Nachdem Martin Luther Papst geworden war

Alternativweltromane der Science-Fiction

„Wie gut, dass die Ururgroßeltern damals die Abfahrt der Titanic verpasst haben!“ – „Wenn ich 2015 nicht Urlaub auf Malle gemacht hätte, wäre ich heute mit jemand anderem zusammen.“ Überlegungen dieser Art hat wohl jeder schon einmal angestellt, und jedem werden gewiss Entscheidungen oder Ereignisse einfallen, die sein Leben nachhaltig bestimmt haben.

 

Auch die Geschichte kennt Wendepunkte, die entscheidend waren für die Zukunft der Welt. Die früher im Geschichtsstudium strikt verbotene Frage nach dem „Was wäre, wenn …?“ wird in der Geschichtswissenschaft seit geraumer Zeit durchaus ernsthaft gestellt. Wenden wir diese Frage einmal auf ganz wenige Daten der Weltgeschichte an. Was wäre also gewesen, wenn z. B.

 

  • Alexander der Große nicht so früh gestorben wäre;
  • die Mauren in Spanien gesiegt hätten;
  • Martin Luther als Ketzer verbrannt worden wäre;
  • Napoleon bei Waterloo gesiegt hätte;
  • Lenin nicht aus der Schweiz nach Petrograd transportiert worden wäre;
  • die Widerständler des 20. Juli 1944 erfolgreich gewesen wären;
  • die Attentäter des 11. September 2001 vor ihrem Massenmord entdeckt und festgenommen worden wären?

 

Die Frage nach dem „Was wäre, wenn“ ist häufig auch von Autoren des literarischen Genres Science-Fiction gestellt worden. Alternativweltromane sind eine Untergattung dieser Literatur, die übrigens eine starke Affinität zu religiösen Themen besitzt. So etwa die Romantrilogie „Hammer und Kreuz“, erschienen 1993–1995, der amerikanischen Autoren Harrison und Holm, die davon ausgeht, dass im 8. und 9. Jahrhundert die Wikinger eine organisierte technikfreundliche Religion gegründet und das Christentum in Nordeuropa besiegt haben.

 

Zwei um 1970 erschienene Romane schildern ein 20. Jahrhundert, in dem die Katholische Kirche die Welt beherrscht, weil Martin Luther vier Jahrhunderte zuvor nicht die Reformation ausgelöst, sondern sich mit der Kirche arrangiert hat und Papst Germanian I. geworden ist. Im zweiten Roman ist Königin Elisabeth I. 1588 einem Attentat zum Opfer gefallen und Spanien hat den Krieg gewonnen. In diesen Welten ist die Technik unterentwickelt. Der Güter- und Personenverkehr wird mit gewaltigen Dampfmaschinen auf Straßen abgewickelt: „Die Bulle Petroleum Veto von 1910 hatte den Hubraum von Verbrennungsmotoren auf 150 Kubikzoll beschränkt. Die Benzinfahrzeuge hatten sich mit lustigen Segeln aushelfen müssen, damit sie überhaupt vorankamen“, so heißt es in Robert Keiths „Pavane“ (1966). Die Nachrichtenübermittlung erfolgt mithilfe von Signalmasten, wie in Kingsley Amis „Die Verwandlung“ (1976).

 

Andererseits hat in beiden Romanwelten die Kirche dafür gesorgt, dass Künste und Kultur hoch angesehen und verbreitet sind. Auch wurde die Umwelt nicht zerstört. Die Weltkriege haben nicht stattgefunden; Atombomben gibt es nicht; Namen wie Auschwitz oder Buchenwald haben keine Bedeutung. Einziger Gegenspieler des Kirchenstaates ist in „Die Verwandlung“ das Osmanische Reich, mit dem man gelegentlich Kriege führt, deren wirkliche, aber natürlich geheim gehaltene Absicht eine Bevölkerungsreduktion auf beiden Seiten ist. Fröhlich geht es in einem Alternativwelt-Roman „Der zeitgereiste Napoleon“ (1987) von Harold Peirce zu. Darin hat Napoleon bei Waterloo gesiegt, und am Ende des 20. Jahrhunderts regiert sein Nachfolger als Napoleon V. ein vereinigtes Europa. Deutschland besteht aus 29 Kleinstaaten, die eine lose Konföderation eingegangen sind. Kaiser Napoleon V. meint: „Die Deutschen sind in erster Linie Dichter, Visionäre und Träumer; sie haben überhaupt keinen Sinn für das Praktische.“

 

Mit einem alternativen Verlauf der amerikanischen Geschichte beschäftigt sich ein Klassiker des Genres, Ward Moores 1953 erschienener Roman „Der große Süden“.  Darin haben die Südstaaten den amerikanischen Bürgerkrieg gewonnen; sie sind eine reiche Agrarnation geworden. Der Rassismus regiert ein technisch kaum entwickeltes 20. Jahrhundert.

 

In Carl Amerys 1979 erschienenem Roman „An den Feuern der Leyermark“ hat Preußen 1866 den Krieg gegen Österreich, Bayern und Hannover verloren. Bayern wird der bedeutendste Staat Mitteleuropas – demokratisch, kunstliebend und freiheitlich. Im Anschluss an dessen Lektüre mag man sich fragen, ob der Welt ein „Führer“ Adolf Hitler erspart geblieben wäre, wenn sich bei einer anderen Weichenstellung im Jahre 1866 früher und nachhaltiger republikanische und demokratische Tendenzen in Deutschland hätten durchsetzen können; wenn es zu einer „großdeutschen“ oder gar keiner Einheitslösung gekommen wäre; wenn das Königreich Hannover nicht von Preußen annektiert, also mit Gewalt und ohne Berechtigung in dessen Besitz gebracht worden wäre.

 

Aus einem völlig anderen Grund findet in dem Alternativwelt-Roman „Als Wilhelm kam“ (1914) von Saki, das ist Hector Hugh Munro, der Erste Weltkrieg nicht statt. Darin startet Deutschland einen Überraschungsangriff auf England und besiegt dieses vor allem durch den Einsatz seiner Zeppelin-Luftflotte und überragender Kriegsschiffe innerhalb einer Woche.

 

Die Alternativwelt, die Christian Mähr 1991 in „Fatous Staub“ schildert, hat den Ersten und den Zweiten Weltkrieg nicht erlebt. Die österreichische Monarchie wird von einem Kaiser Karl regiert, der offensichtlich etwas debil ist. Der Kaiser des Deutschen Reiches, Wilhelm II., hat bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts das Zepter in der Hand und lässt seinen Macken freien Lauf, schadet dabei aber niemandem durch Krieg oder auch nur Kriegsgeschrei.

 

Ein Zeitraum ist von einer großen Zahl Alternativwelt-Romane immer und immer wieder behandelt worden, nämlich jene verfluchten Jahre zwischen 1933 und 1945. Bis auf wenige Ausnahmen haben in diesen alternativen Romanwelten Hitler bzw. das Deutsche Reich und seine Verbündeten den Krieg gewonnen. Zwei der besten Romane dieses Genres überhaupt gehören zu ihnen: „Wenn das der Führer wüsste“ von Otto Basil (1966) und „Das Orakel vom Berge“ von Philipp K. Dick (1962).

Georg Ruppelt
Georg Ruppelt ist Autor, Herausgeber und Kolumnist.
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