„Ein ungeheures Kraftpotenzial“

Steffen Lieberwirth im Gespräch

Wie leicht fiel der Übergang in die neue Freiheit des Radios?

Wir hatten zum ersten Mal die Chance, unserer Kreativität völlig freien Lauf zu lassen. Das hatte ein ungeheures Kraftpotenzial. Wir haben Radio gemacht, so wie wir es wollten. Es war „unser Sender“. Wir haben versucht, die ganze Breite der Gesellschaft darzustellen. Es gab z. B. eine Sendung „Liebes Volk“, in der sich jeder zu Wort melden konnte. Da ist ein Kaleidoskop der gesellschaftlichen Stimmung entstanden, wie ich es nie wieder erlebt habe. Es war für die Bürger völlig unvorstellbar, dass sie vor dem Mikrofon nun alles sagen konnten, unzensiert!

Die besten Beiträge sind auch als Buch erschienen. Auch musikalisch haben wir die ganze Bandbreite abgebildet, neben Klassik auch Jazz und Folk. Bis heute.

 

Wie sahen Sie Ihre eigene Rolle? Wollten Sie einfach nur gutes Radio machen oder auch zu Veränderungen beitragen?

Wir waren überzeugt, dass wir etwas zu sagen haben und dass das in komplizierter Zeit vor allem identitätsstiftend und hörerbindend sein sollte. Wir wollten auch musikalisch eine Heimat anbieten mit unserer regionalen Schiene.

 

Als Sachsen Radio im MDR aufging, war es da vorbei mit der großen Freiheit?

Im Gegenteil. Es wurde zum durchmoderierten Tagesprogramm ausgeweitet, mit Magazinen und vielen Wortbeiträgen. Ein großer Bogen über das gesellschaftliche und kulturelle Leben. Musikalisch wurde es noch spannender, weil Thüringen und Sachsen-Anhalt mit ihren Schätzen dazukamen. Wir hatten in jedem der drei Bundesländer Korrespondenten und wir hatten unsere Klangkörper: ein Sinfonieorchester, einen Kinderchor und den großartigen Rundfunkchor. 1993 haben wir ein europäisches Musikfestival aus München übertragen, mit Orchestern aus ganz Europa und 31 Konzerten an 33 Tagen. Der BR sah sich wohl aus gewerkschaftlichen Gründen nicht dazu in der Lage. Aber unsere Hörfunkdirektorin hat gesagt, wir schaffen das. Wir sind mit unserem alten DDR-Ü-Wagen hingefahren und haben alle Konzerte fehlerfrei und live ausgestrahlt. Im BR hieß es: „Nun schalten wir um zum MDR ins Prinzregententheater oder in den Gasteig.“ In den Münchener Zeitungen stand: „Der MDR gibt in München den Ton an.“

 

Die meisten Führungskräfte kamen wie der erste Intendant Udo Reiter aus dem Westen. Gab es Spannungen mit den Mitarbeitern wie Ihnen aus der ehemaligen DDR?

Wir verstanden uns als die Platzhirsche, als die Macher. In unseren Augen waren Reiter und die anderen Direktoren „Zugereiste“. Reiter hat klug agiert, uns in programmlichen Dingen weitermachen lassen und uns finanziell großzügig ausgestattet. Die Leute aus dem Westen brachten das technische Know-how mit, das uns fehlte. Wir bekamen ein hochmodernes Studio, bis dahin hatten wir noch analog vom Band gesendet. Wir konnten aus dem Vollen schöpfen. Aber es gab natürlich auch die „Besserwessis“, vor allem im Verwaltungsapparat.

 

Wieso bekamen Sie keinen West-Vorgesetzten?

In der Regel waren die Führungskräfte tatsächlich aus dem Westen, die Stellvertreter aus dem Osten. „Tandemlösung“ nannte sich das. In meinem Fall war das anders. Ich hatte durch das Gewandhausorchester einen sehr guten Freund, Hermann Backes, Cellist und kommissarischer Intendant der Düsseldorfer Symphoniker. Ihn habe ich gefragt, ob er zu uns nach Leipzig als mein Stellvertreter kommen wolle. Denn ich hatte ja von westdeutschen Leistungsschutzrechten und den neuen Tarifen für Orchester und Musiker noch wenig Ahnung. Als ich meinen Personalwunsch der Hörfunkdirektorin vortrug, war zunächst nachdenkliche Stille. Denn damit würde ich die Hauspolitik auf den Kopf stellen. Schließlich wurde es akzeptiert.

 

Haben Hörerinnen und Hörer in den neuen Ländern andere musikalische Vorlieben als im Westen?

Nein, das glaube ich nicht. Wir verstanden uns als Radio „zum Zuhören“ mit langen Sendeplätzen und moderierten monothematischen Stundensendungen.

 

Also eine starke Hörerbindung auch über Personen.

Jeder Redakteur verantwortete programmgestaltend und authentisch seine eigene Sendung, mit der er natürlich auch identifiziert wurde. Auch haben wir verrückte Sachen gemacht, z. B. eine Sendung mit den Hymnen untergegangener Staaten. Oder wir haben uns bestimmte Epochen vorgenommen: Wie sah es in Dresden nach dem Krieg aus, wie fing das Musikleben dort wieder an? Mit viel Hintergrund- und Fakteninformationen. Die Hörer haben begeistert reagiert. Radio ist Kino im Kopf, da kann man ausschweifend experimentieren.

 

Heute wirkt der MDR nicht mehr so.

Die Entwicklung und Hörerwartungen machen auch nicht vor dem Radio halt. Seit 2017 bündelt der MDR die Klassik im Hörfunk und online in einer eigenen digitalen Welle. Hier finden auch das MDR-Sinfonieorchester, der MDR-Rundfunkchor und der MDR-Kinderchor sowie das Musikfestival MDR-Musiksommer ihre Sendeplätze. Bei MDR Kultur ist wie bei vielen Kulturkanälen zu beobachten, dass die Programme zunehmend formatiert daherkommen. Durchhörbarkeit, Mainstream und die Hoffnung, der Hörer möge viele Stunden dranbleiben, dominieren das Tagesprogramm. Das Urige, das Überraschende, das Eigene geht dabei verloren. Ich glaube aber an die Zukunft der öffentlich-rechtlichen Kulturwellen, denn sie sind wichtig für unsere auseinanderdriftende Gesellschaft! Sie haben eine große Chance zur Akzeptanz, wenn sie sich ihrer Authentizität bewusst sind und sich nicht allein vom Quotendenken leiten lassen.

 

Vielen Dank.

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 11/2021.

Steffen Lieberwirth und Ludwig Greven
Steffen Lieberwirth leitete ab 1991 die Hauptabteilung Kultur bei Sachsen Radio, baute dort das Programm „Sachsen 3 – Kultur“ auf. Ab 1992 war er Musikchef von MDR Kultur/Figaro, von 2010 bis 2018 Chefproduzent beim MDR-Hörfunk. Ludwig Greven ist freier Journalist und Autor.
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