Zwischen Gründungstradition und Selbstkritik

Arbeit und Auftrag des Berliner Missions werkes

 

Zurück in die Gegenwart: Was kennzeichnet die heutige Arbeit des Berliner Missionswerks?

Das ist vor allem die Verbindung zu unseren Partnern in der ganzen Welt: USA, Kuba, Ägypten, Äthiopien, Tansania, Südafrika, Palästina, Israel, Russland, Tschechien, Polen, Rumänien, Frankreich, England, Schweden, Japan, Südkorea, Taiwan und jetzt auch China.

 

Das ist das Stammkapital, mit dem wir arbeiten. Hinzu kommt der Freiwilligenaustausch mit Jugendlichen. Viele deutsche Jugendliche gehen in diese Länder, und mittlerweile kommen auch Jugendliche aus den Partnerländern zu uns nach Deutschland. Im Moment sind junge Menschen aus Schweden, Südafrika, Kenia und Taiwan hier. Diese Gegenbewegung ist sehr wichtig. Faktisch haben wir auch Vertreter von Partnerkirchen hier im Land. Das sind die vielen Gemeinden mit unterschiedlicher Sprache und Herkunft. Allein in Berlin gibt es 180 fremdsprachige Gemeinden, die zum Teil unsere Partner im Inland sind.

 

Sie nennen sich online gleichsam auch das „Auswärtige Amt“ der EKBO und der Evangelischen Landeskirche Anhalts. Wie kam es zu dieser Selbstbezeichnung?

Damit wollen wir den Menschen klarmachen, dass wir das Ökumenische Zentrum dieser Landeskirchen sind, welches die Auslandsarbeit organisiert. Das bedeutet z. B., dass Gruppen aus dem Ausland zu uns nach Berlin kommen, die sich bei uns über bestimmte Themen informieren wollen. Wir begleiten sie dann, organisieren Vorträge usw. Des Weiteren stimmen wir uns auch mit den Partnerkirchen über unsere Arbeit ab, wie z. B. mit den schwedischen Partnern zu unserer Arbeit in Südafrika oder mit den amerikanischen und schwedischen Partnern zum Nahen Osten. Wir organisieren mit unseren internationalen Partnerkirchen auch gemeinsame Konferenzen zu Themen wie Musik und Religion und internationalen Chor- oder Arbeitsaustausch.

 

Inwieweit sehen Sie sich dabei als Akteur der auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik?

Es gibt die Trennung von Kirche und Staat. Das heißt, wir sind nicht selbst Akteur der deutschen Außenpolitik. Es gibt aber Bereiche, in denen eine Grundsolidarität zwischen dem deutschen Staat und den deutschen Kirchen herrscht, was die Zusammenarbeit im Ausland angeht. Z. B. fördert das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung die Entwicklungszusammenarbeit. Auch wir sind in diesem Feld aktiv. Durch unsere Partnerkirchen im Ausland sind wir an manchen Stellen näher dran als staatliche Akteure wie das Auswärtige Amt, das natürlich nicht in die Einzelarbeit vor Ort gehen kann. Wir fördern beispielsweise ein Krankenhaus in Tansania und eine Aids-Waisen-Hilfe in Südafrika und wir sind Träger der Schule Talitha Kumi in Palästina. Auch am Freiwilligenaustausch des Weltwärts-Programms sind wir beteiligt.

Wir machen nicht direkt Politik, aber setzen uns für Bildung, sozialdiakonisches Handeln, Menschenrechte und nachhaltige Entwicklung vor Ort ein. Das hilft auch der deutschen Politik.

 

Herr Theilemann, seit Mai dieses Jahres sind Sie der neue Direktor des Berliner Missionswerks, zuvor waren Sie stellvertretender theologischer Direktor. Welche Akzente wollen Sie nun setzen?

Als ersten Punkt möchte ich die Gemeinden unterschiedlicher Sprache und Herkunft hervorheben. Die Kirche sollte offener für diese Menschen werden. Sie brauchen an vielen Stellen unsere Hilfe, an vielen Stellen können sie aber auch uns helfen. Auf beiden Seiten gibt es Potenzial für mehr Zusammenarbeit. Wir profitieren etwa sehr von dem Know-how, das diese Menschen mitbringen. Beispielsweise bringt die koreanische Gemeinde in Berlin durch ihre Vielzahl an Mitgliedern, die Musik studieren, umfassende musikalische Möglichkeiten mit. Das bereichert auch uns; es wäre also schön, die Zusammenarbeit noch viel enger würde.

 

Das zweite Thema, das mir am Herzen liegt, ist der Umgang von Christen mit Menschen, die anders denken – also die Frage nach Mission. Es sollte ein Dialog und eine Partnerschaft auf Augenhöhe sein, begleitet durch den Respekt vor der Selbstbestimmtheit des anderen Menschen.

Ein drittes Thema ist der interreligiöse Dialog. Als Kompetenzzentrum der Landeskirche, helfen wir, hier voranzukommen.

 

Viertens ist mir auch der Freiwilligenaustausch ein besonderes Anliegen. Die nächste Generation braucht diesen Austausch mit Jugendlichen in anderen Ländern.

 

Vielen Dank.

 

Dieses Interwiev ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 09/2019.

Christof Theilemann und Theresa Brüheim
Christof Theilemann ist Direktor des Berliner Missionswerkes. Theresa Brüheim ist Chefin vom Dienst von Politik & Kultur.
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