Klima: „Fridays for Future“ fordert grundlegenden kulturellen Wandel

Das geplante Museum der Moderne muss ein Vorzeigeprojekt beim Klimaschutz werden

Am Freitag, den 20. September 2019 demonstrierten weltweit rund 1,4 Millionen Menschen für mehr Klimaschutz und riefen die Regierungen auf, ohne jedes weitere Zuwarten Maßnahmen zu ergreifen, damit die Klimaziele des Pariser Abkommens erreicht werden. Eine so große und vor allem weltweite Bewegung ist einmalig und beeindruckend. Von Australien und Neuseeland bis zu den USA, in Indien, in Afghanistan und in Europa. Egal, ob hochentwickelte Industrienation oder vom Krieg geschütteltes Land, überall erhoben Kinder, Jugendliche und Erwachsene ihre Stimme. In Deutschland fanden an 572 Orten am 20. September 2019 Aktionen und Streiks statt. Wohl kaum eine soziale Bewegung hatte eine solche Breitenwirkung.

 

Vor gut einem Jahr begann die schwedische 15-jährige Schülerin Greta Thunberg freitags nicht zur Schule zu gehen, sondern vor dem schwedischen Parlament zu streiken und zu mehr Klimaschutz aufzurufen. Was als Aktion einer Einzelnen begann, hat inzwischen zu einer weltweiten Bewegung geführt. Einer Bewegung, die insbesondere in der Wissenschaft Widerhall findet. Nicht zuletzt deshalb, weil die Arbeiten und Warnungen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die bereits seit Jahrzehnten zum Klima forschen, von der „Fridays for Future“-Bewegung ernst genommen, rezipiert und vor allem als Referenz ausgewiesen werden. Mitunter ist eine richtige Erleichterung aus der Wissenschaft zu spüren, dass die Arbeiten auf eine so große Resonanz stoßen.

 

Das Pariser Klimaabkommen erfährt seither eine Aufmerksamkeit wie kaum zuvor. Die Weltgemeinschaft wird daran erinnert, was sie gemeinsam vereinbart hat und vor allem sie wird gemahnt tatsächlich etwas zu unternehmen.

 

Zeitgleich zur großen „Fridays for Future“-Demonstration am 20. September 2019 in Berlin stellte die Regierungskoalition ihr Klimapaket vor. Gemessen an den Erwartungen an ein extra eingerichtetes Klimakabinett, an dem Protest, der sich auf den Straßen formierte, wird zu Recht von einem „Klimapaketchen“ gesprochen. Die Maßnahmen sind vorsichtig, niemandem soll so richtig wehgetan werden und die Veränderungen sollen am besten im Schonprogramm vollzogen werden.

 

Doch wird dieses Schonprogramm vermutlich nicht reichen, um die selbst gesetzten und vertraglich vereinbarten Ziele zu erreichen – es bedarf vielmehr eines umfassenden und tiefgreifenden kulturellen Wandels. Denn eines ist klar, das Pariser Klimaabkommen wurde von der Bundesregierung nicht nur mitunterzeichnet, es wurde vernünftigerweise auch vorangetrieben. Insofern geht es nun um die Umsetzung der selbstgesetzten Ziele. Dabei dreht es sich nicht allein um steuerpolitische Fragen oder um die CO2-Bepreisung. Es geht vielmehr unter anderem um die Frage, wie die öffentliche Infrastruktur ausgebaut werden kann; wie stillgelegte, weil vermeintlich wirtschaftlich unrentable Bahnstrecken wieder reaktiviert werden können; wie intelligente Verkehrskonzepte für den ländlichen Raum entwickelt werden können; wie ökologische Technologien entwickelt und marktfähig gemacht werden können; wie endlich deutlich herausgestellt wird, das ein Mehr an Klimaschutz nicht ein weniger an Wirtschaftskraft bedeutet, sondern vielmehr wirtschaftliche Impulse freisetzen kann.

 

Längst haben sich viele Unternehmen darauf eingestellt, klimafreundlicher zu produzieren, um einen wirtschaftlichen Vorteil gegenüber Wettbewerbern zu haben. Ganz grundsätzlich ist ein durchgreifender kultureller Wandel im Denken erforderlich, um nachhaltig und ressourcenschonend zu wirtschaften. Und dies nicht etwa, weil ein paar „Ökos“ dies wollen, sondern weil es um das Überleben unseres Planeten und damit um unsere Zukunft geht.

 

Der Kulturbereich hat viele Lösungen anzubieten. Designerinnen und Designer entwickeln nachhaltige Produkte, sie müssen nur gekauft werden. Architektinnen und Architekten entwerfen Häuser mit ökologischen Baustoffen, die klimaneutral sind, sie müssen nur gebaut werden. Stadtplanerinnen und Stadtplaner setzen sich für weniger Verkehr und mehr grüne Oasen in der Stadt ein, sie müssen nur umgesetzt werden. Längst schon ist das „Grüne Drehen“ kein Fremdwort mehr, sondern gehört zur verantwortlichen Filmproduktion. Veranstalter von Musikfestivals versuchen möglichst umweltverträgliche Veranstaltungen durchzuführen. Je mehr ökologische Produkte nachgefragt werden, desto mehr Marktchancen haben die Produzenten.

 

Der Deutsche Kulturrat fragt zusammen mit dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) nach, was Nachhaltigkeit und Kultur gemeinsam haben und welche Bedeutung Heimat für eine gelingende Zukunft hat. Dabei benutzen wir einen zukunftsgerichteten Heimatbegriff bei dem danach gefragt wird, wie unsere Umgebung, unser Umfeld, unsere Umwelt gestaltet werden müssen, damit sie Heimat werden kann für viele und welchen Beitrag dabei Umwelt- und Naturschutz sowie Kultur leisten. Als Deutscher Kulturrat machen wir uns für den kulturellen Wandel stark und bringen unsere Expertise aus dem Kulturbereich ein, um Veränderungen voranzutreiben.

Olaf Zimmermann & Gabriele Schulz
Olaf Zimmermann ist Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates. Gabriele Schulz ist Stellvertretende Geschäftsführerin des Deutschen Kulturrates.
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