Freiraum für Kultur

Die Vila Sul in Brasilien

Im November 2016 hat das Residenzhaus „Vila Sul“ des Goethe-Instituts im brasilianischen Salvador seine Türen für Wissenschaftlerinnen und Künstler aus Deutschland sowie dem globalen Süden geöffnet. Insgesamt 16 Residentinnen und Residenten – vier für je zwei Monate – arbeiten pro Jahr am Nord-Süd- bzw. Süd-Süd-Dialog. Manfred Stoffl leitet seit Beginn das Programm. Theresa Brüheim spricht mit ihm über die Besonderheiten der Residenz, die Geschichte Salvadors und die Situation der Kultur unter Präsident Jair Bolsonaro.

 

Theresa Brüheim: Herr Stoffl, die Vila Sul ist das jüngste Residenzhaus des Goethe-Instituts. Was unterscheidet es weiterhin von den anderen Residenzprogrammen des Goethe-Instituts wie Tarabya in der Türkei oder der Villa Kamogawa in Japan?
Manfred Stoffl: Der größte Unterschied ist, dass wir seit Beginn der Residenzarbeit einen eindeutigen thematischen Fokus haben. Die Künstlerinnen und Wissenschaftler, die zu uns kommen, sollen sich mit Fragen des globalen Südens beschäftigen. In der Vila Sul geht es um den Süd-Süd- und auch um den Süd-Nord-Austausch. Ein Novum ist, dass von den 16 Gästen, die wir pro Jahr empfangen, nur die Hälfte in Deutschland lebt. Sie brauchen keinen deutschen Pass, aber sie sollen in Deutschland leben. Die andere Hälfte der Gäste kommt verstärkt aus dem globalen Süden. In der Regel kommen von den acht nicht in Deutschland lebenden Gästen vier aus afrikanischen Ländern, zwei aus südamerikanischen Ländern und zwei aus Nordamerika – vornehmlich aus Kanada. Das ist wirklich ein Alleinstellungsmerkmal.

 

Auf welcher Idee beruht dieser für die Kulturakademien des Goethe-Instituts neuartige Ansatz, nicht nur deutschen Kulturschaffenden eine Residenz zu bieten, sondern auch Wissenschaftlerinnen und Künstlern aus dem globalen Süden?
Wir leben in einer Welt, die sich ständig verändert. Der klassische Ansatz der „Zweibahnstraße“, das heißt der bilaterale Austausch zwischen Deutschland und Brasilien, ist für die heutigen Herausforderungen nicht mehr das probate Mittel. Wir müssen die Fragen des globalen Südens ernst nehmen, die entsprechenden Akteure zur Diskussion einladen und im globalen Süden zusammenbringen.

 

Mit der Vila Sul wurde eben dieser physische Raum für den Nord-Süd- bzw. Süd-Süd-Dialog geschaffen. Was kennzeichnet diesen Dialog?
Erst mal ist die Vila Sul ein sehr offener Raum. Wir haben hier schon allein physisch tolle Möglichkeiten: Es gibt vier Appartements für unsere Gäste mit einem Gemeinschaftsraum. Sie können sich getrennt aufhalten, aber es gibt auch einen Ort, um sich zu treffen. Darüber haben wir ein großes Theater mit 120 Plätzen, zwei Galerien, einen Innenhof mit einer Bühne und eine Bibliothek mit einer weiteren Bühne. Es gibt hier sehr viel Gestaltungsraum.
Bis vor Kurzem hatten wir Gäste aus Deutschland und Südafrika. Leider mussten sie aufgrund der Corona-Pandemie frühzeitig abreisen. Die nächste Gruppe sollte aus Angola, Burkina Faso, Kanada und Deutschland kommen, konnte aber in der aktuellen Situation nicht anreisen. Da ist bedauerlich, aber wir machen nun mit allen digitale Residenzen und Veranstaltungen. Genau eine solche internationale Mischung an Residentinnen und Residenten ist unser Ziel. Wir versuchen darüber hinaus sehr stark, die Einbindung in die lokale Szene vorzunehmen. Das heißt, dass unsere internationalen Gäste sich mit brasilianischen Kulturschaffenden austauschen und in der Regel auch Projekte gemeinsam realisieren können.

 

Wie erreichen Sie die Kulturschaffenden in Salvador im Normalbetrieb? Wie findet der Austausch in der Praxis statt?
Das ist sehr individuell. Bevor Gäste zu uns kommen, haben sie uns einen Vorschlag für ihre Arbeit hier geschickt. Nach Ankunft folgt das Erstgespräch. Dabei prüfen wir, ob das Thema noch aktuell ist oder ob andere Themen ins Spiel gebracht werden sollten. Wenn z. B. eine bildende Künstlerin hier ist, schlagen wir vor, bestimmte Orte in der Stadt zu besuchen oder diese Künstlerin bzw. jenen Künstler zu treffen. Aus diesen Erstkontakten, die wir herstellen, ergeben sich meistens weiterführende Ideen und gemeinsame Projekte. Das müssen wir so angehen, denn natürlich ist die Sprachbarriere da. Die Menschen, auch die Künstlerinnen und Künstler, in Salvador sprechen wenig Englisch. Deswegen sind wir sehr stark gefordert, den Dialog praktisch anzuleiten und zu übersetzen.

 

Welche Themen werden momentan an der Vila Sul verhandelt bzw. bearbeitet?
Das sind immer noch ganz stark die Themen, mit denen wir angetreten sind: Kolonialismus und Dekolonisierung. Hier ist die Aufarbeitung der Sklavengeschichte sehr dominant und wichtig. Salvador ist eine Stadt, über die viele Sklaven nach Amerika eingeführt wurden. Damit verbunden ist die Problematik des Rassismus. Der herrscht immer noch vor. Wiederum verknüpft sind Themen wie Feminismus und Gleichberechtigung. Wir merken, dass diese Themen für die Menschen hier virulent sind, und auch für die Gäste – egal, woher sie kommen, und auch wenn die Perspektive auf diese Fragen eine andere ist.

 

Salvador wird immer wieder als Knotenpunkt des Süd-Süd-Dialogs bezeichnet. Inwieweit liegt das in der erwähnten Stadtgeschichte begründet?
Die Stadt mit ihrer Geschichte ist wahnsinnig wichtig für Menschen, die sich mit Kolonialismus und Kolonisierung beschäftigen, da sehr viele Sklaven aus afrikanischen Ländern über Salvador eingeschifft wurden. Auch heute noch ist Salvador, wie man sagt, die schwärzeste Stadt außerhalb Afrikas. Mindestens 80 Prozent – manche sprechen von fast 90 Prozent – der Bevölkerung bezeichnen sich hier als schwarz bzw. als nicht weiße Menschen, denn in Brasilien werden Hautfarben viel differenzierter bezeichnet als in Deutschland. Und natürlich sind hier Themen wie Ungleichheit, Benachteiligung und Rassismus immer noch sehr virulent. Auf diese Welt trifft stark eine zweite: Es gibt immer noch eine koloniale Gesellschaft, eine weiße Elite, die Einfluss hat und teilweise in kolonialen Strukturen lebt. Dadurch verstärken sich die Spannungen.

Manfred Stoffl und Theresa Brüheim
Manfred Stoffl leitet das Goethe-Institut Salvador-Bahia und die Vila Sul. Theresa Brüheim ist Chefin vom Dienst von Politik & Kultur.
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