Raum für Partizipation und Weltdenken

Die Berlin-Ausstellung im Humboldtforum

Berlin ist das Tor zur Welt – zumindest im Neubau des Stadtschlosses. Theresa Brüheim spricht mit dem Chef-Kurator des Landes Berlin im Humboldtforum, Paul Spies, über die Konzeption der Berlin-Ausstellung sowie die Bedeutung von Internationalität und Teilhabe.

 

Theresa Brüheim: Herr Spies, die Berlin-Ausstellung im Humboldtforum soll sich mit dem Austausch Berlins mit der Welt beschäftigen. Was macht Berlin für Sie zu einem globalen Schmelztiegel?
Paul Spies: Erst mal, ich bin Holländer, ich bin ganz pragmatisch. Wenn ich an eine Ausstellung herangehe, untersuche ich zuerst die Lage. Und im Humboldtforum werden zwei Stockwerke von einem ethnologischen und einem asiatischen Kunstmuseum bewohnt. D. h., hier ist die Welt anwesend. Was kann ich als Leiter des Berliner Stadtmuseums besser tun, als eine Einleitung für die anderen Museen zu schaffen, in der ich Berlins Verbindung zur Welt klarmache? Denn in den Sammlungen sehen wir die Welt. Unten gibt es Berlin, oben die Welt. Wenn ich mich auf die internationalen Aspekte der Stadt konzentriere, hat das noch einen Vorteil. Ich komme so den lokaleren Geschichten meiner anderen fünf Häuser – Märkisches Museum, Ephraim-Palais, Knoblauchhaus, Nikolaikirche und Museumsdorf Düppel – nicht in die Quere.
Um Ihre Frage zu beantworten, heute ist Berlin international eine wahnsinnig populäre Stadt. Das war mal anders. Berlin hat eine sehr widersprüchliche Geschichte. Aber das ist der Grund, warum die Stadt so geschätzt wird. Es gab hier viel Raum. Diese industriellen Brachen haben neue internationale Interessen nach Berlin gebracht. Mittlerweile kann man fragen, wie viel Freiraum gibt es noch? Es wurde und wird alles international eingenommen. Die Stadt ist eine Art Magnet.
Diese Internationalität hat uns dazu bewogen, nicht nur die Geschichte Berlins oder Deutschlands zu beleuchten. Wir haben auch Europa mitgenommen. Wir haben eine Zusammenarbeit mit dem Museum Europäischer Kulturen gesucht, denn wir fanden es überraschend, dass Europa nicht im Humboldtforum aufgenommen wurde. In diesem Sinne ist das Humboldtforum eine riesige Chance, Geschichte integriert zu erzählen – das ist weltweit ein Alleinstellungsmerkmal.
Wir machen mit der Ausstellung kein City-Marketing, es ist eine kritische Auseinandersetzung. Es werden auch unschöne Geschichten erzählt. Internationalität ist nicht automatisch Grund für Erfolg, Wachstum oder positive Entwicklungen. So ein Berliner Magnet hat auch negative Seiten. Die Geschichte von Berlin reicht von Kreation hin zu Vernichtung. Und das ist ein Spiegel der Welt.

 

