Hochkultur ist subversiv

Kultur, Bildung und Gleichheit in Schweden

Schweden ist das größte skandinavische Land – im Selbstverständnis gewiss auch das führende. Insbesondere bei Fragen der Gleichstellung, aber auch der Digitalisierung. Der Premierminister bezeichnete Schweden unlängst als „humanitäre Großmacht“. Auch von außen dient das Land stets als Projektionsfläche – positiv wie negativ. Mit dem modernen Schweden hat das Ideal aus der Zeit vor der Industrialisierung wenig zu tun. Weder ist Schweden das Bullerbü-Paradies noch ein Land im Chaos, wie Rechtspopulisten es zeichnen. Zutreffend ist: Immer wieder sorgten Verbrechen für Aufsehen – jüngst etwa mehrere Morde auf offener Straße in Malmö. In manchen Vorstädten der Ballungszentren Stockholm, Göteborg und Malmö leben über 90 Prozent der Einwanderer unter schwierigen sozialen Bedingungen. Ausschreitungen wie 2013 sind Ausdruck dieser Problematik.

 

Heute lebt der Großteil aller Schweden in mehr oder minder urbanen Verhältnissen. Besucher bemerken, dass fast überall ohne Bargeld bezahlt wird und dass Toiletten in Stockholm Unisex sind. Erfolgreich war nicht zuletzt die Rationalisierung und Zentralisierung der gesamten Volkswirtschaft, getragen durch Industrie, Sozialdemokratie und Gewerkschaften. Das „Du“ als verbreitete Anredeform seit den 1960er Jahren artikuliert Effizienzdenken und Gleichheitsstreben über alle Klassenschranken hinweg. Das in Schweden wichtige Gesetz des Jante, „Janteloven“, das der norwegische Schriftsteller Aksel Sandemose entwickelt hat, lautet: Alle sind gleich! Daraus folgen Umgangsformen, über Konformitätszwang abgesichert, nach denen es verpönt ist, sich selbst hierarchisch zu erhöhen und sich gegenüber anderen als besser oder klüger darzustellen. Der dazu gehörige schwedische Satz lautet immer: „Du sollst nicht glauben, dass du etwas bist.“ Die Vision möglichst maximaler gesellschaftlicher Gleichheit steht aber im Kontrast zur Tatsache, dass die ökonomische Ungleichheit in keinem anderen OECD-Land seit den 1990er Jahren so stark gestiegen ist wie in Schweden.

 

Die Dominanz elitärer Institutionen wie der Schwedischen Akademie signalisiert einen ähnlichen Gegensatz von Anspruch und Wirklichkeit. 2018 musste die Kulturwelt auf ihren Literaturnobelpreisträger verzichten. Seit sexuelle Übergriffe und andere Verstöße im Umkreis der Einrichtung öffentlich wurden, steckt sie in ihrer schwersten Krise. Bereits die umstrittene Preisverleihung an den Musiker Bob Dylan galt als Indiz für kulturelle Orientierungslosigkeit, Niveauverlust und Beliebigkeit. Im egalitären Schweden muss jetzt vor allem die Geschlechterverteilung der Akademie verbessert und das Vertrauen zurückgewonnen werden. In der Vergangenheit waren nur zwei der 14 aktiven Gremiumsmitglieder Frauen. Das Durchschnittsalter der Mitglieder liegt derzeit bei 72 Jahren. Sexismus, Feminismus und Genderdiskurs – intensiv werden in Schweden als Folge der MeToo-Bewegung derzeit die veränderten Beziehungen zwischen den Geschlechtern diskutiert, die 2018 unter anderem zum „Einverständnisgesetz“ führte, das vor dem Sex ausdrückliche Zustimmung erforderlich macht – sonst gilt der Akt als Vergewaltigung. Die Gleichstellungspolitik fordert offensiv, dass Zuwanderer über verbindliche schwedische Werte und Gesetze informiert werden, wie z. B. die Gleichbehandlung von Männern und Frauen.

 

Deutsch in Schweden wieder attraktiver machen

 

Deutschland ist Schwedens größter Handelspartner. Aufgrund der intensiven wirtschaftlichen und politischen Verbindungen zu Deutschland gibt es in Schweden einen hohen Bedarf an Personal mit Deutschkenntnissen. Aber Deutsch belegt nach Englisch und Spanisch nur den dritten Rang bei modernen Fremdsprachen an schwedischen Schulen. Da Schweden auch ohne zweite Fremdsprache den Schulabschluss erlangen können, verringert sich das Interesse, nach Englisch noch Deutsch zu erlernen. 18 Prozent der Schüler in der Jahrgangsstufe neun lernen Deutsch. Das sind 50 Prozent weniger als vor 20 Jahren. Und je höher die Ausbildungsstufe, desto weniger wählen Deutsch als Fremdsprache. Falls es nicht gelingt, diese Entwicklung umzukehren, wird es für Unternehmen künftig schwerer, kompetente Mitarbeiter zu finden. Doch die oberste Schulbehörde lehnt – Gleichheit verbietet Bevorzugung! – die einseitige Förderung einer Sprache ab. Das Goethe-Institut, die deutsche Botschaft, die schwedische Wirtschaft und die Medien werben mit Imagekampagnen für Deutsch. Zusätzlich haben sie die „classa politica“, das Bildungsministerium und die Schulbehörde aufgefordert, stärkere Anreize für junge Schweden zu setzen, Deutsch zu lernen, um dem Kultur- und Bildungsverlust entgegenzuwirken.

 

Die schwedische Bildungslandschaft ist dezentralisiert und kommunalisiert. Im internationalen Vergleich ging es in den vergangenen Jahren für Schweden bergab. Seit dem PISA-Schock von 2013, bei dem schwedische Schülerinnen und Schüler in allen getesteten Disziplinen unter dem OECD-Durchschnitt lagen, gehört Bildung im politischen Diskurs zu den wichtigsten Themen. In den letzten Jahren sind sowohl im Schul- als auch im Hochschulbereich zahlreiche Reformen umgesetzt worden. Es besteht Lehrermangel und hohe Fluktuation in Lehrerzimmern, weil Lehrende im Schulsystem schlecht bezahlt werden und über geringen Status klagen. Indizien der Schulmisere sind Rekrutierungs-, Ausbildungs- und Professionalisierungsprobleme. Nicht zuletzt ist die Privatisierung der Schulen in freier Trägerschaft umstritten. Im letzten Wahlkampf wurde auch diskutiert, ob es privaten Unternehmen als gewinnorientierten Schulkonzernen untersagt werden sollte, Schulen als Spekulationsobjekt zu betreiben. Bildung als privater Markt, Profitorientierung, milde Noten, mangelnde Transparenz und soziale Segregation, aber auch erzieherische Konzepte religiöser, insbesondere muslimischer Schulen, werden kontrovers diskutiert. Auch in Schweden haben Kinder mit Migrationshintergrund oft größere Probleme, die Bildungsziele der Schule zu erreichen. Positiv ist jedoch, dass sie als Nicht-Muttersprachler Anspruch auf Unterrichtsstunden in ihrer Herkunftssprache haben.

Arpad A. Sölter
Arpad A. Sölter ist Institutsleiter des Goethe-Instituts Schweden in Stockholm.
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