„Ich sehe keine Arbeiterkultur 2.0“

Jürgen Kocka im Gespräch

Seit Mitte des 20. Jahrhunderts haben sich Lebens- und auch Produktionsbedingungen in den modernen Industriegesellschaften zumindest auf der Oberflächenebene dramatisch gewandelt. Es gab die These vom Verschwinden der alten Klassen, auch der Arbeiterklasse. Stimmt das? Falls ja: Was bedeutet dieser Wandel für die Arbeiterkultur?

In der Tat kehren sich die Prozesse der Klassenherausbildung, die wir im 19. und frühen 20. Jahrhundert gesehen haben, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und im frühen 21. Jahrhundert tendenziell um. Eine Phase der Klassenbildung ist allmählich übergegangen in eine Phase der Klassenauflösung.

Damit schwindet auch die klassisch erkennbare Arbeiterkultur. In der frühen Phase lebten Arbeiter meist zusammen in klassischen „Arbeitervierteln“ auf engem Raum. Man traf sich nicht nur am Arbeitsplatz, sondern auch in der Lebenswelt der Mietshäuser und nach Feierabend. Auf enge Distanz, mit gemeinsamen Nachbarschaftsbeziehungen, gegenseitigen Hilfeleistungen. Diese Wohnquartiere haben sich größtenteils aufgelöst. Gemeinsamkeit dieser Art differenzierte sich aus, zum Teil auch deswegen, weil viele Söhne und Töchter aus Arbeiterfamilien Aufstiege erlebten, Bildung erwarben, in andere Berufe hineingingen. Und generell die Zahl der Arbeiter abgenommen hat, zugunsten von Dienstleistungsberufen, wenn auch oft prekären Zuschnitts. Das Zweite: Die Erfahrung des Ausgegrenztwerdens hat sich verändert und verringert. Zur klassischen Arbeiterkultur gehört nach meiner Auffassung auch, dass viele Lebensmöglichkeiten verschlossen waren. Arbeiter kamen nicht leicht in bürgerliche Vereine hinein. Sie hatten auch nicht das Geld und die Kontakte, oft auch nicht das Interesse, um in bürgerliche Festivitäten wie Theater und Oper hineinzukommen. Wenn sie sich politisch betätigten, galten sie als „rote Gefahr“ im Kaiserreich, in der Weimarer Republik und danach.

Diese Ausgrenzungserfahrung hat sich stark verringert. Die Exklusionsmechanismen sind schwächer und weicher geworden, vielleicht auch subtiler.

 

Der aktuelle Begriff „Klassismus“ beschreibt aber nach wir vor bestehende strukturelle Ungleichheiten und tradierte Benachteiligungen …

Ja. Ich habe keine Beschreibung einer nivellierten Mittelstandsgesellschaft gegeben. Was ich meine: Die Art von Ungleichheit, die zur Entstehung einer Arbeiterklasse und Arbeiterkultur geführt hat, das harte Ausgrenzen von handarbeitenden Menschen und dadurch geprägten Lebensformen ist deutlich rückläufig. Klassenspezifische Unterhaltung ist durch moderne Formen der Massenkultur überlagert worden. Auflösung von Arbeitergemeinsamkeit, Abmilderung harter Formen von Ausgrenzung – damit sind zwei wichtige Ursachen der Entstehung von Arbeiterkultur verblasst.

 

Sehen Sie die Möglichkeit von Arbeiterkultur 2.0? Angepasst an die beschriebenen Veränderungen der Gesellschaft?

Eine Annäherung an die Frage: Zur klassischen Arbeiterkultur gehörte der Arbeitersportverein, nicht der moderne Zuschauer-Sport. Zur klassischen Arbeiterkultur gehörte die Sozialisation in Nachbarschaften, nicht in öffentlichen Kindertagesstätten. Zur klassischen Arbeiterkultur gehörte auch die Mitgliedschaft in der Gewerkschaft. Und die Arbeiterpartei gehörte auch dazu. Das sehe ich nicht mehr.

