Der lange Weg zur Erholung

Die Auswirkungen der Coronakrise auf die Kunstszene Südafrikas

Obwohl das Schlimmste der ersten Corona-Welle für eine Reihe südafrikanischer Künstlerinnen und Künstler vorbei zu sein scheint, sind viele nicht ganz bereit, eine klare oder gar hoffnungsvolle Prognose für die Zukunft abzugeben, zumal in vielen Teilen Europas bereits wieder rapide steigende Infektionszahlen verzeichnet werden. Das Einkommen vieler Künstlerinnen und Künstler aus Südafrika, die auf das Reisen angewiesen sind, steht damit nach wie vor auf der Kippe. Auch für Musiker ohne Radio-Hits, deren Leben aus zahlreichen Auftritten bestand, ist die Zukunft nicht allzu rosig. Die bereits zuvor existierende, grenzwertige Situation schrumpfender Konzertsäle aufgrund eines übermäßig sparsamen Publikums wird durch prohibitive Social-Distancing-Maßnahmen und die teils schwer zugänglichen Streaming-Plattformen noch komplizierter. Doch öffentliche, breitenwirksame Darstellungen übertünchen dieses problematische Bild meist mit Erzählungen individueller Triumphe und neuer Möglichkeiten.

 

Für die DJane, Musiksammlerin und Schriftstellerin Atiyyah Khan wäre 2020 ein Jahr des Durchbruchs gewesen, hätte die Verbreitung des Coronavirus dies nicht vereitelt. Aufgrund ab Mitte März geplanter Reisen nach Norwegen, Frankreich, in die USA und nach Kanada mit der simbabwischen Choreografin und Tänzerin Nora Chipaumire blickte Khan einem Jahr der „Finanzen und Arbeit“ entgegen. Doch „drei Tage vor unserer Abreise war alles vorbei (aufgrund des weltweiten Lockdowns). Und plötzlich gab es kein Geld mehr …“

 

Während dieser Teil ihrer Karriere also eine Bruchlandung erlitt, fielen gleichzeitig auch andere Einkommensquellen Khans aufgrund von Corona weg, wie etwa Konzert-Guides, die sie über zehn Jahre lang für die Tageszeitung Cape Argus erstellt hatte. Hinzu kam, dass die Organisation Future Nostalgia, die Khan mit einer Gruppe DJs ko-organisiert – eine auf Vinyl konzentrierte, herkunftsfokussierte Organisation, die Veranstaltungen kuratiert – stillgelegt wurde, als Südafrika sich auf einen absoluten Lockdown vorbereitete.

 

„Ende März war ich komplett verzweifelt“, erzählt sie. „Mir wurde klar, dass Freiberufler die verwundbarsten Menschen in der Welt der Kunst sind. Wir haben keinen Beweis dafür, dass es uns überhaupt gibt, abgesehen vom Ausweis. Ich habe keinerlei Absicherung. Ich konnte beim Amt keinen Antrag auf finanzielle Unterstützung stellen, weil meine Tourneen international statt lokal ausgerichtet waren. Obwohl ich zwölf Jahre lang jeden Monat von der Zeitung Argus bezahlt wurde, existierte kein unterschriebener Vertrag.“ Die ursprünglich von der Regierung geforderten Bedingungen zum Erhalt der Nothilfe – maximal 20.000 südafrikanische Rand (ZAR), umgerechnet ca. 1.094 Euro – inkludierten, dass die Künstlerinnen und Künstler einen Nachweis über ihr (verlorenes) Einkommen zu erbringen hatten. Die meiste Zusammenarbeit in der Musikszene, vor allem im DJ-Gewerbe, fängt jedoch inoffiziell an.

 

Khan wehrte sich zunächst dagegen, an der weltweiten Flut von Live-Streaming-DJ-Sets teilzunehmen, obwohl sich viele Künstlerinnen und Künstler weltweit, darunter einige wenige in Südafrika, kopfüber auf diese Möglichkeit gestürzt haben. „Viele DJs haben nur zwei Plattenspieler und ein Mischpult“, erklärt sie. Nachdem sie ihre Mietvereinbarung neu ausgehandelt hatte, wurde sie vor dem finanziellen Ruin bewahrt, als sie und Grant Jurius, einer ihrer Partner bei Future Nostalgia, im Juli an der virtuellen Version des National Arts Festivals teilnehmen konnten, für das sie bereits vor der Pandemie gebucht worden waren. Ein Jobangebot, für das sie nun lernen mussten, Ton und Video zu bearbeiten. „Die Gage sicherte uns den Juli und August. Wir gaben auch ein Interview für A 11, die einen Streaming-Radiosender machen“, erinnert sie sich. „Wir sprachen darüber, was es uns kostete, diese Arbeit umzusetzen.“ Erst am 17. Oktober spielte Khan wieder vor einem Live-Publikum, bei einer theaterartigen Freiluftveranstaltung in Woodstock, Kapstadt. Dazwischen übertrug sie nur eine Veranstaltung live. Fünf Stunden in ihrer Lounge. „So viele haben das gemacht. Ich hatte nicht das Gefühl, dass wir etwas Einzigartiges bieten konnten.« Vorerst ist Khan wieder für Auftritte zwischen Johannesburg und Kapstadt unterwegs. „Ich bin zu alt für illegale Partys“, sagt sie. „Abseits der offiziellen Orte passieren eine Menge verrückter Sachen.“

