Entgrenzung und Teilhabe

In der Mitte der politischen Bühne steht heutzutage weltweit die Geschichte. Überall wird sie für nationale Identitäten und damit verbundene politische Interessen sinnstiftend. Schon die Idee der Nation ist mit Legenden und mit Mythen, aber auch mit Geschichte – häufig selektiv, ab und zu irreführend oder einfach falsch – verwoben. Dies lässt sich derzeit im politischen Diskurs auf ganz unterschiedliche Weise in Großbritannien und Frankreich, in Indien, Deutschland, der Türkei, in Griechenland, in China, Russland oder in den USA verfolgen.

 

Warum sind diese Geschichtsbilder so einflussreich und langlebig? Kreieren sie wirklich gemeinschaftliche Erfahrungsräume? Und welche Funktion haben historische Mythen für die heutige politische Weltwahrnehmung? Inwiefern tangieren sie die Zukunft? Wessen Geschichte setzt sich durch und wer darf sie erzählen? Darf der Staat allein entscheiden, welche Geschichten erzählt werden dürfen? Dies sind spannende – und wichtige – Fragen, denen sich das Humboldtforum zukünftig widmen kann; und genau hierin liegt seine Expertise. Denn die Wirkung der Mythen und Geschichten, die Teil der nationalen Identitäten werden, entfaltet sich nicht nur über die Erzählungen, sondern insbesondere über die Bilder und Riten. Historische Objekte werden als Zeitzeugnisse ganz besonders wichtig. Aus diesem Grund müssen, können und sollen die Museen – und vor allem das Humboldtforum – in der Auseinandersetzung mit diesen Fragen eine wichtige Rolle spielen.

 

Denn die materiellen Zeugnisse aller Kulturen sind das Erbe aller Menschen. Sie bewahren ihre eigenen Geschichten, und diese müssen erzählt werden. Alle gemeinsam prägen sie Weltkulturgeschichte. Wer sich planetär verortet, seinen Blick weitet und Denkschwellen überwindet, kann die Herausforderungen vor dem Hintergrund eines globalisierten, dynamischen Weltgeschehens annehmen. Es gilt für das Humboldtforum, Lebensnähe herzustellen über ein neues, sensibilisiertes Selbstverständnis im Umgang mit den Objekten aus anderen Kulturen, aber auch der eigenen. Es muss sich für sein Publikum interessieren und im besten Sinne populär sein. Diese Leitlinien werden nur dann zu einem Selbstverständnis, wenn sie sich tief in die Ausstellungs-, Vermittlungs- und Programmpraxis hineinpflanzen.

 

Umso wichtiger ist es, am Haus die Strukturen zu schaffen, in denen solche Konzepte umsetzbar sind. Die beiden richtungsweisenden Aspekte für die zukünftigen Ausstellungs- und Programmformate des Humboldtforums sind Entgrenzung und Teilhabe. Das Humboldtforum ist eine deutsche Institution, es kann aber nur in enger Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen aus aller Welt Antworten auf solche Fragen finden. Und so wird es für den Erfolg des Hauses entscheidend sein, wie die Inhalte zukünftig gemeinsam mit den Akteuren Staatliche Museen, Stadtmuseum Berlin und Humboldt-Universität sowie mit internationalen Kooperationspartnern, insbesondere mit den Communities der Herkunftsgesellschaften, erarbeitet werden können. Um dies zu ermöglichen, werden derzeit mit unterschiedlichen Partnern die Voraussetzungen für ein fest integriertes Residency-Programm geschaffen.

 

Wie aktuell kann das Humboldtforum sein? Die historischen Sammlungsbestände der Staatlichen Museen, die ins Humboldtforum ziehen, dokumentieren meistens ein spezifisches, fokussiertes Sammelinteresse zu einer bestimmten Zeit. Der Großteil der ethnologischen Sammlungen aus Afrika, Amerika, Asien und Ozeanien kam im letzten Drittel des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts nach Berlin. Diese Begrenzungen müssen sichtbar gemacht werden. Es ist unmöglich, die Totalität einer Kultur zu sammeln und umfassend zu repräsentieren. Was geben die Objekte in ihrer Zusammenstellung preis über den interessegeleiteten Anspruch des Sammelns, der wissenschaftlichen Untersuchung und der musealen Präsentation? Welche Geschichtsbilder – historisch oder aktuell – verkörpern sie? Wie kann die Verbindung zur heutigen Welt über solche Objekte und Zeitzeugnisse hergestellt werden? Wie und auf welchen Wegen lässt sich mit den Kollegen, Kuratoren und Communities aus den Herkunftsländern zusammenarbeiten?

 

Zwei Projekte in Vorbereitung auf das Humboldtforum stehen beispielhaft für den Versuch, eine polyphone Erzählung vieler, ganz unterschiedlicher Geschichten zum Klingen zu bringen, aber auch Gegenwärtiges und Zukünftiges mit ihnen zu verbinden. Zugleich demonstrieren sie die Möglichkeiten und das Entwicklungspotenzial einer prozesshaft verstandenen Kooperation, sowohl mit Communities als auch mit privaten Stiftungen.

 

Zum einen ist es die Zusammenarbeit des Ethnologischen Museums mit der indigenen Gruppe der Ye‘kuana aus dem Amazonasgebiet: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam eine bedeutende Sammlung von Objekten der Ye‘kuana nach Berlin. Ausgangspunkt der jetzigen Zusammenarbeit war das ethnologische Forschungsprojekt „Sharing Knowledge“, gefördert von der Volkswagenstiftung, aus dem sich eigenständig weitere Kooperationen entwickelten. Die Impulse kamen von den Vertretern der Ye‘kuana selbst, die weitere, zu erwerbende Objekte für das Ethnologische Museum vorschlugen. So entstand in eigener Regie und Umsetzung der Animationsfilm „Dijaawa Wotunnöi“. Er wurde im Rahmen der Ausstellung „Vorsicht Kinder!“ in der Humboldt-Box gezeigt. Erzählt wird eine Episode der Ursprungslegende der Ye‘kuana, die mündlich von Generation zu Generation weitergegeben wird und sich nun über die bewegten Bilder bis nach Berlin verbreitet hat. Es ist die Geschichte der grausamen und blutrünstigen Betrügerin Dijaawa, erzählt in der Sprache der Ye‘kuana. Der Film ist nun Teil des Schulunterrichts bei den Ye‘kuana, um Kindern und jungen Erwachsenen das Lernen in der eigenen Sprache und Kultur zu ermöglichen und diese Mythen und Traditionen zu bewahren.

Neil MacGregor
Neil MacGregor ist Leiter der Gründungsintendanz des Humboldtforums
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