Vereint in ihren eigenen Liedern
Kultur und Politik in Kroatien
8-7-6-5-4-3-2-1 – eine einprägsame Zahlenreihe, mit der der ehemalige Staatschef Josip Broz Tito Ex-Jugoslawien prägnant beschrieb: „Ich regiere ein Land mit 8 Minderheiten, 7 Nachbarn, 6 Republiken, 5 Nationalitäten, 4 Religionen, 3 Sprachen, 2 Alphabeten – und einer Partei.“ Als Tito starb, war es vorbei mit der – nur mit harter Hand durchsetzbaren – Einheit der Partei und des Landes. Er hinterließ seinem Nachfolger Slobodan Milošević ein wirtschaftlich und politisch bankrottes, explosives Pulverfass – ein Land im Zerfall. „Die Party ist vorbei, und wir bezahlen die Rechnung“, sagt eine junge Filmemacherin der Region heute.
Aktuell werden in Kroatien, ähnlich wie in anderen EU-Staaten, nationalistische Tendenzen sichtbar: Differenzen werden hervorgehoben, um sich von den ehemaligen Bruderstaaten abzugrenzen. Jede noch so kleine Provokation der anderen Seite – eines kroatischen Serben, serbischen Kroaten, muslimischen Bosniaken oder irgendeine andere regionale Variante der „falschen Seite“ – gelangt als „Aufreger“ in die Medien. Zu den politischen „Dauerbrennern“ gehören Schuldzuweisungen an die jeweilige Gegenseite, Heldenverehrung des eigenen Landes, Vorwürfe familiärer oder persönlicher Verbindungen zu Kriegsverbrechern und ihren Gräueltaten oder strittige Grenz- und Vertretungsfragen. Letztere werden so auch in die EU getragen.
Tatsächlich ist Kroatien, als jüngster und kleinster Mitgliedstaat der EU, in vielerlei Hinsicht besonders und bietet Anlass zu einem gewissen Stolz: Als erstes jugoslawisches Land – neben Slowenien – wurde 1991 seine nationale Unabhängigkeit erklärt. In dem überwiegend katholisch geprägten Staat ist Kroatisch als Landessprache auch für die nationalen Minderheiten – Ungarn, Slowenen, Serben, Deutsche – unangefochten. Sechs Jahre nach seinem EU-Beitritt haben sich die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse Kroatiens, im Gegensatz zu seinen früheren Bruderstaaten, stabilisiert. In Zagreb laufen in der Kultur- wie in der Sprach- und Bildungspolitik alle Fäden der noch jungen Republik zusammen, die darauf zielt, die nationale Identität zu fördern und zu festigen. Die zuständigen Ministerien, für die Küstenregion oft auch das Tourismus-Ministerium, garantieren mit ihren öffentlichen Budgets einen hohen Kultur- und Bildungsstandard: 85 Prozent der Schülerinnen und Schüler absolvieren ihr Abitur. Allerdings führen fehlende berufliche Perspektiven dazu, dass sich viele Abiturientinnen und Abiturienten wahllos für Studiengänge einschreiben. Die Abbruchquoten von Studierenden sind demzufolge sehr hoch.
Darüber hinaus werden viele nationale und internationale Kulturprogramme von staatlicher Seite unterstützt. Neben einer nationalen Repräsentationskultur koexistiert eine kleine, stark zersplitterte alternative Kulturszene. Kulturfestivals in den istrischen und dalmatischen Küstenstädten erhalten von den Tourismus-Behörden oft hohe Subventionen. Sie dienen in der Hauptsaison vor allem dem Tourismus-Entertainment, in der Nebensaison einem zusätzlichen Marketing.
Ein entwickelter Kunst- und Kulturmarkt mit Galerien und privaten Kunstsammlungen sowie Vermarktungs- und Fundraising-Strategien sind in Kroatien jedoch oft nur in ersten Ansätzen vorhanden.
