Vereint in ihren eigenen Liedern

Kultur und Politik in Kroatien

 

Darüber hinaus setzt die erfolgreiche Bewerbung Rijekas zur „Europäischen Kulturhauptstadt 2020“ ein Signal für den kulturellen Aufbruch. Die ehemalige Werft- und Rüstungsstadt begeht mit modernen Konzepten in den Bereichen Urbanismus, Kultur, Partizipation und Stadterneuerung neue Wege. Wo die alten Wirtschafts- und Handelsmodelle an ihre Grenzen stoßen, können Kulturschaffende und Bürger selbst Ideen für ihre Stadt entwickeln und vor Ort umsetzen. Die schönen Küsten und die vielen talentierten Menschen, so die Staatspräsidentin kürzlich, seien das Potenzial, das Kroatien in die EU einbringe. Interessant ist z. B. die kroatische Start-up-Szene: Neue Entwicklungen in den Bereichen Videospiele, Gaming und digitale Medienkunst werden neuerdings gezielt staatlich gefördert. Im Kontrast zu den Küstenstädten und der Metropole Zagreb mit ihren florierenden Start-up-Branchen und Zukunftspotenzialen stehen die kleineren Städte im östlichen „Hinterland“ Kroatiens – der Osten ist von den wirtschaftlichen Folgen der Bürgerkriege, von Landflucht und Grenzpendeln am meisten betroffen. Die Gegensätze von Stadt, Land und der „goldenen“ Küstenregion werden immer größer. Mit ihnen wachsen die Bloch’schen „Ungleichzeitigkeiten“ zwischen Tradition und Moderne, zwischen Schichten und Milieus, zwischen alten patriarchalischen Strukturen und neuen Eliten: „500 kroatische Inseln für ein Ende der Korruption!“ ist der Aufschrei einer jungen Kulturaktivistin, die sich für ein Bleiben entschieden hat, die sich engagiert in internationalen Netzwerken und lokalen Initiativen. Es gilt, diese Traditionen und Strukturen, eine eigenständige kulturelle Entwicklung zu stärken. Durch kulturpolitische Kooperation könnten Initiativen unterstützt werden, die lokale und internationale Kulturakteure fördern. Davon würden auch Einheimische profitieren, die aufgrund des monokulturellen Wirtschafts-Booms zunehmend aus ihren eigenen Städten vertrieben werden.

 

Der Vize-Weltmeister-Titel des vergangenen Jahres stimmte viele Kroatinnen und Kroaten euphorisch und galt als Metapher für Selbstbehauptung und Selbstvertrauen. Neben der positiven Aufmerksamkeit, die sie einem kleinen Land an der Peripherie Europas im Sport schenkten, kritisierten europäische Medien aber auch, dass die „Weltmeister der Herzen“ ihre Heimkehr in Zagreb mit einem umstrittenen rechtspopulistischen Sänger feierten. Die Liedzeilen des Rock-Sängers Thompson erinnern, mit vereinzelten Zitaten nationalistischer Parolen, an hitzige Diskurse über Identität und Zugehörigkeit, nationale Opfer in der Vergangenheit und Kämpfe an der Heimatfront, von der der Sänger selbst mit einer Beinprothese wiederkehrte. Auf dem offenen Mannschaftsbus durfte er zwar mitfahren, vom Flughafen bis in die Innenstadt, das Mikrofon wurde ihm jedoch von offizieller Seite auf dem Hauptplatz Zagrebs abgedreht.

 

Den Kriegsveteranen und Versehrten, den kroatischen Vaterlandsverteidigern, der Generation der heute erst 50-Jährigen gebühre Respekt – so denken viele junge Kroaten. Man müsse verstehen, sagen auch sie, der Krieg sei noch nicht lange vorbei. „Thompsons Lieder sind ganz anders“. Sie seien kein Grund, ganz Kroatien in den europäischen Medien pauschal als rechtsradikal zu brandmarken. Eine Liedzeile aus den 1980er Jahren, als die Realität noch einfach war, kennen viele: „Ima neka tajna veza“, auf Deutsch: „Es gibt eine geheime Verbindung“. Als kulturelle, sprachliche oder familiäre Gemeinsamkeit, oder sogar als Liebe, kann man diese alten Beziehungen lesen. Die jugoslawische Rockband Bijelo Dugme hatte sie einst besungen. Alle Mitglieder der Kult-Band der 1980er und 1990er Jahre stammten aus einer anderen Teilrepublik Titos. Doch in der noch jungen Nation Kroatien lieben heute alle nur noch ihre Heimat. Alle feiern wie keine zweite Nation, jedoch für sich und nicht mehr vereint wie früher. Auf die Frage des Goethe-Instituts nach dem Freiraum, den Perspektiven in Europa, in Kroatien, denkt heute ein junger kroatischer Philosoph so: „Zum ersten Mal in der Geschichte sind wir Kroaten als Nation unabhängig und selbständig – und frei wozu? Frei, zumindest unsere eigenen Lieder zu singen …“.

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 04/2019

Matthias Müller-Wiefering
Matthias Müller-Wieferig ist Institutsleiter des Goethe-Instituts Kroatien in Zagreb.
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