„Die Frauen kommen“

Mehr Frauen auf Spitzenpositionen im Kunstkompass

Weltweit geben immer mehr Künstlerinnen verstärkt Gas im Kunstbetrieb und erobern häppchenweise Männerterrain. Und das macht sich natürlich auch im Kunstkompass bemerkbar. Und noch mehr im zusätzlichen Ranking der „Hundert Stars von morgen“, das seit sechs Jahren zusätzlich über die nachrückenden Künstler informiert. Seit nunmehr 51 Jahren erscheint zur Art Cologne der Kunstkompass, der Auskunft über Ruhm und Rang der zeitgenössischen Künstler liefert. Im Laufe dieser fünf Jahrzehnte haben sich Künstlerinnen jeder Couleur respektable Positionen im Ruhmesbarometer erobert. Das war nicht immer so!

 

Von 1970 bis 1989 tauchten lediglich fünf oder sechs Frauen im Kunstkompass auf. Wie die britische Op-Artistin Bridget Riley, die deutsche Konzeptkünstlerin Hanne Darboven oder die französische Bildhauerin Niki de Saint Phalle. Sie konnten sich allenfalls als Feigenblatt gegenüber der männlichen Hegemonie im hinteren Drittel des Kunstkompass behaupten.

 

Der Erfinder des Kunstkompass, Willi Bongard, prophezeite schon Anfang der 1980er Jahre: „Die Zukunft der Kunst liegt bei den Frauen.“

 

1990 hieß es jubilierend im Kunstkompass: „Die Frauen kommen.“ Immerhin belegten zehn Protagonistinnen einen Platz in der Liste der „Hundert Großen“. Die sechs Amerikanerinnen Jenny Holzer, Cindy Sherman, Barbara Kruger, Alice Aycock, Susan Rothenberg und Sherrie Levine teilten sich mit den drei deutschen Künstlerinnen Rebecca Horn, Hanne Darboven, Rosemarie Trockel und der Belgierin Marie-Jo Lafontaine die Ruhmespositionen.

 

Bis auf die Malerin Susan Rothenberg greifen diese Kompassfrauen zu neuen Medien und transportieren gesellschaftskritische und kantige Inhalte mithilfe von Kamera, Computer, Video, Wort, Körperperformances und Installationen – jenseits leicht verkäuflicher Flachkunst.

 

Allen voran die feministische Medienkünstlerin Jenny Holzer, die ihre computergesteuerten Messages wie „Protect me from what I want“ außerhalb der Museen dem irritierten Publikum an den Kopf knallt. Ihre Karriere ist vom Allerfeinsten: Ihre blinkenden Laufschriften werden in zahlreichen Einzelausstellungen in renommierten Museen wie das New Yorker Guggenheim-Museum gefeiert. Als erste Frau bespielte Holzer 1990 im Alleingang während der Venedig-Biennale den amerikanischen Pavillon und gewann mit ihren alarmierenden Sentenzen den „Goldenen Löwen“. Ihre amerikanischen Kolleginnen, die Foto- und Verwandlungskünstlerin Cindy Sherman, die Politkünstlerin Barbara Kruger und die Konzeptkünstlerin Sherrie Levine produzieren jenseits gefälliger Konzepte mediale, kritische Bravourstücke. Die Bildhauerin Alice Aycock realisiert ihre Kunst ausschließlich außerhalb der Museen. Lediglich Susan Rothenberg bewegt sich mit ihren nuancierten Bildern auf dem traditionellen Feld der Malerei.

 

Sehr viel verschlüsselter arbeiten die europäischen Protagonistinnen: die Installationskünstlerin Rebecca Horn inszeniert rätselhafte Räume, die Konzeptkünstlerin Hanne Darboven füllt zahlreiche Blätter mit ihrer stringenten Schreibkunst.

 

Die vielseitige Rosemarie Trockel überrascht mit einem komplexen Kunstkosmos. Und die Belgierin Marie-Jo Lafontaine baut monumentale Videoinstallationen. Was aber tut sich aktuell im internationalen Kunstbetrieb? Die Frauen haben kräftig zugelegt und bestreiten mit großer Resonanz und weltweit zahlreiche Gruppen- und Einzelausstellungen. Rund ein Drittel der „Hundert Großen“ im Kompass sind seit vielen Jahren Frauen.

 

Die Deutsche Rosemarie Trockel und die Amerikanerin Cindy Sherman belegen seit Langem unangefochten Spitzenplätze im Kompass. Bis heute. Ihnen dicht auf den Fersen sind die Schweizer Medienqueen Pipilotti Rist und die große alte Dame der Bildhauerei, Louise Bourgeois, die 2010 mit 98 Jahren in New York starb. Seither belegt die Französin als einzige Frau im Ranking der „Unsterblichen“ hinter Joseph Beuys, Andy Warhol und Sigmar Polke den vierten Platz.

 

Rosemarie Trockel lässt sich stilistisch nicht einengen. Die medienscheue „Frau Wolle“ produziert mit hinterlistigem Humor Videos, Zeichnungen, Installationen, Objekte und vor allem ihre hoch begehrten computergesteuerten Strickbilder.

 

Im Ranking der 100 Stars von morgen sind erstaunlicherweise rund die Hälfte aller nachrückenden Künstler Frauen. Und nicht nur das!

 

In sämtlichen Ausgaben der letzten sechs Jahre thronen Künstlerinnen auf Spitzenplätzen. 2016 eroberte Hito Steyerl den ersten Platz. Die Queen of Art ist seit ihrer Videoinstallation „Factory of the Sun“ im deutschen Pavillon während der Venedig-Biennale 2015 eine feste Größe im Kunstbetrieb. Die deutsche Künstlerin mit japanischen Wurzeln beeindruckt mit Videoinstallationen, die bei aller politischer Brisanz und komplexer Thematik an Schönheit und tänzerischer Eleganz kaum zu toppen sind. Auch die Deutsche Anne Imhof, Nummer eins im Aufsteigerranking 2017, legte während der Venedig-Biennale 2017 mit dem fünfstündigen Gesamtkunstwerk „Faust“ eine Glanzleistung aus Sound, Tieren und Bewegungsritualen hin und wurde zu Recht mit dem Goldenen Löwen belohnt. In diesem Jahr bespielt Imhof mit zahlreichen Performances, Klangaktionen und Artefakten von Künstlerfreunden wie Sigmar Polke das gesamte schaurig-schöne Palais de Tokyo in Paris. Im aktuellen Ranking der Nachrücker besetzt Imhof den dritten Platz. Nach der polnischen, in Berlin lebenden Bildhauerin Alicja Kwade, die zu den erfolgreichsten Shootingstars zählt.

 

Pikanterweise erleben viele Künstlerinnen, wie die kürzlich verstorbene libanesische Malerin und Schriftstellerin Etel Adnan, im reifen Alter ein spätes Revival oder eine längst fällige Würdigung. So wurde in diesem Jahr die 92-jährige japanische bahnbrechende Pop-Pionierin Yayoi Kusama als Nummer eins in der Rangliste der Aufsteiger gekürt. Einst kommentierte die große Louise Bourgeois ihre späte Einladung zur Documenta: „Better late than never“!

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 12/2021-01/2022.

Linde Rohr-Bongard
Linde Rohr-Bongard ist Kunstjournalistin und Kunstkompass-Herausgeberin.
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