Luther gehört euch wirklich nicht!

Evangelische Kirche sollte ihre Tore weit, sehr weit öffnen

Stephan Schaede, Direktor der Evangelischen Akademie Loccum, hat in der letzten Ausgabe von Politik & Kultur geschrieben „Luther gehört uns nicht!“. Er hat seinen Ruf als Theologe vor allem an die Vertreter und Mitglieder der Evangelischen Kirche gerichtet und unterstrichen, dass das Reformationsjubiläum im Jahr 2017 mehr sein muss als eine Veranstaltung von Kirche und Staat. Er ruft auf, dass andere gesellschaftliche Akteure einbezogen werden müssen. Recht hat er!

 

Vor gut zwei Jahren wurde mit festlichen Gottesdiensten in Wittenberg die Lutherdekade eröffnet. Über zehn Jahre hinweg soll das Reformationsjubiläum 2017, 500 Jahre Thesenanschlag an die Schlosskirche zu Wittenberg, vorbereitet werden. Geplant sind jeweilige thematische Schwerpunkte. Das laufende Jahr 2010 wurde unter das Motto Religion und Bildung gestellt. Im Mittelpunkt steht der Reformator Philip Melanchthon, der sich in besonderer Weise um das Bildungswesen verdient gemacht hat. Weitere Themenjahre sind: Reformation und Freiheit (2011), Reformation und Musik (2012), Reformation und Toleranz (2013), Reformation und Politik (2014), Reformation – Bild und Bibel (2015), Reformation und die Eine Welt (2016) sowie das eigentliche Reformationsjubiläum (2017).

 

So klug gewählt diese Schwerpunkte sind und so geschickt sie ohnehin anstehende Jubiläen wie z.B. das 800jährige Jubiläum des Leipziger Thomanerchors (2012) oder den 500jährigen Geburtstag von Lucas Cranach d. Jüngeren (2015) mit dem Reformationsjubiläum verbinden, dennoch bleibt die wirkliche Begeisterung für die Lutherdekade noch aus. Nun mag es daran liegen, dass das eigentliche Reformationsjubiläum noch in weiter Ferne liegt. Gleichwohl damit das Reformationsjubiläum tatsächlich begeistert, muss deutlich werden, was es mit uns heute zu tun, was es für die gesamte Gesellschaft bedeutet und nicht nur für die protestantischen Christen. Wenn jetzt auch noch der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien in den kommenden sieben Jahren jeweils 5 Mio. Euro, also zusammen stolze 35 Mio. Euro zur Verfügung stellt, so der Haushaltsausschuss im Deutschen Bundestag die Mittel genehmigt, stellt sich umso mehr die Frage nach der gesellschaftlichen und besonders auch kulturpolitischen Dimension des Reformationsjubiläums.

 

Keine Frage, das Reformationsjubiläum wird für den Kulturtourismus in den drei sogenannten Stammländern des Protestantismus (Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen) eine große Bedeutung haben. Ebenso bietet es die Gelegenheit die Wirkungsstätten Martin Luthers zu restaurieren und auf den neuesten Stand zu bringen. Doch wäre das für ein Reformationsjubiläum zu wenig.

„Das Reformationsjubiläum (…) darf kein rein staatliches oder kirchliches Ereignis werden.“

Die Lutherjubiläen gründeten in der Vergangenheit oft auf sehr engen Kooperationen von Evangelischer Kirche und Staat. So wurde z.B. auf kaiserlichen Erlass der 400. Geburtstag Luthers 1883 in ganz Deutschland begangen. Besonders groß war der Missbrauch der Lutherfeiern durch den Staat vor und während des ersten Weltkrieges in Deutschland. Aber auch in der jüngsten Geschichte kam der Staat nicht ohne Martin Luther aus. Zur Feier der 500. Wiederkehr des Geburtstages des Reformators 1983 instrumentalisierten Ost- und Westdeutschland die Feiern jeweils aus dem eigenen Blickwinkel. In der DDR übernahm Staats- und Parteichef Erich Honecker selbst den Vorsitz des Lutherkomitees.

 

In einer Zeit, die, obwohl vermeintlich säkularisiert, von religiösen Konflikten aufgeladen ist, lohnt es sich über die Sprengkraft von Religion allgemein wie auch der Reformation im speziellen heftig nachzudenken. Hier ist jede und jeder gefragt. Also nicht nur die evangelische Kirche und der Staat.

 

Das Reformationsjubiläum ist eines der wichtigsten Kulturereignisse des nächsten Jahrzehnts und darf wegen den Erfahrungen der Lutherjubiläen in den letzten Jahrhunderten, kein rein staatliches oder kirchliches Ereignis werden. Kulturstaatsminister Bernd Neumann hat am 06. Oktober vor dem Kulturausschuss des Deutsches Bundestages klargestellt, des es trotz seiner finanziellen Unterstützung mit ihm keine staatlichen Lutherfeieren geben wird. Der Staat hat augenscheinlich seine Lektion aus den letzten Jahrhunderten gelernt. Jetzt muss auch die evangelische Kirche zeigen, dass sie lernfähig ist.

 

Was wir jetzt brauchen ist eine kritische und öffentliche Debatten zu Luther 2017 und der Reformationsdekade in der gesamten Zivilgesellschaft. Besonders die evangelische Kirche sollte dafür ihre Tore weit, sehr weit öffnen.

 

Der Text ist zuerst in Politik & Kultur 05/2010 erschienen.

Olaf Zimmermann
Olaf Zimmermann ist Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates und Herausgeber von Politik & Kultur
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