Christof Theilemann und Theresa Brüheim - 27. August 2019 Kulturrat_Logo_72dpi-01

Kolonialismus-Debatte

Zwischen Gründungstradition und Selbstkritik


Arbeit und Auftrag des Berliner Missions werkes

„Auswärtiges Amt“ der Trägerkirchen, ökumenisches Kompetenzzentrum, Schaltzentrale für Freiwilligenaustausch – das sind einige Beinamen, die das Berliner Missionswerk guten Gewissens für sich in Anspruch nehmen kann. Theresa Brüheim spricht mit Christof Theilemann. Er steht Missionsgesellschaft seit Mai dieses Jahres vor.

 

Theresa Brüheim: Herr Theilemann, ich bin heute zu Gast beim Berliner Missionswerk. Was macht dieses?

Christof Theilemann: Das Berliner Missionswerk ist das Ökumenische Zentrum der Evangelischen Landeskirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) und der Evangelischen Landeskirche von Anhalt. Wir organisieren und begleiten sowohl Mission und Ökumene im Inland als auch die Beziehung beider Landeskirchen nach außen, das heißt in die weltweite Christenheit. Wir sind z. B. in Kontakt mit der römisch-katholischen Kirche und der orthodoxen Kirche. Außerdem organisieren wir einen Freiwilligenaustausch. Themen, die uns aktuell beschäftigen sind: Nachhaltigkeit, Frieden, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung, Menschenrechte.

 

Interessant ist, dass die EKBO und die Evangelische Landeskirche Anhalt die Trägerkirchen sind. Wie kam es gerade zu diesen beiden?

Die Berliner Mission war ursprünglich mit verschiedenen preußischen Landeskirchen verbunden. Durch die politische Entwicklung vor allem in der 1960er und 1970er Jahren hat sich manches geändert. Aber die Evangelische Landeskirche Anhalt ist uns als Trägerkirche aus diesem ehemals preußischen Verbund treugeblieben.

 

Die damalige Berliner Mission wurde 1824 gegründet. Wie es kam dazu?

Die frühere Berliner Mission wurde von sehr frommen, aber auch kirchenkritischen Christen gegründet. Sie meinten, die Kirche tue nicht genügend, um Menschen in fernen Ländern für das Christentum zu gewinnen. Das waren im Wesentlichen Juristen und Verwaltungsbeamte, aber auch einige Adlige. Es war nur ein Theologe dabei. Gemeinsam haben sie Missionare in andere Länder geschickt, angefangen mit Südafrika. Später kamen China und das östliche Afrika hinzu.

 

Inwieweit sehen Sie sich heute noch in dieser Gründungstradition?

Die Gründer der Berliner Mission wollten die Menschen in der Ferne erreichen. Nach ihrer Ankunft haben die Missionarinnen und Missionare zuerst eine Kirche, eine Schule und eine Krankenstation aufgebaut. Die Geschichte der Mission begann also mit Bildungsarbeit. Die Kirchen, die aus der Mission entstanden, gehören heute zu unseren Partnerkirchen.

Im Bildungsauftrag wird auch die Gründungstradition deutlich: Heute unterhält unser Werk eine Schule in Beit Jala in Palästina mit ca. 800 Schülerinnen und Schülern. Sie kommen sowohl aus muslimischen als auch aus christlichen Familien. Bildung im Heiligen Land ist auch Friedensarbeit, sie will Toleranz vermitteln und ein gemeinsames „Miteinander-Leben“ erzielen.

 

In diesem Sinn etwa stehen wir in der Gründungstradition. An bestimmten

Stellen müssen wir sicher aber auch Selbstkritik üben.

 

Welche Stellen sind das?

Z. B. wurde eine Verquickung von Mission mit einer bestimmten Vorstellung von Zivilisation oder Kultur vorgenommen. Selbstverständlich prägt Kultur den Glauben. Nehmen Sie z. B. diese Tatsache: Ich bin Deutscher und mag die Art, wie wir Weihnachten feiern, sehr. Das prägt natürlich meinen Glauben, aber es schafft nicht meinen Glauben. In erster Linie bin ich Christ und erst in zweiter Linie Deutscher bzw. Europäer. Man muss die Kultur des anderen anerkennen. Das wurde in der Mission nicht immer so ernstgenommen, wie es notwendig gewesen wäre.

 

Außerdem muss man Mission auch im Kontext des Kolonialismus betrachten: Die Deutschen fingen erst nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870 mit der kolonialen Eroberung an. Bis dahin gab es für die Missionen keinerlei koloniale Unterstützung. Danach gab es diese streckenweise, aber oft saßen die Missionarinnen und Missionare zwischen den Stühlen. Die deutschen Kolonialregimes haben die Mission an vielen Stellen heftig kritisiert, weil ihnen die Zuwendung zur Bevölkerung vor Ort zu weit ging.

 

Das Berliner Missionswerk hat die eigene Geschichte aufgearbeitet und legt sie auch auf der eigenen Webseite dar. Wieso war und ist das wichtig?

Selbstkritik muss laufend unsere Arbeit begleiten. Es gibt auch immer wieder Einschnitte, z. B. die beiden Weltkriege, die aufgearbeitet werden müssen. Ein anderes Beispiel ist die Chinamission. Hier wurde schnell deutlich, dass man die Mehrzahl der Menschen nicht erreicht, wenn nicht Einheimische, die bereits für das Christentum gewonnen wurden, selbst die Mission fördern. Das heißt, in China wurden sehr bald Chinesen zu Predigern ordiniert. Man hat auch Frauen gebeten, Predigerdienste zu übernehmen, um die Bevölkerung anders erreichen zu können. So zeigte die Chinamission sehr gut, dass manche patriarchalische Vorstellung aus Deutschland in China nicht funktionierte.