Gleichzeitig ist die Stimmung im Land von Ohnmacht und Pessimismus geprägt: Die Erfahrungen mit mehrfachen Regierungswechseln, einem Rechtsruck und ausbleibenden wirtschaftlichen Perspektiven nach dem EU-Beitritt haben zu einem Vertrauensverlust in die politischen Eliten und Systeme geführt. Wirtschaftswachstum allein im Tourismus-Sektor reicht nicht aus, um der Stagnation und insbesondere dem alarmierenden demografischen Wandel entgegenzuwirken. Während der Anteil der alternden Bevölkerung zunimmt, weist das Land nur eine geringe Geburtenrate auf, was auch mit der anhaltenden Abwanderung der jüngeren Bevölkerung zusammenhängt: Gab die Volkszählung von 2011 offiziell noch 4,3 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner an, liegt diese Zahl aktuell bereits bei unter vier Millionen. Allein im vergangenen Jahr wanderten 80.000 Menschen aus. Sollte sich dieser Trend fortsetzen, wird die Bevölkerung bis 2051 um mehr als 1,1 Millionen Menschen weiter schrumpfen.
Doch wie lässt sich die Abwanderung von jungen und aktiven Kroatinnen und Kroaten verhindern? Um den scheinbar übermächtigen Push- und Pull-Faktoren der Auswanderung entgegenzuwirken, sollten Kultur und Politik nationale Bildungsprogramme unterstützen, insbesondere die Einführung einer dualen Ausbildung, digitale Kompetenzen fördern und einen wissenschaftlichen und künstlerischen Austausch in Europa stärken. Damit der „Braingain“ den gegenwärtigen „Braindrain“ ablöst, wäre es wünschenswert, sich mehr den positiven Seiten der Mobilität und des Austausches in Europa zu öffnen und weniger auf verengte nationale, rückwärtsgewandte Perspektiven zu setzen.
Gegenüber Deutschland stehen sich in Kroatien ausgesprochen ambivalente Positionen gegenüber: Einerseits pflegt das Land ein freundschaftliches Verhältnis zu Deutschland, insbesondere seit Kohl und Genscher 1991 Kroatiens Unabhängigkeit unterstützten. Kroatien hat zudem große Erwartungen an die guten kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen. Auf der anderen Seite begegnet man Deutschland mit Gleichgültigkeit, und es gibt extreme Ausschläge auf dem rechten wie auch linken Ideologie-Spektrum, die mitunter als geradezu feindselige Ablehnung erfahrbar sind. So unterstellt man der deutschen Politik teilweise kolonialistische Interessen und wirft ihr eine bewusste Spaltung Europas in Nord und Süd sowie Reich und Arm vor.
Das Goethe-Institut in Kroatien wird ebenso zwiespältig betrachtet: Die bildungs- und kulturpolitische Zusammenarbeit des deutschen Kulturinstituts mit inländischen Institutionen wird von kroatischer Seite sehr geschätzt. Mit seinen berufsvorbereitenden Sprachkursangeboten ist es aber auch ein „Sprungbrett für den Absprung“ nach Deutschland für viele ausreisewillige Akademikerinnen, Führungskräfte und Facharbeiter. Gerade Berlin gilt für Künstler und Kreative aus Kroatien als Sehnsuchtsort.
Was also tun? Fehlende Strukturen, fehlendes Vertrauen in die Perspektiven im eigenen Land können nicht ersetzt werden. Das Goethe-Institut unterstützt Kroatien deshalb mit innovativen Konzepten im kultur- und bildungspolitischen Bereich: Im Rahmen der Digitalstrategie des kroatischen Bildungsministeriums entwickelte das Goethe-Institut beispielsweise neue curriculare Empfehlungen für den Einsatz von digitalen Medien im Unterricht, um so das mediengestützte Lehren und Lernen zu stärken. Digitale Fortbildungsangebote für Lehrkräfte und Projekte, die das autonome Lernen fördern, wurden gemeinsam entwickelt. Von diesen sollen insbesondere die MINT-Fächer profitieren.
