„Sprachen der Macht müssen auf den Friedhof“

Die Sprache muss dekolonialisiert werden

 

Viele Schriftsteller beschrieben die Logik hinter dieser Auslöschung. Sie zitieren z. B. Edmund Spenser.
Spenser ist ein gutes Beispiel dafür, denn er veröffentlichte 1586 das Buch „A View of the Present State of Ireland“. Die beiden Gesprächspartner sind sehr explizit in Bezug darauf, wie sie Sprache als Mittel zur Eroberung sehen. Sie fragen sich, warum wir seit so vielen Jahren nicht begonnen haben, die Iren systematisch zu erobern? Und sie präsentieren Mittel zur Auslöschung des irischen Gedächtnisses, der Sprache und der Benennungssysteme. Sie sprechen sehr spöttisch und sagen: „Oh, werden Sie einfach die Macs und Oes los und sie werden bald vergessen, wer sie sind!“ Es ist sehr faszinierend zu lesen.

 

Ein weiteres Beispiel ist, als Captain Pratt eine Schule für indigene amerikanische Kinder gründete. Sie wurden ihren Eltern und ihrer Gemeinschaft entrissen und in diese Schule gebracht, um neu programmiert zu werden. Das Erste, was sie nach der Ankunft erhielten, waren englische Namen. Das Zweite war natürlich die Löschung ihrer Sprachen und die Auferlegung des Englischen. Captain Pratt, das war 1893, argumentierte später, dass der Grund, warum er die Schule gründete, darin bestand, die „Indianer“ auszuradieren, aber den Menschen in ihnen zu retten: „Kill the Indian, and save the man“.

 

Die Franzosen sprechen davon, eine psychologische Verbindung zwischen den Kolonisierten und Paris herzustellen, sodass sie, selbst wenn sie unabhängig werden sollten, durch diese Verbindung von Sprache und Kultur an Paris gebunden werden. Das ist sehr deutlich.

 

Die Bemühungen der systematischen Gehirnwäsche können auf vielen Ebenen erfolgreich sein.
Ja, oh mein Gott, sie sind erfolgreich! Sie sind sehr, sehr erfolgreich, denn über einen längeren Zeitraum hast du diese Dinge verinnerlicht und normalisiert. Du kommst zu der Annahme, ohne darüber nachzudenken, dass die Sprache der Macht von Natur aus verständlicher ist und von Natur aus mehr ist, als die anderen Sprachen. Oder du lässt andere glauben, dass die Sprache der Macht die einzige Sprache ist, durch die du komplexe Gedanken ausdrücken kannst, mit anderen Sprachen kannst du das nicht – du kannst Scherze machen und so weiter, aber ansonsten ist die wirkliche Sprache die dominante Sprache. Und es funktioniert! Es ist wie eine dauerhafte Verletzung des Gehirns. Es ist wie ein Krebs im Gehirn. Bildung hat eine Wirkung auf den Geist. Es bildet eine Kolonie des Geistes. Und die Kolonie des Geistes ist schwerer zu löschen. Die Kolonie der Wirtschaft – die kann man deutlicher sehen. Die Kolonie der politischen Macht kann ich sehen. Aber die Kolonie des Geistes ist unsichtbar. Es normalisiert die Art und Weise, wie man Dinge macht.

 

Es war ein langer Prozess für Sie, mit dem Schreiben in Gĩkũyũ zu beginnen.
Ich habe viele Jahre lang über das Sprachproblem nachgedacht – es hat mich immer irgendwie gestört. Aber in Wirklichkeit begann ich erst 1977/1978, als ich in ein Hochsicherheitsgefängnis gesteckt wurde, über das Thema Sprache nachzudenken und zu handeln. Ich schrieb zusammen mit anderen ein Stück mit dem Titel „I’ll Marry When I Want“, auf Gĩkũyũ, meiner Muttersprache – das war 1976. Es wurde von den Dorfbewohnern aufgeführt, von dem normalen Volk, und wir dachten, wir machen eine sehr gute Sache damit. Aber die Regierung reagierte, indem sie das Stück stoppte und mich ins Gefängnis brachte. Die Tatsache, dass ich von einer afrikanischen Regierung ins Gefängnis gesteckt wurde, weil ich in einer afrikanischen Sprache geschrieben hatte – das war die Zerrissenheit, die mich im Gefängnis wirklich erschütterte. Und ich dachte, dass etwas nicht stimmt, wie konnte es so weit kommen? Das war für mich sehr wichtig – eine Art Schockbehandlung.

 

In „Something Torn and New“ betrachten Sie das Europa der Renaissance als Präzedenzfall dafür, wie sich Sprachen wiederbeleben können.
Geh nicht weiter als nach Italien, mit Dante. Latein war die dominante Sprache und er begann in der toskanischen Sprache, dem Volksmund, zu schreiben. Und einer seiner Dichtergenossen kam zu Dante und sagte ihm: Wenn du weiter in der toskanischen Sprache schreibst, wirst du bald vergessen sein. Und Dante antwortet auf Latein – um zu zeigen, dass er sich genauso gut auf Latein ausdrücken kann wie jeder andere –, dass seine toskanische Sprache wie Ewe ist, das weibliche Schaf, dessen Euter voller Milch ist. Er sagt, lass mich zuerst diesen Euter melken, dann komme ich zu dir. Es wurden also die gleichen Argumente, die wir heute haben, gegen Dante verwendet!

 

Viele englische Schriftsteller kämpften um die Akzeptanz des Englischen durch die damalige Elite. Der Mann, der die Bibel übersetzte, arbeitete gegen die Flut der konventionellen Weisheit – über das Englische, das nicht in der Lage war, Heiligkeit, Intelligenz oder Wissenschaft angemessen zum Ausdruck zu bringen. All diese Autoren der Zeit mussten erklären, warum sie ihre »kleine« und vermeintlich unwichtige Sprache im Gegensatz zum Lateinischen verwendeten. Warum Descartes Philosophie auf Französisch schrieb, anstatt auf Latein. In der Einleitung zu einem seiner Bücher erklärt er, das ist, warum ich es tue – weil die allgemeine Weisheit damals war, dass Latein der einzige Weg war, auf dem man wissenschaftliche Erkenntnisse oder Philosophie ausdrücken konnte.

 

Wenn Sie sich heute die Landschaft ansehen, haben Sie das Gefühl, dass die Infrastruktur zur Entwicklung afrikanischer Sprachen und Literatur aufgebaut wird?
Nein! Das ist das Problem. Dagegen kämpfe ich, sogar heute noch. Ich tue alles, was ich kann. Weil es sehr einfach ist, Anomalien als Norm zu akzeptieren und darauf zu reagieren. Und dann erhalten die Richtlinien die Anomalie aufrecht.

 

Vielen Dank.

 

Das Gespräch wurde von Ludwig Nacht-mann aus dem Englischen übersetzt.

 

Dieses Interview ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 11/2019

Ngũgĩ wa Thiong’o und Anthony Audi
Ngũgĩ wa Thiong’o ist Autor und Professor für Vergleichende Literaturwissenschaft an der University of California. Anthony Audi ist stellvertretender Direktor von Onassis Los Angeles.
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