Weltkultur & postkoloniale Kritik

Das Humboldtforum im Zentrum deutscher Identitätsdiskurse

Das Humboldtforum ist ohne Zweifel das bedeutendste kulturpolitische Projekt Deutschlands seit der Wiedervereinigung. Nicht nur füllt es sprichwörtlich die Mitte Berlins, wo es den auf die Geschichte der DDR verweisenden Palast der Republik verdrängte und ersetzt, sondern es symbolisiert auch den erneuten Anspruch Deutschlands auf Weltgeltung, zumindest auf dem Gebiet von Kultur und Wissenschaft.

 

Während jedoch etwa der Bau des Kanzleramtes durch eine rhetorische Strategie der Beschwichtigung in seiner wuchtigen Wirkung eingefangen wurde, ist beim Humboldtforum das Gegenteil zu beobachten. Nichts Geringeres als Weltkultur soll darin zu sehen sein, ein Forum entstehen für die großen Debatten der Zeit.

 

Eine derartige Agora, ein Platz für den Austausch von Ideen und Konzepten über alle nationalen, politischen und kulturellen Grenzziehungen hinweg, ist angesichts der Krisen und Herausforderungen der Gegenwart unzweifelhaft notwendig. Damit dies auf moderne, zeitgemäße Weise geschehen kann, muss der Raum dazu entsprechend gestaltet werden und damit ist nicht nur das Gebäude gemeint, sondern auch der geistige Rahmen, die intellektuellen Prämissen, unter denen dies geschieht, denn beides steht in historischen Traditionen, mit denen es umzugehen gilt. Angesichts der bisher erkennbaren Ideen und dem Verlauf der bisherigen Diskurse sind erhebliche Zweifel angebracht, ob dies in Berlin gelingt, zumal sich das beim Humboldtforum besonders schwierig gestaltet, da vorgelagerte Entscheidungen eine schwere Hypothek für das Vorhaben darstellen.

 

Da ist zuerst das Gebäude zu nennen. Es handelt sich um das wieder aufgebaute Stadtschloss der Hohenzollerndynastie, welche Preußen über Jahrhunderte regierte. 1945 von den Siegermächten des Zweiten Weltkrieges aufgelöst, fällt es schwer im Aufbau nicht auch oder sogar im Wesentlichen den Versuch einer zumindest teilweisen Preußenrehabilitation zu sehen, bei gleichzeitiger baulicher Auslöschung der deutschen Geschichte seit dem Ende der Monarchie.

 

Sicherlich kann man über die Rolle Preußens durchaus geteilter Meinung sein, als Folie und Gehäuse für ein der Weltkultur verpflichtetes Museum und Diskussionsforum ist es jedoch denkbar ungeeignet. Gerade Preußen stand für Expansion und Ausbreitung des eigenen Staates und der eigenen Philosophie und nicht für das gleichberechtigte Miteinander aller Ideen und Kulturen. Man denke nur an die Aussagen des borussischen Hausphilosophen Georg Friedrich Hegel über Afrika, dem er jede Geschichtsfähigkeit absprach, nur weil es keine Staatenbildung nach preußisch-europäischem Vorbild aufwies.

 

Nun mag man einwenden, dies sei ein Zerrbild Preußens, es sei auch ein Hort der Aufklärung gewesen und der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit und Vermessung der Welt, wofür beispielsweise der Name Humboldt stünde. Das ist richtig und falsch zugleich. Richtig, da es diese wissenschaftlichen und philosophischen Arbeiten gegeben hat. Falsch, da diese Bewertung ihrerseits auf einer beschränkten und provinziellen, eurozentrischen Weltsicht beruht, die sowohl die begrenzte Geltung etwa der aufklärerischen Werte in der realen Welt der Kolonien und der Sklaverei ausblendet, als auch die Frage ignoriert, welche Rolle Wissenschaft bei der europäischen Unterwerfung der Welt eigentlich spielte. Griffe das Humboldtforum dies auf, thematisierte es diese Mechanismen von Wissen und Herrschaft und ihrer Bedeutung im Prozess der europäischen Unterwerfung der Welt, statt sich affirmativ auf die vermeintlichen preußisch-deutschen Leistungen zurückzuziehen, wäre ein wichtiger Schritt zu einem erfolgreichen Humboldtforum getan, das koloniale und eurozentrische Positionen hinterfragt, statt sie zu bestätigen. Allein, derzeit deutet nichts darauf hin, dass den Machern die Problematik eines epistemologischen Postkolonialismus überhaupt nur bewusst ist.

 

Im Gegenteil, die an sich marginale und beinahe lächerliche Debatte um das goldene Kuppelkreuz ist vielmehr Beleg dafür, dass nach wie vor die Kräfte einer Preußennostalgie die stärkeren sind und dieser postkoloniale Perspektiven untergeordnet werden, soweit diese überhaupt bekannt sind. Denn mag man ein Kreuz als Zeichen von Thron und Altar auf einem x-beliebigen Schloss als historisches Ornament ohne größere Bedeutung für die Gegenwart finden, so ist ein Kreuz auf einem europäischen ethnologischen Museum, noch dazu ein neu aufgestelltes, völlig unpassend. Es widerspricht schon symbolisch der apostrophierten Gleichheit aller Kulturen und schlägt den Bogen zur kolonialen Frühphase der völkerkundlichen Museen. Es ist eine Zumutung über einem Museum, dessen historischer Vorläufer in enger Symbiose mit einem kolonialen Ausgreifen über die Welt stand, das zu nicht geringen Teilen christliche Ideologeme zur Rechtfertigung benutzte, Zwangsmissionierung und Zwangsmodernisierung betrieb und in der Missionare mit zu den eifrigsten „Sammlern“ ethnographischer Objekte gehörten.

Jürgen Zimmerer
Jürgen Zimmerer ist Professor für Globalgeschichte mit Schwerpunkt auf Afrika an der Universität Hamburg und Leiter der dortigen Forschungsstelle "Hamburgs (post-)koloniales Erbe/Hamburg und die (frühe) Globalisierung"
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