifer Tobolla
Philipp Meuser arbeitet als Architekt unter anderem in Westafrika. Jennifer Tobolla ist Büroleiterin bei Meuser Architekten und leitet die Baustelle der Deutschen Botschaft Ouagadougou.
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