Mehr kulturelle Visionen

„Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“, dieses Bonmot des damaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt fand ich schon immer äußerst problematisch. Politik ohne Visionen ist inhaltsleer und kann niemanden begeistern. Und, vielleicht noch viel schlimmer, ohne eine Vision hat man kein politisches Ziel und ohne politisches Ziel kann man auch keine Strategie entwickeln, sie zu erreichen. Mark Twain sagte es treffend: „Wer nicht weiß, wo er hinwill, darf sich nicht wundern, wenn er woanders ankommt.“

 

In der Politik ist Visionslosigkeit deshalb eigentlich eine Todsünde. Nicht aber in der Bundesregierung dieser Tage. Die Ziellosigkeit dieser Bundesregierung ist ihren fehlenden Visionen geschuldet.

 

Das sehen wir besonders deutlich in der Klimapolitik, aber nicht nur dort. Die Bildungspolitik des Bundes ist in dieser Legislaturperiode ebenfalls ziellos, die Wirtschaftspolitik auch, die Verkehrspolitik hat vollständig ihren Kompass verloren.

 

Ja, diese Bundesregierung ist mental erschöpft, aber ist das wirklich der einzige Grund für dieses Formtief?

 

Letztlich haben wir uns alle in den letzten Jahren treiben lassen. Viele für uns wichtigen Entscheidungen wurden nicht in Deutschland getroffen. Die Krieger in der Welt ignorieren unsere Friedensappelle, die zügellose Weltwirtschaft lässt massenhaft Menschen hungern, deshalb haben Menschen aus dem Nahen Osten und Afrika entschieden, in großer Zahl zu uns zu kommen. Wir konnten nur noch auf diese Fluchtwelle reagieren. Trotzdem können wir stolz darauf sein, was Deutschland bei der Integration von Geflüchteten geleistet hat und leistet.

 

Auch kulturell backen wir im internationalen Maßstab zurzeit kleine Brötchen. Der deutsche Film, hochsubventioniert, spielt international eine untergeordnete Rolle, im Zukunftsmarkt Computerspiele sind wir zwar einer der wichtigsten Absatzmärkte, produzieren aber nur sehr wenig selbst, und den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, ein wirkliches positives Alleinstellungsmerkmal der deutschen Medienkultur in der Welt, sparen wir gerade mit Verve kaputt.

 

Wir lassen uns auch kulturpolitisch mehr treiben, als dass wir steuern. Die nicht stattfindende Debatte um den Sinn und Zweck des Humboldt Forums und das kleinmütige Agieren bei der Rückgabe von geraubten Werken aus der Kolonialzeit sind dafür beredte Beispiele.

 

Ja, wir brauchen mehr kulturelle Visionen! Werden wir mutig und sagen, was wir kulturell erreichen wollen. Wer Visionen hat, sollte nicht zum Arzt, sondern in die Kultur gehen, denn hier werden Visionäre dringend gebraucht.

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 02/2020.

Olaf Zimmermann
Olaf Zimmermann ist Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates und Herausgeber von Politik & Kultur.
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