Katalysator öffentlicher Meinungsbildung

Das Humboldt Forum ein Jahr vor der Eröffnung

Alexander von Humboldt war teils mit schwer beladenen Maultieren, teils in ausgehöhlten Baumstämmen unterwegs, als er einst durch Südamerika reiste, um Pyramiden und Vulkane zu vermessen, den südamerikanischen Urwald zu erforschen und den Amazonas samt seiner Nebenflüsse zu erkunden. Abenteuerlich waren nicht nur seine Fortbewegungsmittel. Denn statt robuster Bergschuhe, atmungsaktiver Funktionsunterwäsche und wind- und wasserresistenter Jacken – Ausrüstung, die in Deutschland heutzutage zur Ausstattung jedes Wochenendspaziergängers gehört –, trug er selbst beim Erklimmen der höchsten Gipfel schwarzen Frack mit weißer Halsbinde, Hut und dünne Rokoko-Stiefel. Wie groß muss der Drang gewesen sein, die Welt im wahrsten Sinne des Wortes zu begreifen, um ohne Schutz vor Wind, Wetter und Naturgewalten die Strapazen einer solchen Expedition auf sich zu nehmen!

 

Als Forschungsreisender mit dem Drang, die Welt in ihrer Gesamtheit zu ergründen, machte – wenn auch im übertragenen Sinn – ebenso Alexanders Bruder Wilhelm von sich reden: Sein Interesse galt unter anderem den Eingeborenensprachen Amerikas, Asiens und Polynesiens. An seinem Schreibtisch im Tegeler Schloss arbeitete er bis zu seinem Tod an einer Studie über die antike, eng mit dem indischen Sanskrit verwandte Kawi-Sprache auf der Insel Java. Über fremde Sprachen entdeckte er ferne Welten und kam zu der Überzeugung, dass es jenseits des europäischen Horizonts auch andere hochentwickelte Kulturuniversen gibt – ein geradezu revolutionärer Gedanke in den Ländern des heutigen Europas, in denen man den eigenen Kulturraum für den Nabel der Welt hielt. Wie sein Bruder Alexander mit seinen Kosmos-Vorlesungen, zu denen jedermann kostenfrei Zutritt hatte, erwies auch Wilhelm sich als Wegbereiter des mündigen, selbstständig denkenden Bürgers. Ihm verdanken wir einen allumfassenden Bildungsbegriff: die Überzeugung, dass Bildung individuelle Entfaltung auf allen Ebenen und damit weit mehr meint als die Aneignung von Wissen – eine Überzeugung, die bis heute den Anspruch der kulturellen Bildung begründet, Kultur für alle zugänglich zu machen.

 

So steht der Name „Humboldt“ für die Tradition der Aufklärung, insbesondere aber für die gleichermaßen selbstbewusste wie weltoffene Annäherung der Völker und das Ideal eines gleichberechtigten Dialogs unterschiedlicher Weltkulturen. Dieses Vermächtnis der Humboldt-Brüder ins Zeitalter der Globalisierung zu übersetzen, ist die kulturpolitische Vision, die im Humboldt Forum Wirklichkeit werden soll. Basislager für eine Weltreise soll es sein, unterschiedliche Disziplinen in interdisziplinärer Zusammenarbeit vereinen und im Publikum die schier unerschöpfliche Neugier auf die Welt wecken, die Alexander und Wilhelm von Humboldt vor 250 Jahren antrieb.

 

Das Humboldt Forum bietet deshalb enorme Flächen für die außereuropäischen Kulturen und erhebt diese damit in den gleichen Rang wie die Kunst und Kultur der Antike und des Mittelalters in Europa sowie des Nahen Ostens. Etwa 20.000 Artefakte und Kunstwerke aus den Sammlungen des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst werden hier ab 2019 zu sehen sein; bis zu 1.000 Veranstaltungen jährlich – unter anderem Konzerte, Lesungen, Workshops – werden hier stattfinden. Die Exponate aus aller Welt werden die großen, alle Kulturen prägenden Themen der Menschheitsgeschichte erzählen. So geht es beispielsweise um Anfang und Ende des Lebens und um den Umgang der Generationen miteinander, aber auch um das große Menschheitsthema Migration und um die Rolle der Religionen – ein Thema, das gerade mit Blick auf die Krisen und Konflikte im Nahen und Mittleren Osten, mit Blick auf die damit verbundenen Flüchtlingsströme und auch mit Blick auf die Angst, die Terroristen im Namen des religiösen Fundamentalismus verbreiten, differenzierter Auseinandersetzung und breiter öffentlicher Debatten bedarf. Das Humboldt Forum lädt zur Auseinandersetzung mit der eigenen Identität wie auch zur Neugier auf das Andere, zur Reflexion des eigenen Standpunkts wie auch zum Perspektivenwechsel ein. Ich freue mich, dass wir diese Einladung auch laut Koalitionsvertrag mit freiem Eintritt für die Dauerausstellung bekräftigen, so wie es im Sinne der kulturellen Bildung und Vermittlung mein Anliegen war.

 

Als Ort öffentlicher Debatten, der Gesellschaft nicht nur abbildet, sondern auch mitformt, steht das Humboldt Forum auch für das Selbstverständnis der Kulturnation Deutschland zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Dazu gehört, dass wir im Herzen der deutschen Hauptstadt nicht uns selbst in den Mittelpunkt stellen, sondern den Kulturen der Welt eine Bühne bieten und das Eigene im Austausch mit dem Anderen definieren. Hier zeigt sich, dass wir gelernt haben, mit den tiefen Abgründen und Brüchen in unserer Demokratiegeschichte umzugehen. Statt in reiner Selbstbezüglichkeit zu verharren, empfiehlt Deutschland sich als Partner in der Welt – als treibende Kraft einer Verständigung der Völker – und investiert dafür knapp 600 Millionen Euro. Davon tragen der Bund 483 Millionen Euro und 32 Millionen Euro das Land Berlin. Hinzu sollen 80 Millionen Euro an privaten Spendengeldern für die historische Fassade kommen. Über die Baukosten hinaus sind im Haushalt der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) Mittel für die Bespielung bzw. deren Vorbereitung vorgesehen: 2018 rund 34 Millionen Euro und in den Folgejahren sogar noch mehr. Die dafür zur Verfügung stehende, gewaltige Ausstellungsfläche von rund 33.000 Quadratmetern bei 41.500 Quadratmetern Nutzungsfläche im Humboldt Forum bildet zusammen mit den Ausstellungsflächen auf der Museumsinsel eine Gesamtausstellungsfläche von rund 64.000 Quadratmetern, die der Kunst, Kultur und Wissenschaft gewidmet ist. Damit spielt das gesamte Ensemble der Größe nach in der gleichen Liga wie der Louvre in Paris, die Eremitage in Sankt Petersburg, das chinesische Nationalmuseum in Peking und das Metropolitan Museum of Art in New York. Dass wir mit dem Baufortschritt auch auf der Zielgeraden zur Eröffnung 2019 noch im Zeit- und Kostenplan liegen, verdient angesichts dieser Dimensionen großen Respekt.

Monika Grütters
Monika Grütters, MdB ist Staatsministerin bei der Bundeskanzlerin und Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien.
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