Der lange Weg zur Erholung

Die Auswirkungen der Coronakrise auf die Kunstszene Südafrikas

Ntsele kann die einst florierenden Jazzlokale von Durban mittlerweile an einer Hand abzählen, einer Hand, die zunehmend an Kraft verliert, wenn man die dazugehörigen Geschichten hört. „Niemand besucht mehr Veranstaltungen wie diese“, erklärt er. „Neben der Corona-Situation hängt dies auch mit dem wandelnden Musikgeschmack der Leute zusammen, der heutzutage ein ganz anderer ist. E-Mails und Telefonanrufe bei diesen Lokalen werden momentan nicht beantwortet. Der Besitzer vom ‚Jazzy Rainbo‘, Olive-Rene Haas, ist gestorben und so auch der Veranstaltungsort mit ihm. Neil Comfort vom ‚The Rainbow‹‘ in Pinetown ist umgezogen. Er lebt jetzt in Schottland. Bleibt nur noch ‚The Winston‘, was nicht wirklich …“. Nzeles Stimme verstummt, denn das „The Winston“ sei kein wirklich anspruchsvoller Veranstaltungsort. Es habe diese betont lässige Alles-ist-möglich-Atmosphäre; eine Kneipe mit so wenig Schnickschnack, dass sie wohl immer offen bleiben werde. Viel besser, sagt Ntsele, stehe der Stadt eine Gruppe DJs, allen voran DJ Tira, die die Stadt sozusagen im Griff haben. Sie haben ihr Comeback mit einem dreitägigen Drive-in-Konzert zelebriert. Headliner waren Zakes Bantwini und Durban‘s Finest, ein Duo bestehend aus Tira und DJ Sox. „Wenigstens laufen ihre Songs im Radio“, sagt Ntsele. „Sie können sich nicht beschweren, im Gegensatz zu anderen Künstlerinnen und Künstlern.“

 

Während manche Künstlerinnen und Künstler klagen, haben andere neue Horizonte in der Krise entdeckt. So z. B. Sli Mthembu von der Mabu Art Foundation, einer Theatergruppe, die die Produktion „Igama“ Ende November als Film im Kino „The Bioscope“ vorführt. Das sich um mehrere Charaktere und eine unkonventionelle Geschichte schwarzer Frauen und deren Kampf um Autonomie drehende Projekt begann als Theaterstück, für die Bühne geschrieben, bis die MAF aufgrund von Corona auf den virtuellen Raum umsteigen musste. Während die Künstlerinnen und Künstler digitale Versionen ihrer Arbeit anfertigten, inszenierte Mthembu „Igama“ neu und verwandelte es in ein Filmprojekt. Sie hofft, dass es auf der Suche nach innovativen Theaterformen, die mit dem Streaming interagieren, neue Maßstäbe setzt. „Die Idee ist es, die Leute wieder ins Theater zu holen, indem das Werk in ein Filmformat umgewandelt wird, aber nicht (unbedingt) in einen Spielfilm. Die MAF war mein Netflix und so erreichte ich ein Publikum, das ich sonst nie hätte erreichen können“, erläutert sie. „Um dieses Projekt auch als Produkt zu verkaufen, haben wir uns beim Preis nach den Produktionskosten gerichtet. Es gab nicht einfach nur ein Weitwinkelobjektiv im hinteren Teil des Theaters. Es ist eher so, als würde man die Kameralinse als Metapher für das Auge des Zuschauers verwenden. Aus verschiedenen Blickwinkeln, die Spannung erhaltend.“ Ein kniffliges Crossover.

 

In einem Artikel mit dem Titel „Covid-19 und seine Auswirkungen auf die Ästhetik von Tanz und Theater, der bei einem Webinar der Sustaining Theatre and Dance Foundation (STAND) im Oktober vorgestellt wurde, schrieb Mike van Graan, erfolgreicher Theaterautor und STAND-Mitglied: „Das Equipment, mit dem Theaterproduktionen abgefilmt werden, ist im Prinzip unspektakulär, und das simple Ziel ist, die Arbeit sichtbar zu machen. Vielleicht sogar eine Art Einkommen zu generieren. Im Allgemeinen hat sich das Online-Theater aber noch nicht so weit entwickelt, dass es mit anderen Angeboten in Konkurrenz treten könnte, denen ‚der Markt‘ stark zugetan ist (wie On-Demand-Filme und -Serien).“ Aus diesen Gründen der praktikablen Voraussetzungen und dem Drängen zur Weiterentwicklung plant auch Gregory Maqoma, Tänzer, Choreograf und Gründer des in Johannesburg ansässigen Vuyani Dance Theatre, eine Filmproduktion für 2021. Er beschäftigt 23 Mitarbeiter und hat aufgrund der Corona-Reisebeschränkungen über sechs Millionen ZAR (ca. 328.490 Euro) verloren. Sein Unternehmen habe von der Regierung eine einmalige Beihilfe von 20.000 ZAR (1.094 Euro) erhalten. „Wenn man 23 Mitarbeiter hat, kann man sich ausrechnen, wie lange das reicht“, sagt er. Die südafrikanische Regierung hat eisern darauf hingewiesen, dass ihre Hilfsfonds genau das waren: eine Nothilfe. Mehr nicht.

 

Obwohl das Vuyani Dance Theatre Mitte Dezember ein virtuelles Festival veranstaltet, stammen 80 Prozent ihrer Einnahmen normalerweise aus Aufführungen im Ausland. Aufgrund der erneut stärkeren Verbreitung von Corona steuert Europa auf eine zweite Welle von Beschränkungen zu, die zu einer Schließung der Grenzen bis Juni 2021 führen könnte. „Wir müssen bei zukünftigen Veranstaltungen flexibel sein“, sagt Gregory Maqoma, „und nach Wegen suchen, wie wir weiter bestehen können. Es ist nicht garantiert, dass unser Film ein großer Blockbuster wird, aber wenn er von Sendern angenommen würde, wäre das schön. Es wird ein reiner Tanzfilm auf dem höchsten Produktionsniveau, weitgehend nonverbal, in dem der Tanz zur Vermittlung der Geschichte eingesetzt wird.“ Angesichts des Ertrags der jüngsten Tournee-Produktionen des Unternehmens, z. B. „Cion“, vermutet er, dass sich das Investment auszahlen wird. Doch Maqoma spricht für alle, wenn er sagt: „Wir müssen aus unserer Komfortzone treten und aufhören zu denken, dass Kunst ohne erhebliche Unterstützung bestehen könne.“ In Südafrika ist tiefgreifende Unterstützung, zumindest seitens der Regierung, allerdings noch lange nicht in Sicht.

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 12/2020-01/2021.

Kwanele Sosibo
Kwanele Sosibo ist südafrikanischer Journalist und Autor. Derzeit ist er Feuilletonredakteur bei der südafrikanischen Wochenzeitung Mail and Guardian.
Vorheriger ArtikelKunst als Weggefährtin des Wandels