Opfer

Wer mir zuhört, wird es sicher bemerkt haben, ich bin ein Stotterer. Mit sechs Jahren hatte ich meine Mutter nach einem schweren Autounfall im Krankenhaus gesehen und konnte von diesem Tag an nicht mehr richtig sprechen, ich stotterte. Die ersten vier Schuljahre waren ein Albtraum für mich, weil außer meiner Familie mich niemand verstehen konnte oder wollte. Mit zehn Jahren kam ich dann für ein halbes Jahr in eine Kinderklinik für Sprach- und Sprechstörungen. Dort lernte ich, mit meiner Behinderung umzugehen und durch spezielle Atem- und Sprechübungen einen einigermaßen vernünftigen Sprachfluss zu entwickeln. Seit dieser Zeit rede ich gerne und viel und meine heutige Tätigkeit hätte ich ohne meinen Kampf mit meiner Behinderung nie erreicht.

 

Ich erzähle diese, meine kleine Geschichte, weil wir zurzeit eine spannende Debatte zur Identität führen. Was macht mich als Mensch aus, meine Herkunft, meine Hautfarbe? Fragen ethnischer, geschlechtlicher und sexueller Identität werden heftig diskutiert. Bin ich gebrandmarkt durch meine Behinderung?

 

Für mich war der Kampf gegen mein Stottern die Chance meines Lebens. Dieser Kampf, den ich in abgeschwächter Form bis heute führe, hat mich geprägt. Aber ich habe den Kampf nicht allein geführt. Neben meiner Familie war es besonders die Gesellschaft, die mich unterstützt hat. Ohne die Möglichkeit des Klinikaufenthaltes hätte ich das Stottern nicht in den Griff bekommen. Und auch in der Schule habe ich Unterstützung erfahren. Ich kam nicht auf eine Sonderschule, sondern konnte den zweiten Bildungsweg an regulären Schulen absolvieren.

 

Eine Gesellschaft zeichnet sich dadurch aus, dass sie auch denjenigen Entwicklung ermöglicht, die nicht „perfekt“ sind, und dass sie Menschen Chancen gibt, die nicht ins Raster passen. Dass viele Menschen sich in unserem Land nicht angemessen wahrgenommen und unterstützt fühlen, ist ein Alarmzeichen. Viele fühlen sich als Opfer. Menschen, die sich von der Norm, was das auch immer sein soll, unterscheiden, werden zurückgesetzt, in ihrer Entwicklung behindert. Hautfarbe, sexuelle Orientierung, Behinderung, soziale Stellung sind hier nur Stichworte für unterschiedliche Gruppen, die es in unserer Gesellschaft schwer haben.

 

Mehr Chancengleichheit und mehr Gleichberechtigung müssen unsere gesellschaftlichen Ziele sein. Dabei muss jedem Einzelnen die Hilfe der Allgemeinheit zuteilwerden, damit er oder sie sich selbst helfen kann.

Ich bin bis heute stolz darauf, dass ich als Kind den Kampf um mein Leben aufgenommen habe. Ich bin der Gesellschaft dankbar, dass sie mich dabei unterstützt hat. Aber ich bin nie ein Opfer gewesen.

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 5/2021.

Olaf Zimmermann
Olaf Zimmermann ist Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates und Herausgeber von Politik & Kultur.
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