Nachhaltigkeit ist eines der Megathemen unserer Zeit. Auch im Feld der kulturellen Bildung sind Nachhaltigkeitsthemen seit geraumer Zeit präsent. In diesem Kontext verweist die Landesvereinigung Kulturelle Bildung (LKB) Bayern in ihrem aktuellen Positionspapier explizit auf das Potenzial kultureller Bildung, einen Beitrag zur nachhaltigen Weiterentwicklung menschlich-kultureller Lebensformen leisten zu können. Das klingt griffig. Allerdings sind die Problemstellungen, die damit einhergehen, komplex. Dementsprechend ist aus Sicht der LKB Bayern für die Entwicklung dieses kulturpädagogischen Handlungsfeldes auch eine Theoriearbeit nötig, die einerseits systematisch klärt, was unter kultureller Nachhaltigkeit verstanden werden kann, und die andererseits reflektiert, welche konzeptionellen Konsequenzen die begriffliche Verbindung von kultureller Nachhaltigkeit und kultureller Bildung nach sich zieht. Die LKB Bayern sieht es vor diesem Hintergrund als eine ihrer zentralen Aufgaben an, als Transmissionsort an der Schnittstelle von Wissenschaft und praktischer Entwicklungsarbeit zu fungieren. Den inhaltlichen Bezugspunkt für die Entwicklung des Themenfeldes „Kulturelle Bildung und kulturelle Nachhaltigkeit“ stellen für die LKB Bayern dabei theoretische Perspektiven dar, die am UNESCO Chair in Arts and Culture in Education der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg entwickelt wurden und die im Folgenden kurz skizziert werden sollen:
In einer kulturtheoretischen Lesart ist in Bezug auf Nachhaltigkeit insbesondere die Frage relevant, wie etablierte Muster und Organisationsformen menschlicher Praxis so transformiert werden können, dass (Zukunfts-)Möglichkeiten menschlicher Existenz eröffnet werden bzw. (zukunfts-)verengende kulturelle Praktiken – beispielsweise regressive Reaktionen auf kulturelle Transformationsprozesse, affirmative Traditionskonstruktionen oder das Postulieren nationalistischer Formen von Leitkultur – durch alternative kulturelle Praxisformen abgelöst werden.
Es geht also um die Veränderung menschlicher Praxis und diese Praxis ist eben eine kulturelle, d. h. eine durch kollektive Formgefüge und Sinnsysteme organisierte Praxis. Kulturelle Bewahrung ist dabei auch ein zentraler Aspekt von nachhaltiger kultureller Praxis, aber nicht im Sinne einer Archivierung, sondern insofern, als dass das Tradierte immer wieder neu auf seine Gegenwarts- und Zukunftsfähigkeit hin zu befragen und zu legitimieren ist.
Nachhaltige kulturelle Praxis wäre damit erstens eine kritisch-konstruktive Praxis, die darauf hinweist, dass den Menschen die Effekte ihrer kulturellen Existenzweise immer wieder auch zum Problem werden können, zweitens eine beständige Arbeit an der Transformation kultureller Formen, Orientierungen, Werte und Praktiken im Hinblick auf die Eröffnung von Zukunftsmöglichkeiten und damit drittens eine kulturelle Suchbewegung. Dementsprechend bezieht sich nachhaltige kulturelle Praxis nicht nur auf ökologische, ökonomische und soziale Aspekte im engeren Sinn, sondern auch auf ethische und ästhetische Dimensionen, da es um die Behandlung von Fragen der Gestaltung von Formen der kulturellen Existenzweise des Menschen und damit z. B. um Lebensstilfragen geht. Für die Behandlung solcher Fragen sind kulturelle Freiräume nötig, die ein Erproben, Testen, Variieren und Verwerfen kultureller Form- und Praxisentwürfe erlauben.
Genau hier zeigt sich nun auch das spezifische Potenzial einer kulturellen Bildung, die nicht auf künstlerische Felder bzw. auf den Kultursektor einer Gesellschaft beschränkt ist: Kulturelle Bildung bietet Möglichkeiten der sinnlich-körperlichen Erkundung, der spielerischen Exploration und ästhetisch-experimentellen Variation kultureller Formen und eröffnet darüber die Chance, dass Kultur in einer reflexiven Art und Weise gegenständlich wird. Kulturelle Bildungsprozesse wären damit solche Bildungsprozesse, in denen der kulturelle Formaspekt menschlicher Praxis bzw. die symbolischen Ordnungen dieser Praxis zum Thema wird.
Das mag sehr abstrakt klingen, doch wenn Bildung für eine nachhaltige kulturelle Praxis entwickelt werden soll, dann bedarf es auch Formen von Bildung, die alltagskulturelle Muster, Traditionen und Praktiken befragbar und veränderbar werden lassen: Von Wohnkultur, Ernährungskultur und Kleiderkultur über Fragen der Gestaltung öffentlicher Interessen, sogenanntes Public Interest Design, bis zu hin zu den großen kulturellen Transformationsdynamiken wie z.B. Digitalisierung oder den Effekten des ästhetischen Kapitalismus.