Die AKBP ist ein multipolares Geflecht

Einige Gedanken zur Verschmelzung von Innen und Außen in der Kulturpolitik und zur Rolle des Goethe-Instituts

„Alles hängt mit allem zusammen.“ Nie war Alexander von Humboldts berühmtes Diktum offensichtlicher als heute: Wenn in Brasilien der Regenwald brennt, wirkt das auf das Klima weltweit. Als in Syrien der Krieg begann, flohen Millionen von Menschen: in die Nachbarländer, nach Europa, in die USA. Als sich auf einem Markt in Wuhan ein Mensch mit einem Virus infizierte, war sechs Monate später die ganze Welt betroffen.

 

Auch wenn die Autokraten dieser Welt die nationalen Grenzen hochziehen wollen, ist angesichts der globalen Verflechtung aller Lebensbereiche das Vergebliche solcher häufig konfrontativen Maßnahmen doch offensichtlich. Folgerichtig wird auch in der Kulturpolitik seit Längerem darüber diskutiert, wie diese zu gestalten sei, wenn die Grenzen zwischen Innen und Außen immer mehr aufgehoben werden. Diese Frage ist auch deshalb wichtig, weil Kultur Abbild und Reflexionsraum der realen Welt ebenso wie Gestaltungskraft für eine vielschichtige Zukunft ist – schließlich bietet sie den Freiraum für offenes Denken und globalen Austausch über Grenzen hinweg.

 

Deutschland ist international orientiert und in globale Zusammenhänge eingebunden. Die deutsche Gesellschaft ist aufgrund von Arbeits- und Bildungsmigration oder auch krisenbedingter Fluchtbewegungen von hoher Diversität geprägt. Daneben stehen globale Entwicklungen, die sich in den vergangenen beiden Jahrzehnten beschleunigt haben und weltweit wirken: Gerade seit 1989 ist die Welt ein multipolares Gebilde mit unterschiedlichen Gesellschaftsentwürfen geworden, die selbstbewusst – China sei hier beispielhaft genannt – nebeneinanderstehen. Themen wie Ökologie, Migration oder soziale Ungleichheit lassen sich nicht mehr innerhalb nationaler Grenzen regeln, sondern erfordern weiträumige Ansätze. Die Kolonialismus-Debatte hat ein Feld internationaler Herausforderungen in den Fokus gerückt, das zu bearbeiten ist. Die Digitalisierung hat Grenzen im positiven Sinne aufgehoben, gleichzeitig aber auch zu einer Entgrenzung mit bisweilen bedrohlichen Folgen geführt. Die Zuwanderung von Geflüchteten hat zu einer weiteren Internationalisierung Deutschlands beigetragen. Gewandert sind nicht nur Menschen, sondern auch Erinnerungskulturen, Narrative und Wertehaltungen. Mit ihnen müssen wir uns auseinandersetzen und gemeinsam lernen, ebenso wie die Ankommenden sich mit der bundesrepublikanischen Gesellschaft auseinandersetzen müssen, um Teil unseres freiheitlich-demokratischen Staatswesens zu sein. Auf weitere Zuwanderung, insbesondere von Fachkräften, werden wir für viele Jahre angewiesen sein, wenn wir Sozialsysteme und Wirtschaftskraft stabil halten wollen.

 

Für Institutionen wie das Goethe-Institut, das seit fast 70 Jahren im Auftrag der Bundesrepublik Deutschland den internationalen Kulturaustausch mitgestaltet, besteht die große Verantwortung darin, Menschen weltweit in den Bereichen Kultur und Bildung zu vernetzen, um globale Solidarität und Verständigung zu fördern und damit einen Beitrag zu einem gedeihlichen Zusammenleben zu leisten. Diese Verantwortung ist angesichts der eingangs beschriebenen Entwicklungen in den vergangenen Jahren gewachsen und braucht jetzt neue Weichenstellungen. Die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik Deutschlands ist bisher von zwei Schritten geprägt, die sich deutlich auch in der Veränderung des Goethe-Instituts widerspiegeln. Sie müssen nun um einen dritten Schritt erweitert werden: In den frühen Jahren der Bundesrepublik ging es zunächst darum, von Deutschland aus die neue demokratische Kultur und Gesellschaft vorzustellen und in der Staatengemeinschaft zu verankern. In der Begegnung mit anderen Ländern und Kulturen entstand in einem zweiten Schritt der Anspruch, aus dieser Einbahnstraße eine Zweibahnstraße zu machen, also den Kulturaustausch von außen nach innen zu verstärken. Die Gründung des Goethe-Forums, das ab den 1990er Jahren für zehn Jahre Bestand hatte und die zunehmende Organisation internationaler Veranstaltungen in Deutschland sind nur ein Ausdruck dieser konzeptionellen Erweiterung neben vielen anderen. Die Zweibahnstraße des öffentlich geförderten Kulturaustausches mit der Welt hatte nach außen immer den Anspruch, Autobahn zu sein, in die Gegenrichtung hat sie sich in den vergangenen Jahrzehnten immerhin zu einer Landstraße entwickelt. Angesichts der Globalisierung und der damit verbundenen Aufhebung von Innen und Außen hat das Bild der Zweibahnstraße zwei Schwächen: Sie verbindet nur zwei Orte und sie führt nur in zwei Richtungen.

