Kampf um Kultursubventionen

Ein Blick auf die Kulturpolitik der Niederlande

 

Darüber hinaus trat die Vorsitzende des »Raad voor Cultuur«, dem zentralen Beratungsorgan des niederländischen Staates in Kulturfragen, aus Unzufriedenheit mit den Sparplänen zurück.

 

Folgen waren nicht nur die Schließung vieler Institutionen, der Verlust von Wissen und Arbeitsplätzen, sondern insbesondere auch ein allgemeiner Wandel in der gesellschaftlichen Rezeption der Kunstwelt. Das Wort „Subvention“ erhielt einen unangenehmen Beigeschmack und die Diskussion um sie brachte sogar ein eigenes, abwertendes Vokabular hervor, wie „Subventionsabzocker“ oder „Geld über die Hecke werfen“ – kritisch anmerken kann man durchaus, dass es in dieser Diskussion immer überraschend ruhig wurde, wenn es um Subventionen für neue Autobahnen, Landwirtschaft oder Sport ging. Viele Kunstschaffende fühlten sich in die Ecke gedrängt. Es setzte ihnen zu, plötzlich als Schmarotzer betrachtet zu werden und somit sich und ihre Arbeit gegen gesellschaftliche Entwertungsbestrebungen verteidigen zu müssen.

 

Rechtspopulismus vs. Kulturförderung

 

In den vergangenen Jahren zeigten sich die guten Absichten der Politik, die Kultur und ihr Ansehen in der Gesellschaft wieder aufzuwerten. Doch trotz Anzeichen der Besserung hat die Kulturförderung in den Niederlanden seit dem Aufstieg der Rechtspopulisten einen schweren Stand. Die Idee, dass „Kunst doch nur ein linkes Hobby sei“, ist wie Gift in die Debatte eingeflossen und wird seither stetig weitergetragen. So verlautbarte der wirtschaftsliberale Minister für Wirtschaft und Klima, Eric Wiebes, 2018 in einer beliebten TV-Sendung, er sei nicht wirklich für Kunstsubventionen. Er argumentierte, dass sein Nachbar als hart arbeitender Klempner auch keine Subvention für sein Motocross-Rennfahrer-Hobby bekäme. Kritik an der Kunstförderung über eine polemische Degradierung der Kunst zum Hobby scheint für den politischen Stimmenfang mittlerweile zur Norm geworden. Experimentelle und differenzierte Stimmen, für die die Niederlande so berühmt geworden sind, verschwinden weiter aus den öffentlichen Debatten, die immer populistischere Züge bekommen. Ein auffälliger Paradigmenwechsel, mit dem die Niederländer allerdings in Europa und der Welt zurzeit nicht alleine dastehen.

 

Seit Anfang März 2019 bahnt sich im Kulturbetrieb erneut eine Krise an. Das politisch rechte Forum für Demokratie von Thierry Baudet wurde bei den Wahlen der Provinzräte unerwartet zum großen Gewinner gewählt. Seine Rhetorik kann durchaus als niederländische Manifestation eines globalen Aufstands gegen die liberale Demokratie gesehen werden. Wenn der Sieg des Forums für Demokratie ein Vorbote für die nationalen Wahlen am 17. März 2021 ist, dann verspricht dies wenig Gutes für die sich gerade erst langsam erholende niederländische Kunst- und Kulturszene.

 

Widerstandsfähiger Kultursektor

 

Trotz dieser neuen Belastungen und Veränderungen sollten die außergewöhnliche Widerstandsfähigkeit des niederländischen Kultursektors und die weiterhin sehr lebendige und vielseitige Kulturszene hervorgehoben werden. Dies ist insbesondere der Kraft vieler engagierter, unbeugsamer Kreativer gegenüber politischen Umschwüngen zu verdanken. Dazu beigetragen hat sicherlich auch, dass sich in der Kulturförderung trotz Gegenwind von rechts aktuell ein positiver Trend abzeichnet: Es wird wieder mehr Geld in Kunst und Kultur investiert. Bis zur großen Kürzung im Jahr 2011 von über 200 Millionen Euro hatte der niederländische Staat jährlich 900 Millionen Euro für die Kulturförderung ausgegeben. Mittlerweile sind es immerhin wieder rund 839 Millionen. Gleichzeitig versucht die demokratisch-liberale Kulturministerin Van Engelshoven, neue Akzente und Visionen umzusetzen, wie etwa die Förderung eines Fair Practice Codes, der von Künstlerverbänden mitentwickelt wurde. Dieser soll sicherstellen, dass die Kunstinstitutionen ehrlicher mit Künstlerinnen und Künstlern und ihren Werken umgehen – einschließlich gerechter Bezahlung und besserer Beschäftigungsbedingungen. Hunderte von Kultureinrichtungen haben sich dieser Initiative angeschlossen. Auch das Goethe-Institut sieht sich in diesem Zusammenhang als Plattformgeber und Unterstützer der niederländischen Kulturszene. Seit 51 Jahren arbeitet es in den Niederlanden mit zwei Standorten in Rotterdam und Amsterdam. In beiden Städten ist das Goethe-Institut tief im Kulturleben und in der fast ganzen Breite der Szene – von Hochkultur bis Underground – verwurzelt. So beteiligt es sich pro Jahr als Veranstalter oder Partner an mehr als 400 Veranstaltungen ganz unterschiedlichster Art im ganzen Land. Dazu zählt beispielsweise die Open-Air-Eröffnung des weltbekannten Minimal Music Festivals in Amsterdam durch den auf 144 Schiffshörner musizierenden Christof Schläger oder die Residenzaufenthalte im Bereich Theater, Architektur, Bildende Kunst und Bibliothek am Goethe-Institut Rotterdam. Zusätzlich zu den zahlreichen Kulturveranstaltungen ist das Goethe-Institut in den Niederlanden insbesondere im Bildungs- und Sprachbereich gut aufgestellt: Einerseits blickt es auf einen regen Sprachkursbetrieb mit über 1.000 Kursteilnehmern pro Semester und bietet rund 10.000 Schülerinnen und Schülern an niederländischen Partnerschulen interessante Deutschangebote an. An beiden Standorten unterhält es eine Bibliothek mit einladenden Räumlichkeiten und umfangreichen Beständen zu Deutsch als Fremdsprache sowie zeitgenössischer deutscher Literatur. Durch seine partnerorientierte und seine immer an den Interessen beider Länder orientierten Arbeitsweise hat das Goethe-Institut sicher auch seinen Beitrag zum heute so entspannten und freundlichen Verhältnis zwischen Deutschland und den Niederlanden beigetragen.

 

Schließlich bleibt zu hoffen, dass das politische Engagement für die Kultur zukünftig fortbesteht und den niederländischen Kulturschaffenden weiterhin Rückhalt verschafft werden kann.

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 05/2019

Mikko Fritze und Mirthe Berentsen
Mikko Fritze leitet das Goethe-Institut Niederlande. Mirthe Berentsen ist Autorin, Journalistin und kulturpolitische Beraterin.
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