Die großen Häuser in Brüssel, etwa die Königlichen Museen, das Multispartenhaus Bozar oder die Oper De Munt/La Monnaie, fallen in die Zuständigkeit der Bundesregierung. Die meisten Häuser oder Festivals dagegen liegen in der Zuständigkeit einer der drei Sprachgemeinschaften. Um zwei Beispiele zu nennen: Das Iselp, ein Institut zur Präsentation und Erforschung von Gegenwartskunst im Zentrum von Brüssel, erhält Unterstützung unter anderem von der Fédération Wallonie-Bruxelles, während das knapp drei Kilometer entfernt liegende Argos, ein Zentrum für Medienkunst, als strukturelle Partner das Ministerie van de Vlaamse Gemeenschap und Vlaamse Gemeenschapscommissie nennt.
Die Aufteilung nach Sprachgemeinschaften heißt nicht zwangsläufig, dass bei jeder Veranstaltung im Iselp Französisch gesprochen wird oder dass im Argos nur in Flandern geborene und aufgewachsene Künstlerinnen und Künstler zu Gast sind. Dennoch gibt sie eine Richtung vor, und die unterschiedlichen Brüsseler Besuchergruppen folgen dieser Richtung erstaunlich bereitwillig. „Einer der Nachteile, den in Brüssel arbeitende Organisationen erleben, ist, dass sie einer der Gemeinschaften gegenüber Rechenschaft ablegen müssen, selbst wenn sie sich an alle Menschen in Brüssel richten möchten“, gibt Tom Bonte zu bedenken. „Je mehr der Nationalismus zunimmt, umso mehr steigt das Risiko, dass nicht das Wohl aller im Vordergrund steht, sondern nur das der Gemeinschaft, zu der die Organisation ‚gehört‘.“
Für Marie du Chastel vom KIKK Festival ist spartenübergreifendes Arbeiten Alltag, da KIKK Aktivitäten am Kreuzungspunkt von Kunst, Wissenschaft und neuen Technologien bündelt. Sie sagt: „Die Trennung verhindert, dass man zusammen an gemeinsamen Projekten arbeitet, denn die Sprachgemeinschaften möchten kein Geld geben, das Kooperationen mit anderen Regionen fördern würde. Es wäre wirklich interessant, gäbe es in unserem ohnehin schon so kleinen Land mehr Ausschreibungen, die Kooperationen zwischen den Sprachgemeinschaften ermöglichten.“ Auch Serge Rangoni, dessen Theater bereits mit vielen europäischen Theaterhäusern wie der Berliner Schaubühne zusammengearbeitet hat, findet: „Es gibt eine zu große wechselseitige Unkenntnis.“ Rangoni weist auch auf die Konflikte und Polemiken hin, die der belgische Kulturbetrieb immer wieder erlebt. Zum bis dato jüngsten größeren Konflikt kam es im Sommer, als bekannt gegeben wurde, welche Künstlerinnen und Künstler den belgischen Pavillon bei der nächsten Kunstbiennale in Venedig beziehen werden. Dazu muss man wissen, dass dieser Pavillon in wechselnder Zuständigkeit bei den Flamen und der Fédération Wallonie-Bruxelles liegt. Für die Ausgabe im Jahr 2019 war letztere am Zug. Statt einen französischsprachigen Künstler zu nominieren, hat die Ministerin Alda Greoli zwei in Brüssel lebende, aus Flandern stammende Künstler ernannt, Jos de Gruyter und Harald Thys. Ihnen steht nun ein Budget von 450.000 Euro zur Verfügung, um den Pavillon nach ihren Plänen zu gestalten. Diese Entscheidung werteten viele als Affront. In der französischsprachigen Zeitung „La Libre“ und im niederländischsprachigen „De Morgen“ wurde im August ein offener Brief lanciert. Darin heißt es: „Es liegt uns fern, die Arbeit der ausgewählten Künstler Jos de Gruyter und Harald Thys anzugreifen. Doch dass die Ministerin sich dazu entscheidet, Künstlern aus der Flämischen Gemeinschaft 450.000 Euro und somit die einzige substanzielle, ohnehin nur alle vier Jahre vergebene Subvention in der Fédération Wallonie Bruxelles zu geben, ist überraschend. Die Hoffnung auf Gegenseitigkeit in zwei Jahren muss hypothetisch bleiben, wenn nicht gar als politisch illusorisch erscheinen.“ Unterzeichnet haben den offenen Brief namhafte Akteure wie Dirk Snauwaert, Direktor des Brüsseler WIELS, oder Philippe Van Cauteren, Direktor des Genter S.M.A.K.
Es lässt sich nicht bestimmen, was hier am Werk ist: Gekränkte Eitelkeit? Sinnvoller Schutz sprachlich-kultureller Identität? Das berechtigte Interesse einer Gruppe, angemessen repräsentiert zu werden? Oder doch regionale Borniertheit, die der Freiheit der Kunst mit kunstfernen Regelungen zu Leibe rücken möchte?
Bisweilen mischt sich in die Lebendigkeit, die Vielfalt und die Offenheit der belgischen Kulturszene eine gute Dosis Kleingeist. Noch verwirrender ist, dass es zu Situationen kommen kann, in denen unklar bleibt, ob der Kleingeist und das Beharren auf der regionalen Identität vielleicht strategisch nötig sind, um letztlich die Vielfalt und das Gleichgewicht der unterschiedlichen Gruppen zu gewährleisten. Diese Frage bleibt offen. So viel indes steht fest: Die Kulturschaffenden in Belgien haben die Gabe, Ambiguität auszuhalten und mit offenen Fragen zu leben.
