Vinyl

Es lebe alles Analoge

Ich bin ein Computerspielfan, bastele gerne meine eigenen kleinen Python-Computerprogramme und nutze Twitter viel zu intensiv. Alles digital, aber das heißt nicht, dass ich ein Digitalisierungsfan bin.

 

Denn zu der digitalen Welt gehört, nicht nur als Gegengewicht, sondern als Übergewicht die analoge Welt.

 

Theater macht mir nur analog, also vor Ort, Spaß. Ein Original im Museum zu betrachten, wird für mich nie durch eine digitale Abbildung auf einem Monitor ersetzt werden. Alles Gerede über mehr Digitalisierung in der Kunst ist ein aufgebauschtes Nichts, denn dort, wo Digitalisierung sinnvoll ist, wird sie längst eingesetzt, und dort, wo Digitalisierung das Kunstwerk vertreiben soll, gehört sie bekämpft.

 

Der Mensch, selbst zutiefst analog, braucht den Kontakt zum Fassbaren. Gerade in der Pandemie haben wir es erlebt und erleben es noch immer: Der Mensch ist ein soziales Wesen, das verkümmert, wenn andere Menschen fehlen, aber auch wenn seine Umwelt sich auf Nullen und Einsen in einer Bildschirmmatrix erschöpft.

 

Das gilt natürlich für alle Lebensbereiche, aber besonders auch für die Kulturnutzung. Der Mensch strebt geradezu nach analoger Ansprache. Nehmen wir als Beispiel das Comeback der Schallplatte. In den neunziger, bis Anfang der zweitausender Jahre war sie fast vollständig vom Markt verschwunden. CD und später die Streamingdienste waren praktischer, weil einfacher nutzbar. Doch seit 2010 hat sich der jährliche Vinyl-Umsatz nahezu verzehnfacht, 2021 lag er bei 118 Millionen Euro. Analog, aber mit Wärme hat sich das schwarze Ding nicht nur in das Leben von alten Nostalgikern wie mir zurückgearbeitet, gerade viele junge Menschen kaufen Schallplatten.

 

Diese schwarze Platte, mit dem leisen Knistern der Unperfektheit und was die Plattenhülle angeht, sogar oft mit künstlerischer Anmut, ist wieder zurück. Die analoge Welt lebt, gerade weil sie für Menschen fassbar, verstehbar und nicht kalt und vermeintlich perfekt ist.

 

Woher kommt dann aber die ständige Forderung der Digitalisierung des Kunst- und Kulturbereiches? Verwaltungsabläufe gehören digitalisiert, Kommunikationsverbindungen gehören digitalisiert, aber Kunst macht analog viel mehr Spaß als digital.

 

Lernen wir von der Vinyl-Platte. Der Musik-Schall wird einfach mechanisch in spiralförmigen Rillen auf die Platte geritzt und mit einer einfachen Nadel von der sich drehenden Scheibe wieder hörbar gemacht. Wunderbar einfach. Es lebe alles Analoge.

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 11/22.

Olaf Zimmermann
Olaf Zimmermann ist Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates und Herausgeber von Politik & Kultur.
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