Gift

Wie machttrunken muss man eigentlich sein, wenn man Menschen wegen einer anderen Meinung als der eigenen kurzerhand stornieren (engl. canceln) will, also durch einen systematischen Boykott in der Öffentlichkeit auslöschen will.

 

Natürlich ist dieses Phänomen nicht neu, Diktatoren von rechts bis links haben immer unliebsame Stimmen mit Gewalt zum Verstummen gebracht. Aber dass es sich zu einem beliebten Volkssport in Teilen der Gesellschaft in einer Demokratie entwickelt, unliebsame Stimmen mundtot zu machen, ist ein neues Phänomen. Nicht mehr diskutieren, nicht mehr argumentieren, nur noch medial vernichten ist die Devise.

 

Dieses undemokratische und tief asoziale Verhalten wird neuerdings „Cancel Culture“ genannt. Besonders oft vom „Cancel Culture“ betroffen sind Künstlerinnen und Künstler. Gerade Kabarettistinnen und Kabarettisten, deren Aufgabe es ist, der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten, werden kurzerhand gecancelt, wenn ihre Positionen nicht gefallen.

 

Eine von wenigen aufgestachelte Meute fällt über sie in den „sozialen“ Netzen her, um sie medial zu zerstören und ihnen damit nicht nur das Recht auf ihre eigene Meinung und die Kunstfreiheit zu nehmen, sondern sie dabei auch ökonomisch zu vernichten.

 

Diese Meute ist in einer erstaunlichen Weise ungebildet. Nicht, was ihre formalen Qualifikationen an- geht, viele sind Akademiker, nein, sie sind unfähig zu debattieren, zu streiten, lernen zu wollen. Sie können keine andere Meinung als ihre eigene akzeptieren. Sie reklamieren für sich das Recht der Meinungsfreiheit, um es anderen rigoros abzusprechen.
Doch nicht nur auf YouTube, Twitter und anderen digitalen Plattformen breitet sich „Cancel Culture“ erschreckend aus, sondern besonders Hochschulen sind betroffen. „Cancel Culture“ ist ein Instrumentarium der Einschüchterung. Einzelne oder kleine Gruppe definieren kurzerhand, was unsagbar, undebattierbar ist.

 

Natürlich braucht eine Gesellschaft auch Tabus, aber in einer demokratischen Gesellschaft werden diese Grenzen, die in Gesetzen festgehalten werden, nicht von Einzelnen definiert, sondern nur von den gewählten Volksvertretern nach einem intensiven Diskussionsprozess mit der Breite der Zivilgesellschaft beschlossen.

 

Ich merke bei mir selbst, wie das Gift des „Cancel Culture“ auch in mich eindringt. Darf ich dieses Wort benutzen, darf ich diese Idee verbreiten?
Wir müssen diesen Spuk jetzt beenden, bevor er unsere Freiheit zerstört.

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 09/2020.

Olaf Zimmermann
Olaf Zimmermann ist Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates und Herausgeber von Politik & Kultur.
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