Gott mag’s

Zu Tisch bringen die Kinder bisweilen per Kalauer eines der großen Jubiläen dieses Jahres ein: „Egal, was Du kochst, Karl Marx (mag’s)“. Unter das kurze Schmunzeln mischt sich die etwas irritierende Einsicht: Schafft der Begründer einer der wirksamsten Wirtschaftstheorien und Gesellschaftsanalysen der letzten beiden Jahrhunderte es in der nächsten Generation nur noch in den blödelnden Sprachwitz? Oder, andersherum gefragt: Ist der Urheber einer der wirkmächtigsten Ideologien, die dann im 20. Jahrhundert eine so zerstörerische Macht zu entwickeln vermochte, heute so fern, dass aus der Distanz locker gewitzelt werden kann? Die noch verbliebenen Statuen und Büsten dienen nicht selten Graffiti- und Selfie-Freunden und auch die Neuaufstellung einer überdimensionalen Figuration in Trier hat nur begrenzte Entrüstung erzeugt. Fast alles egal also, man(n), marx/mag’s?

 

Das ist – auf das historische Tempo geschaut – erstaunlich. Ist es doch nur eine Generation her, dass in einem Teil Deutschlands ein Schulpflichtfach nach Marx benannt war. Im anderen Teil Deutschlands hingegen hatte eine ganze Generation von Politikern ihre studentische Vergangenheit in K-Gruppen, deren Aufsplitterung und Namen heute kaum noch jemand kennt, geschweige denn versteht. Es gehörte zur akademischen Identität nach 1968, sich in Theoriesystemen eines weiterentwickelten Marxismus zu verorten.

 

Man reibt sich die Augen: Keine 50 Jahre ist das her. Und die Kirche? Als ich Ende der 1980er Jahre studierte, gehörte die Rede vom „Kommunismus der Urkirche“ noch selbstverständlich dazu. Brotbrechen und Vergemeinschaftung der Güter – was sich im Neuen Testament findet, wurde versuchsweise in die ökonomischen Ideale des 20. Jahrhunderts übersetzt. Der große „Kirchenvater des 20. Jahrhunderts“, an dessen Tod im Schwellenjahr 1968 wir dieses Jahr erinnern – Karl Barth –, galt als Stichwortgeber für erhitzte theologische Debatten: „Ein Sozialist kann Christ, ein Christ muss Sozialist sein“ – so wurde Barth aus der Frühphase seines Schaffens zitiert. Barth hatte um 1915 bei den damals populären religiösen Sozia­listen angeknüpft. Es war die Zeit, in der man sich in Theologie und Kirche fragte: Kann man dem Atheismus und dem antikirchlich-antireligiösen Gestus Marx entschieden widersprechen und dennoch an den sozialen Fragen und Utopien anknüpfen? Die aufgeregten Debatten wirken für uns nur ein, zwei Generationen später irritierend. Der undemokratische Staatssozialismus, der in der DDR eine „Kirche im Sozialismus“ erzwang, hat die Diskussionen desavouiert und verstummen lassen. Die soziale Frage aber ist geblieben, drängend, gegenwärtig, sie muss weiter verstören: Es bleibt Herausforderung, dass in der Marktwirtschaft die Schere zwischen Besitzenden und Abgehängten nicht immer weiter auseinandergehen darf. Alle müssen und können satt werden.

 

Die Wahrheit, dass die Menschen zusammengehören, dass Eigentum verpflichtet und Güter geteilt gehören, darf nicht versiegen. Gott will, ja Gott mag‘s gerecht. In dieser Hinsicht sind Christen Mag’sisten.

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 04/2018.

Christian Stäblein
Christian Stäblein ist Propst der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz.
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