Wenn man überlegt, wo vergleichbare Strukturen heute zu finden wären, müsste man vielleicht in die Minderheiten schauen. In die auch ethnisch definierten Migrantenkreise blicken, wieweit dort Formen der Arbeiterkultur neu entstehen. Die dann allerdings von Herkunft und Religion mitgeprägt wären. Aber das trägt gerade nicht zur Herausbildung einer übergreifenden Arbeiterklasse bei, vielmehr zu einer neuen Form von Segmentierung.

Ich sehe keine Arbeiterkultur 2.0.

 

Was bedeutet die Corona-Pandemie mit ihren Auswirkungen auf die Entwicklung gesellschaftlicher Kulturen? Seit dem vergangenen Jahr wurde viel zurückverlegt in häusliche Bereiche, von Homeschooling bis Homeoffice. Frauen wurden zum Teil zurückgeworfen in Rollen, die man überwunden glaubte. Ist das, unter dem Gesichtspunkt einer auf Emanzipation zielenden Arbeiterkultur, ein Rückschritt?

Die jetzige Krise beschleunigt Prozesse, sie verlangsamt nicht, führt nicht zurück, sondern treibt voran. Dazu gehört Homeoffice – ein merkwürdiges Wort, die Bezeichnung Telework, also Arbeit auf Distanz, wäre vielleicht treffender. Hier findet, als Folge der Digitalisierung, eine Neuintegration statt zwischen Familie und Haushalt einerseits, Erwerbsarbeit andererseits. Die Arbeiterkultur, wie wir sie vorhin besprochen haben, hatte mehrere große Voraussetzungen. Eine davon: Mit der Industrialisierung löste sich Erwerbsarbeit aus dem Familien- und Haushaltskontext heraus und ging über in Fabriken, Werkstätten, Verwaltungen. So entstand eine räumliche Distanz, die einerseits die Privatisierung von Familie und Haushalt erleichterte und auf der anderen Seite ermöglichte, dass die Arbeit als etwas Gemeinsames erfahren werden konnte. Auch mit den gesellschaftlichen, den vergesellschaftenden Sozialisationsfolgen, die auch zur Entstehung der Arbeiterbewegung geführt haben. Das wäre nicht geschehen, wenn, wie in den Jahrhunderten zuvor, landwirtschaftliche und handwerkliche Heimarbeit im Familienverbund dominiert hätte. Die Dissoziation von Familie und Haushalt einerseits und Erwerbsarbeitswelt auf der anderen Seite war eine wichtige Voraussetzung für die Entstehung von Arbeiterkultur und Arbeiterbewegung.

Jetzt, unter dem Einfluss der Digitalisierung, sehen wir eine gewisse Reintegration: Ein Teil der Erwerbsarbeit wandert zurück in den Haushalt und in die Familie, die dadurch Privatheit verliert.

Ich habe mich immer gewundert, warum Reiner Hoffmann und andere im DGB so sehr das Recht auf Heimarbeit betonen und fördern. Die wird zu weiterer Individualisierung führen, dazu, dass die vergesellschaftende Kraft von Arbeit schwächer wird, und damit auch die Basis der Arbeit von Gewerkschaften. Diese Tendenz zur Reintegration von Familie/Haushalt und Erwerbsarbeit, die aus historischer Sicht eine geradezu tektonische Verschiebung darstellt, ist durch die Pandemie beschleunigt worden. Zur klassischen Arbeiterkultur gehörte übrigens oft auch ein hohes Maß an weiblicher Selbständigkeit, ein Stück Emanzipation. Das könnte in der Pandemie rückläufig zu sein.

 

Vielen Dank.

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 5/2021.

Jürgen Kocka & Hans Jessen
Jürgen Kocka ist Sozialhistoriker. Hans Jessen ist freier Journalist und ehemaliger ARD-Hauptstadtkorrespondent.
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