 

In dieser neuen multipolaren Welt brauchen wir deshalb als dritten Schritt ein neues kulturpolitisches Denkmodell, das multipolar ist. Das zeitgemäße Modell der Kultur- und Bildungspolitik in Zeiten der Globalisierung ist deshalb eher ein multidimensionales Geflecht. Es besteht aus einer scheinbar unendlichen Zahl von kulturellen Akteuren, die durch unendlich viele Wege, Synapsen und sich verästelnde Verbindungen verknüpft sind. Je stärker, zahlreicher und offener diese Kanäle, desto wirksamer sind die Impulse und die Nachhaltigkeit der internationalen Verständigung, die wir für globalen Austausch und Stabilität brauchen.

 

Aus diesem multidimensionalen Modell lässt sich die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik weiterentwickeln. Das Goethe-Institut hat – wie auch andere Mittlerorganisationen der AKBP in Deutschland und anderen Ländern – in diesem System die Funktion eines Verteilers und Ermöglichers. Diese Verteilerstation mit ihrem weltweiten Netzwerk gibt Impulse in alle Richtungen. Sie entdeckt neue Strömungen und Entwicklungen an der einen Stelle, nimmt sie auf und gibt sie über die weitverzweigten Verbindungen im multidimensionalen Netzwerk an möglichst viele Punkte weiter – immer mit ihrem grundlegenden Ziel, Zugänge zu erweitern und so zu einer globalen Verständigung beizutragen. Das Institut unterstützt Akteure aus Deutschland dabei, die sich ebenfalls in den vergangenen Jahren zusehends internationalisiert haben, noch gezielter in dieses Netz hineinzuwirken und die Synapsen optimal zu nutzen – nicht im Sinne von Einbahn- oder Zweibahnstraßen, sondern als Teil eines Geflechts, das in lokalem Wissen und lokalen Kooperationen wurzelt, diese aber um ein Vielfaches erweitert.

 

Dieses System hat jedoch einen blinden Fleck: Die Verteilerstation Goethe-Institut wirkt zwar in die ganze Welt und auch zwischen vielen Orten weltweit. Gedanklich weiterhin dem historischen Modell der Einbahnstraße verbunden, nutzt sie dieses Potenzial vor dem Hintergrund der skizzierten Rahmenbedingungen der Globalisierung aber in zu geringem Maße im Inland. Hier gilt es, gemeinsam mit Kulturpartnern in Deutschland, aber auch den zwölf deutschen Goethe-Instituten als Teil des weltweiten Instituts-Netzwerks neue Impulse zu setzen. Diese können das Lernen von anderen Ländern ermöglichen und damit Prozesse in gesellschaftlichen Bereichen voranbringen, die von der zunehmenden Diversität und Internationalität Deutschlands betroffen sind. Sie können hierzulande das Verständnis von anderen Gesellschaften erhöhen und zum Gelingen der Diversität ebenso beitragen wie zum Erfolg Deutschlands in internationalen Kontexten. Will man das volle Potenzial der Verteilerstation Goethe-Institut ausnutzen, braucht das Goethe-Institut deshalb eine Ausweitung des politischen Mandats, auch in Deutschland wirksam zu werden und erste erfolgreiche Ansätze der Arbeit hier weiter auszubauen. Konkret sind es drei Felder, zu denen das Goethe-Institut einen Beitrag leisten kann:

Johannes Ebert
Johannes Ebert ist Generalsekretär des Goethe-Instituts.
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