 

Einige Veranstalter, wie iSupport Creative Business, die nicht selbst über die jetzt obligatorische Technologie zum Streamen verfügen, sehen sich aktuell gezwungen, die Plattform anderer zu nutzen, wie jene des National Arts Festival (NAF). Um einen „mageren Dezember“ zu vermeiden, hat das in Durban ansässige Veranstaltungs- und Marketingunternehmen mehrere Auftritte der Künstler, mit denen sie zusammenarbeiten, vorab aufgezeichnet, um sie schließlich über die NAF-Webseite zu streamen. Das soll immerhin mehr Publikum generieren, insbesondere für andere Künstlerinnen und Künstler, die auch ins kalte Wasser geworfen wurden. Ko-Direktor Mzwandile Ntsele betont, dass die Beteiligung dennoch nur zögerlich erfolge, insbesondere unter den potenziellen Klienten in ihrer Heimatprovinz KwaZulu-Natal. „Die Sache mit dem Streaming war auf einen Lockdown ausgerichtet“, sagt Ko-Direktor Mzwandile Ntsele. „Wir haben versucht, ein gewisses Konzept zu entwickeln, indem wir etwas mehr damit experimentiert haben, Interviews einfügten etc. Die Leute sollten sich darauf freuen können.“ Ntsele erklärt das Geschäftsmodell und erzählt, dass die Künstlerinnen und Künstler ihre Auftrittsgage von Concerts SA – einer gemeinnützigen Organisation zur Unterstützung von Live-Auftritten und Tourneen – erhalten. Die Organisation teilt ihre Einnahmen für Eintrittskarten zwischen dem Streaming Host und dem Künstler bzw. der Künstlerin auf.

Ntsele kann die einst florierenden Jazzlokale von Durban mittlerweile an einer Hand abzählen, einer Hand, die zunehmend an Kraft verliert, wenn man die dazugehörigen Geschichten hört. „Niemand besucht mehr Veranstaltungen wie diese“, erklärt er. „Neben der Corona-Situation hängt dies auch mit dem wandelnden Musikgeschmack der Leute zusammen, der heutzutage ein ganz anderer ist. E-Mails und Telefonanrufe bei diesen Lokalen werden momentan nicht beantwortet. Der Besitzer vom ‚Jazzy Rainbo‘, Olive-Rene Haas, ist gestorben und so auch der Veranstaltungsort mit ihm. Neil Comfort vom ‚The Rainbow‹‘ in Pinetown ist umgezogen. Er lebt jetzt in Schottland. Bleibt nur noch ‚The Winston‘, was nicht wirklich …“. Nzeles Stimme verstummt, denn das „The Winston“ sei kein wirklich anspruchsvoller Veranstaltungsort. Es habe diese betont lässige Alles-ist-möglich-Atmosphäre; eine Kneipe mit so wenig Schnickschnack, dass sie wohl immer offen bleiben werde. Viel besser, sagt Ntsele, stehe der Stadt eine Gruppe DJs, allen voran DJ Tira, die die Stadt sozusagen im Griff haben. Sie haben ihr Comeback mit einem dreitägigen Drive-in-Konzert zelebriert. Headliner waren Zakes Bantwini und Durban‘s Finest, ein Duo bestehend aus Tira und DJ Sox. „Wenigstens laufen ihre Songs im Radio“, sagt Ntsele. „Sie können sich nicht beschweren, im Gegensatz zu anderen Künstlerinnen und Künstlern.“

 