Die Ausstellung basiert auf neun inhaltlichen Punkten: Berlin-Bilder, Revolution, Mode, Migration, Krieg, Freiräume, Grenzen, Vergnügen, Weltdenken. Wieso haben Sie gerade diese ausgesucht?
Wir wollten keine chronologisch traditionelle Ausstellung machen. Wir wollten eine Ausstellung über Themen machen, die durch die Berliner Zeiten gehen. Es sind nicht die einzigen Themen dieser Stadt. Berlin war Hauptstadt der Revolution, des Vergnügens, der Freiräume, des Krieges. Das kann man von anderen Städten auch behaupten, aber für Berlin sind das richtige Akzente in der Geschichte. Sie haben die Mentalität dieser Stadt mitbestimmt. Natürlich kann man dann sagen, da fehlt noch dies oder das. Aber wir können nie komplett sein.
Es gibt nicht nur negative Themen wie Krieg und Grenzen. Es gibt auch positive. Und Zweifelsfälle. Was ist z. B. Revolution? Ist es positiv oder negativ? Aus Revolution kann Gewalt entstehen. Das kann man nicht nur positiv umschreiben. Auch Freiraum ist so ein großes Thema dieser Stadt. Gibt es den noch immer? Auch in dem Maße wie in den 1980er und 1990er Jahren? Oder sind die Freiräume bedroht? Auch Mode hört sich wunderbar an. Aber was wir über Mode erzählen, ist eine sehr kritische Betrachtung. Berlin ist Modestadt – besonders in den 1960er und 1970er Jahren. Vielleicht nicht wie Paris, aber der Kurfürstendamm, Uli Richter – das war schick! Mode muss man aber auch weiterdenken: Design, Lebensstil, Ausstrahlung, Image. Deshalb kommen viele gern nach Berlin. Im 19. Jahrhundert wurde Mode von armen Leuten in Hausateliers im Dunkeln für sehr wenig Geld gemacht. Heute ist es nicht viel anders, nur wird sie in Bang­ladesch, Indien und China hergestellt. Noch immer stimmt die schöne Außenseite nicht mit der Produktionsseite überein. Und wir sind noch immer dafür verantwortlich. Das ist eine Erzählung, bei der man damals und heute vergleichen kann, aber es spielt nicht nur Berlin, sondern die ganze Welt mit.
Für alle Themen gilt, dass es international dominante Aspekte der Stadt Berlin, aber keine weltweiten Alleinstellungsmerkmale sind. Man nimmt diese Aspekte und lässt Leute, Bewohner, Berliner zu Wort kommen. So entstehen Erzählungen und Bilder der Stadt. Man bindet Stimmen außerhalb des Museums direkt ein. Auch am Ende der Ausstellung kann man die Besucher fragen: „Hat Ihr Berlin-Bild sich geändert, während Sie diesen Rundgang gemacht haben? Haben Sie jetzt ein anderes Weltbild?“ oder „Würden Sie das Berlin-Bild, das hier gezeigt wird, bestätigen oder kritisieren?“. Das ist ein partizipativer Gedanke.

Partizipation – Sie sprechen es schon an – ist das zentrale Element der Berlin-Ausstellung …

Genau. Schon im Vorfeld arbeiten wir mit Berliner Communities, denen wir Raum für ihre Meinung überlassen. Wir werden uns da nicht einmischen. Wir lassen eine Gruppe, z. B. Roma, zu Wort kommen, um mit ihrer Geschichte und Erfahrung eines der genannten Themen bzw. Berlin aus ihrer Perspektive zu erzählen. Vielstimmigkeit heißt, dass man viele Stimmen hört. Wir helfen dann bei der Gestaltung, sodass das Ganze professionell aussieht.

Nicht nur im Vorfeld, sondern auch während der Ausstellung ist Partizipation essentiell, oder?

Bei der Eröffnung gibt es fertige Räume, die wir mit den jeweiligen Gruppen vorbereitet haben. Sie sind deren Stimmen. Es gibt aber auch mindestens zwei leere Räume. Nicht so groß, aber doch als Zeichen, dass die Leute, die Besucher, die Institutionen eingeladen sind, Vorschläge zu machen. Die Partizipation entwickelt sich kontinuierlich. Ein paar Monate später darf eine andere Stimme über ein Thema zu Wort kommen. Mit jeder neuen „Generation“ ändert sich der Raum wieder. Wichtig ist mir auch, dass dieser Geist der Partizipation im ganzen Humboldtforum zu spüren ist. Wir wollen mit unserer Ausstellung auf die anderen Museen und Ausstellungen reagieren. Wir wollen keine Insel ohne Verknüpfung zum Festland sein. Ich habe von Anfang an die Zusammenarbeit gesucht und auch gefunden. Gemeinsam mit der Gründungsintendanz habe ich mir Gedanken gemacht: Wie können wir Schnittstellen herstellen? Wie können wir gemeinsame Programme entwickeln? Wie können wir mitmachen beim sogenannten Akademiegedanken? Das ist nicht leicht, weil alles in Entwicklung ist. Man kann nicht von Anfang an mit Resultaten kommen. Aber vieles, was wir produzieren, wird Teil einer Einheit sein. Wenn man die Ausstellung besucht, wird man in erster Instanz überhaupt nicht verstehen können, dass das Land Berlin sie gemacht hat. Vielleicht, wenn man am Ende das Kolophon liest, kann man es feststellen. Aber niemand macht das.

Paul Spies und Theresa Brüheim
Paul Spies ist Direktor des Stadtmuseums Berlin und Chef-Kurator des Landes Berlin im Humboldtforum. Theresa Brüheim ist Chefin vom Dienst von Politik & Kultur.
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