Den Anlass in der Gesellschaft verankern

Kirche und Staat haben ein volles Aufgabenheft

Der Chor ist vielstimmig und stimmgewaltig. 2017, das soll ein Jahr werden, in dem – so Bundeskanzlerin Angela Merkel – „etwas vom Geist der Reformation wieder zum Menschen gelangt – besonders zu denen, die von diesem Geist noch nie oder schon lange nichts mehr gehört haben“. Um einen Geist geht es auch dem Historiker Lucian Hölscher, nämlich um den „der Ökumene“, und obendrein meint er, eine 2017er-Feier ohne „säkulare Menschen“ und geprägt von „Überlegenheitsgefühlen“ gehe gar nicht. Kollege Heinz Schilling meint, „Luther ist zu wichtig, als dass man ihn den Theologen überlassen dürfte.“ Johann Michael Möller, MDR-Hörfunkdirektor, sorgt die Verkürzung auf ein „Nischenthema“, sollte die „Lutherdekade den Kirchen überlassen werden“. Von dort wiederum kommt der Ruf, alles, bloß keine „Protestantenparty“ sei das Ziel, man wisse, gerade in Mitteldeutschland, um die Ausmaße der säkularen Gesellschaft, deshalb seien Gemeinsamkeiten („Staat und Kirche“) Trumpf bei der Vorbereitung und Durchführung des Festjahres, man wolle schließlich „weite Teile“ erreichen. Wenn auch, wird hier und da hinterher geschoben, klar sein müsse, die „DNA gehört uns“.

 

Derart eingestimmt suchen die Akteure ihren Platz. Einer nennt sich, ein wenig sperrig und erklärungsbedürftig, „Staatliche Geschäftsstelle Luther 2017“. Doch die Benennung macht Sinn, dient sie doch der klärenden Differenzierung. Hier, bei der Staatlichen Geschäftsstelle „Luther 2017“, bündeln sich Aktivitäten und Absichten, die sieben Bundesländer, derzeit – weiterer Zuwachs nicht ausgeschlossen – nebst Bundesregierung, vertreten durch die Beauftragte für Kultur und Medien, auf dem Weg „nach 2017“ auf die Bühne heben wollen. Dafür haben sie u.a. eine Geschäftsstelle geschaffen, Ähnliches plant man auch für das Bauhaus-Jubiläum zwei Jahre darauf, mit Sitz in Lutherstadt Wittenberg und mit dem Auftrag, das staatliche Profil im Rahmen von Lutherdekade und Reformationsjubiläum zu präsentieren. Derart aufgestellt – Stichwort Differenzierung – treffen sich kirchlich und staatlich begründete Planungen und Projekte, vereint in dem Ziel, 2017 und den Weg dorthin als festlichen Anlass im Kalender der bundesdeutschen Bürger- und Zivilgesellschaft zu verankern.

„Das gemeinsame Aufgabenheft von Kirche und Staat ist gut gefüllt.“

Übrigens: Hinter der Palette von sieben Bundesländern steckt – und das liegt numerisch nahe – das Vorhaben einer als geglückt zu bezeichnenden Westerweiterung. Was in Sachsen-Anhalt, dem „Ursprungsland“, begann, Thüringen als »Kernland« und Sachsen als „Mutterland“ schnell folgen ließ und diese drei Länder zum Nukleus und Treiber einer staatlichen Aufstellung in Sachen »Luther 2017« machte, war 2011/2012 Einladung genug, auch in Brandenburg als »Wiege« sowie Bayern, Hessen und Rheinland-Pfalz als „Beitrittsländer“ ministeriell, finanziell und administrativ die Weichen für ein Reformations-Engagement zu stellen. Dabei sind die Begriffe „Ursprungsland“ usw. keineswegs offizielle Bezeichnungen, sondern vielmehr Beschreibungen, die sich in den Diskussionen mehr und mehr einschleifen. Das verschafft diesen Ländern, gemeinsam mit dem Bund, Sitz und Stimme innerhalb der ausgefeilten staatlich-kirchlichen Gremienarchitektur, an deren Spitze ein Kuratorium steht, vorbereitend-flankiert von einem Lenkungsausschuss und einen Wissenschaftlichen Beirat.

 

Das gemeinsame Aufgabenheft von Kirche und Staat ist gut gefüllt. Notiert ist eine gemeinsame Kommunikationskampagne, in deren Rahmen sich das Ringen um theologische Wahrheiten und werbliche Zuspitzungen studieren lässt. Die gemeinsam betriebene Homepage www.luther2017.de dient der umfassenden Information, benötigt jedoch im Blick auf die noch Fernstehenden) geschmack-machende Imageanteile. Auch im Zusammenspiel mit der staatlichen „Luther 2017“-Struktur lebt die Evangelische Kirche – wie könnte es anders sein? – ihre pluralistische Grundstruktur aus und nimmt sich mit dem EKD-Kirchenamt in Hannover, selbstbewussten Landeskirchen und ihrer Laienbewegung, dem Deutschen Evangelischen Kirchentag, den Dingen an. Dazu noch, als prominente Botschafterin für das Jubiläum, Margot Käßmann, die im November 2013 neu gewählte Präses der EKD-Synode, Irmgard Schwaetzer, und eine ebenfalls in Lutherstadt Wittenberg beheimatete Geschäftsstelle. Sie alle treffen sich in diversen Leitungs- und Lenkungskreisen, an weiteren Gremien herrscht somit kein Mangel.

 

So läuft die Maschinerie auf vollen Touren. Nach Bauherren und Architekten, also „Investitionen in Steine“, die insbesondere in Mitteldeutschland Großes schaffen, geht es um die Zusammenarbeit mit Agenturen und Kreativen, also „Investitionen in Stimmungen“, die am Zauber des Jubiläumsjahres mitwerkeln. Kirchturmdenken, ganz gleich wo, wie und von wem, wird dem „Ereignis von Weltrang“, so der Deutsche Bundestag in großer Mehrheit im Jahre 2011, nicht gerecht werden. Wir freuen uns auf die Besucher im „Gastgeberland Deutschland“ und laden ein zu einem Fest, wo „keiner auf den Gedanken kommt, er sei besser oder schlechter, wichtiger oder wertloser als der andere“ (Hanns Dieter Hüsch).

 

Der Text ist zuerst in Politik & Kultur 04/2015 erschienen.

Stefan Zowislo
Stefan Zowislo ist Geschäftsführer der Staatlichen Geschäftsstelle "Luther 2017".
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