Während manche Künstlerinnen und Künstler klagen, haben andere neue Horizonte in der Krise entdeckt. So z. B. Sli Mthembu von der Mabu Art Foundation, einer Theatergruppe, die die Produktion „Igama“ Ende November als Film im Kino „The Bioscope“ vorführt. Das sich um mehrere Charaktere und eine unkonventionelle Geschichte schwarzer Frauen und deren Kampf um Autonomie drehende Projekt begann als Theaterstück, für die Bühne geschrieben, bis die MAF aufgrund von Corona auf den virtuellen Raum umsteigen musste. Während die Künstlerinnen und Künstler digitale Versionen ihrer Arbeit anfertigten, inszenierte Mthembu „Igama“ neu und verwandelte es in ein Filmprojekt. Sie hofft, dass es auf der Suche nach innovativen Theaterformen, die mit dem Streaming interagieren, neue Maßstäbe setzt. „Die Idee ist es, die Leute wieder ins Theater zu holen, indem das Werk in ein Filmformat umgewandelt wird, aber nicht (unbedingt) in einen Spielfilm. Die MAF war mein Netflix und so erreichte ich ein Publikum, das ich sonst nie hätte erreichen können“, erläutert sie. „Um dieses Projekt auch als Produkt zu verkaufen, haben wir uns beim Preis nach den Produktionskosten gerichtet. Es gab nicht einfach nur ein Weitwinkelobjektiv im hinteren Teil des Theaters. Es ist eher so, als würde man die Kameralinse als Metapher für das Auge des Zuschauers verwenden. Aus verschiedenen Blickwinkeln, die Spannung erhaltend.“ Ein kniffliges Crossover.

 

In einem Artikel mit dem Titel „Covid-19 und seine Auswirkungen auf die Ästhetik von Tanz und Theater, der bei einem Webinar der Sustaining Theatre and Dance Foundation (STAND) im Oktober vorgestellt wurde, schrieb Mike van Graan, erfolgreicher Theaterautor und STAND-Mitglied: „Das Equipment, mit dem Theaterproduktionen abgefilmt werden, ist im Prinzip unspektakulär, und das simple Ziel ist, die Arbeit sichtbar zu machen. Vielleicht sogar eine Art Einkommen zu generieren. Im Allgemeinen hat sich das Online-Theater aber noch nicht so weit entwickelt, dass es mit anderen Angeboten in Konkurrenz treten könnte, denen ‚der Markt‘ stark zugetan ist (wie On-Demand-Filme und -Serien).“ Aus diesen Gründen der praktikablen Voraussetzungen und dem Drängen zur Weiterentwicklung plant auch Gregory Maqoma, Tänzer, Choreograf und Gründer des in Johannesburg ansässigen Vuyani Dance Theatre, eine Filmproduktion für 2021. Er beschäftigt 23 Mitarbeiter und hat aufgrund der Corona-Reisebeschränkungen über sechs Millionen ZAR (ca. 328.490 Euro) verloren. Sein Unternehmen habe von der Regierung eine einmalige Beihilfe von 20.000 ZAR (1.094 Euro) erhalten. „Wenn man 23 Mitarbeiter hat, kann man sich ausrechnen, wie lange das reicht“, sagt er. Die südafrikanische Regierung hat eisern darauf hingewiesen, dass ihre Hilfsfonds genau das waren: eine Nothilfe. Mehr nicht.

 

Obwohl das Vuyani Dance Theatre Mitte Dezember ein virtuelles Festival veranstaltet, stammen 80 Prozent ihrer Einnahmen normalerweise aus Aufführungen im Ausland. Aufgrund der erneut stärkeren Verbreitung von Corona steuert Europa auf eine zweite Welle von Beschränkungen zu, die zu einer Schließung der Grenzen bis Juni 2021 führen könnte. „Wir müssen bei zukünftigen Veranstaltungen flexibel sein“, sagt Gregory Maqoma, „und nach Wegen suchen, wie wir weiter bestehen können. Es ist nicht garantiert, dass unser Film ein großer Blockbuster wird, aber wenn er von Sendern angenommen würde, wäre das schön. Es wird ein reiner Tanzfilm auf dem höchsten Produktionsniveau, weitgehend nonverbal, in dem der Tanz zur Vermittlung der Geschichte eingesetzt wird.“ Angesichts des Ertrags der jüngsten Tournee-Produktionen des Unternehmens, z. B. „Cion“, vermutet er, dass sich das Investment auszahlen wird. Doch Maqoma spricht für alle, wenn er sagt: „Wir müssen aus unserer Komfortzone treten und aufhören zu denken, dass Kunst ohne erhebliche Unterstützung bestehen könne.“ In Südafrika ist tiefgreifende Unterstützung, zumindest seitens der Regierung, allerdings noch lange nicht in Sicht.

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 12/2020-01/2021.

Kwanele Sosibo
Kwanele Sosibo ist südafrikanischer Journalist und Autor. Derzeit ist er Feuilletonredakteur bei der südafrikanischen Wochenzeitung Mail and Guardian.
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