Darüber hinaus setzt die erfolgreiche Bewerbung Rijekas zur „Europäischen Kulturhauptstadt 2020“ ein Signal für den kulturellen Aufbruch. Die ehemalige Werft- und Rüstungsstadt begeht mit modernen Konzepten in den Bereichen Urbanismus, Kultur, Partizipation und Stadterneuerung neue Wege. Wo die alten Wirtschafts- und Handelsmodelle an ihre Grenzen stoßen, können Kulturschaffende und Bürger selbst Ideen für ihre Stadt entwickeln und vor Ort umsetzen. Die schönen Küsten und die vielen talentierten Menschen, so die Staatspräsidentin kürzlich, seien das Potenzial, das Kroatien in die EU einbringe. Interessant ist z. B. die kroatische Start-up-Szene: Neue Entwicklungen in den Bereichen Videospiele, Gaming und digitale Medienkunst werden neuerdings gezielt staatlich gefördert. Im Kontrast zu den Küstenstädten und der Metropole Zagreb mit ihren florierenden Start-up-Branchen und Zukunftspotenzialen stehen die kleineren Städte im östlichen „Hinterland“ Kroatiens – der Osten ist von den wirtschaftlichen Folgen der Bürgerkriege, von Landflucht und Grenzpendeln am meisten betroffen. Die Gegensätze von Stadt, Land und der „goldenen“ Küstenregion werden immer größer. Mit ihnen wachsen die Bloch’schen „Ungleichzeitigkeiten“ zwischen Tradition und Moderne, zwischen Schichten und Milieus, zwischen alten patriarchalischen Strukturen und neuen Eliten: „500 kroatische Inseln für ein Ende der Korruption!“ ist der Aufschrei einer jungen Kulturaktivistin, die sich für ein Bleiben entschieden hat, die sich engagiert in internationalen Netzwerken und lokalen Initiativen. Es gilt, diese Traditionen und Strukturen, eine eigenständige kulturelle Entwicklung zu stärken. Durch kulturpolitische Kooperation könnten Initiativen unterstützt werden, die lokale und internationale Kulturakteure fördern. Davon würden auch Einheimische profitieren, die aufgrund des monokulturellen Wirtschafts-Booms zunehmend aus ihren eigenen Städten vertrieben werden.
Der Vize-Weltmeister-Titel des vergangenen Jahres stimmte viele Kroatinnen und Kroaten euphorisch und galt als Metapher für Selbstbehauptung und Selbstvertrauen. Neben der positiven Aufmerksamkeit, die sie einem kleinen Land an der Peripherie Europas im Sport schenkten, kritisierten europäische Medien aber auch, dass die „Weltmeister der Herzen“ ihre Heimkehr in Zagreb mit einem umstrittenen rechtspopulistischen Sänger feierten. Die Liedzeilen des Rock-Sängers Thompson erinnern, mit vereinzelten Zitaten nationalistischer Parolen, an hitzige Diskurse über Identität und Zugehörigkeit, nationale Opfer in der Vergangenheit und Kämpfe an der Heimatfront, von der der Sänger selbst mit einer Beinprothese wiederkehrte. Auf dem offenen Mannschaftsbus durfte er zwar mitfahren, vom Flughafen bis in die Innenstadt, das Mikrofon wurde ihm jedoch von offizieller Seite auf dem Hauptplatz Zagrebs abgedreht.
Den Kriegsveteranen und Versehrten, den kroatischen Vaterlandsverteidigern, der Generation der heute erst 50-Jährigen gebühre Respekt – so denken viele junge Kroaten. Man müsse verstehen, sagen auch sie, der Krieg sei noch nicht lange vorbei. „Thompsons Lieder sind ganz anders“. Sie seien kein Grund, ganz Kroatien in den europäischen Medien pauschal als rechtsradikal zu brandmarken. Eine Liedzeile aus den 1980er Jahren, als die Realität noch einfach war, kennen viele: „Ima neka tajna veza“, auf Deutsch: „Es gibt eine geheime Verbindung“. Als kulturelle, sprachliche oder familiäre Gemeinsamkeit, oder sogar als Liebe, kann man diese alten Beziehungen lesen. Die jugoslawische Rockband Bijelo Dugme hatte sie einst besungen. Alle Mitglieder der Kult-Band der 1980er und 1990er Jahre stammten aus einer anderen Teilrepublik Titos. Doch in der noch jungen Nation Kroatien lieben heute alle nur noch ihre Heimat. Alle feiern wie keine zweite Nation, jedoch für sich und nicht mehr vereint wie früher. Auf die Frage des Goethe-Instituts nach dem Freiraum, den Perspektiven in Europa, in Kroatien, denkt heute ein junger kroatischer Philosoph so: „Zum ersten Mal in der Geschichte sind wir Kroaten als Nation unabhängig und selbständig – und frei wozu? Frei, zumindest unsere eigenen Lieder zu singen …“.
Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 04/2019
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