 

Zurück in die Gegenwart: Was kennzeichnet die heutige Arbeit des Berliner Missionswerks?

Das ist vor allem die Verbindung zu unseren Partnern in der ganzen Welt: USA, Kuba, Ägypten, Äthiopien, Tansania, Südafrika, Palästina, Israel, Russland, Tschechien, Polen, Rumänien, Frankreich, England, Schweden, Japan, Südkorea, Taiwan und jetzt auch China.

 

Das ist das Stammkapital, mit dem wir arbeiten. Hinzu kommt der Freiwilligenaustausch mit Jugendlichen. Viele deutsche Jugendliche gehen in diese Länder, und mittlerweile kommen auch Jugendliche aus den Partnerländern zu uns nach Deutschland. Im Moment sind junge Menschen aus Schweden, Südafrika, Kenia und Taiwan hier. Diese Gegenbewegung ist sehr wichtig. Faktisch haben wir auch Vertreter von Partnerkirchen hier im Land. Das sind die vielen Gemeinden mit unterschiedlicher Sprache und Herkunft. Allein in Berlin gibt es 180 fremdsprachige Gemeinden, die zum Teil unsere Partner im Inland sind.

 

Sie nennen sich online gleichsam auch das „Auswärtige Amt“ der EKBO und der Evangelischen Landeskirche Anhalts. Wie kam es zu dieser Selbstbezeichnung?

Damit wollen wir den Menschen klarmachen, dass wir das Ökumenische Zentrum dieser Landeskirchen sind, welches die Auslandsarbeit organisiert. Das bedeutet z. B., dass Gruppen aus dem Ausland zu uns nach Berlin kommen, die sich bei uns über bestimmte Themen informieren wollen. Wir begleiten sie dann, organisieren Vorträge usw. Des Weiteren stimmen wir uns auch mit den Partnerkirchen über unsere Arbeit ab, wie z. B. mit den schwedischen Partnern zu unserer Arbeit in Südafrika oder mit den amerikanischen und schwedischen Partnern zum Nahen Osten. Wir organisieren mit unseren internationalen Partnerkirchen auch gemeinsame Konferenzen zu Themen wie Musik und Religion und internationalen Chor- oder Arbeitsaustausch.

 

Inwieweit sehen Sie sich dabei als Akteur der auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik?

Es gibt die Trennung von Kirche und Staat. Das heißt, wir sind nicht selbst Akteur der deutschen Außenpolitik. Es gibt aber Bereiche, in denen eine Grundsolidarität zwischen dem deutschen Staat und den deutschen Kirchen herrscht, was die Zusammenarbeit im Ausland angeht. Z. B. fördert das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung die Entwicklungszusammenarbeit. Auch wir sind in diesem Feld aktiv. Durch unsere Partnerkirchen im Ausland sind wir an manchen Stellen näher dran als staatliche Akteure wie das Auswärtige Amt, das natürlich nicht in die Einzelarbeit vor Ort gehen kann. Wir fördern beispielsweise ein Krankenhaus in Tansania und eine Aids-Waisen-Hilfe in Südafrika und wir sind Träger der Schule Talitha Kumi in Palästina. Auch am Freiwilligenaustausch des Weltwärts-Programms sind wir beteiligt.

Wir machen nicht direkt Politik, aber setzen uns für Bildung, sozialdiakonisches Handeln, Menschenrechte und nachhaltige Entwicklung vor Ort ein. Das hilft auch der deutschen Politik.

 

Herr Theilemann, seit Mai dieses Jahres sind Sie der neue Direktor des Berliner Missionswerks, zuvor waren Sie stellvertretender theologischer Direktor. Welche Akzente wollen Sie nun setzen?

Als ersten Punkt möchte ich die Gemeinden unterschiedlicher Sprache und Herkunft hervorheben. Die Kirche sollte offener für diese Menschen werden. Sie brauchen an vielen Stellen unsere Hilfe, an vielen Stellen können sie aber auch uns helfen. Auf beiden Seiten gibt es Potenzial für mehr Zusammenarbeit. Wir profitieren etwa sehr von dem Know-how, das diese Menschen mitbringen. Beispielsweise bringt die koreanische Gemeinde in Berlin durch ihre Vielzahl an Mitgliedern, die Musik studieren, umfassende musikalische Möglichkeiten mit. Das bereichert auch uns; es wäre also schön, die Zusammenarbeit noch viel enger würde.

 

Das zweite Thema, das mir am Herzen liegt, ist der Umgang von Christen mit Menschen, die anders denken – also die Frage nach Mission. Es sollte ein Dialog und eine Partnerschaft auf Augenhöhe sein, begleitet durch den Respekt vor der Selbstbestimmtheit des anderen Menschen.

Ein drittes Thema ist der interreligiöse Dialog. Als Kompetenzzentrum der Landeskirche, helfen wir, hier voranzukommen.

 

Viertens ist mir auch der Freiwilligenaustausch ein besonderes Anliegen. Die nächste Generation braucht diesen Austausch mit Jugendlichen in anderen Ländern.

 

Vielen Dank.

 

Dieses Interwiev ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 09/2019.


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