„Der Klimawandel ist ein Test für den Kulturbetrieb“

Harald Welzer im Gespräch

Welcher Problemdruck entsteht für Kulturschaffende, gerade wenn die nicht zu den gutsituierten ihrer jeweiligen Branche gehören, sondern so eben mit Ach und Krach und Selbstausbeutung über die Runden kommen? Wirkt Klimawandel, mit allen Folgekosten, existenzvernichtend?

Ganz sicher. Man könnte eine sehr schreckliche, empirische Studie über diejenigen verfassen, die durch die Auswirkungen der Pandemie in unglaubliche Nöte gekommen sind. Auch produktive Nöte: Was willst du als Musiker machen, wenn du nicht auftreten kannst? Alle performativen Künstler sind an dieser Stelle völlig im Eimer. Aber natürlich auch wirtschaftlich. Für die große Mehrheit der prekarisierten, schlecht Verdienenden war und ist das ein einziges Desaster.

Eine Prognose, ob sich das durch Klimakrise und ihre Auswirkungen fortsetzt, wäre sehr spekulativ. Wenn man es fatalistisch formuliert, werden wir starke wirtschaftliche Verwerfungen infolge der Wirkungen des Klimawandels sehen. Als Reaktion auf die Flutkatastrophe in Ahrweiler stellt die Bundesregierung 30 Milliarden zur Verfügung. Aber es ist doch klar, dass bei der nächsten, der dritten, fünften oder siebten Katastrophe das kein Bewältigungsmodus sein kann. Im Grunde ist es ein alter Hut: Von der Klimaökonomie wird seit zehn Jahren rauf und runter gebetet, dass die Kosten des Klimawandels für die Volkswirtschaften ungeheuer hoch sein werden.

Dann ist die Frage: Wo wird gespart werden? Und, wenn man sich zerstörte Gemeinden anschaut: Wo gibt es denn da noch Theater? Vernichtete Infrastruktur lässt sich auch nicht von heut auf morgen wieder herstellen.

 

Gibt es vor diesem Hintergrund eine Handlungspflicht öffentlicher Institutionen, durch Einsatz finanzieller Mittel den Kulturbetrieb auch in der Breite aufrecht- zuerhalten?

Nein. Wir sind im Moment gesellschaftlich bzw. politisch in einem Stadium der „De-Realisierung“. Immer noch wird gesagt, es sei „5 vor 12“. Die Flutkatastrophe in NRW und Rheinland-Pfalz sei ein „Weckruf“, man müsse die Warnungen jetzt endlich mal hören. Das ist kompletter Blödsinn.

Vor 50 Jahren gesagt, hätte es vielleicht noch die Qualität eines Weckrufs gehabt. Jetzt ist es aber Wirklichkeit. Indem ich so tue, als sei das alles doch gar nicht passiert, sondern eine Angelegenheit der Zukunft, de-realisiere ich die Sachverhalte. Das gilt gesamtgesellschaftlich – also gesamtkulturell. Für mich als Sozialpsychologe ist dieser spektakuläre Fall einer kollektiven Wirklichkeitsverweigerung spannend. Wenn es nicht so schrecklich wäre, wäre es fast komisch. Das beste Beispiel ist – wir führen dieses Gespräch ja noch vor der Bundestagswahl – der Wahlkampf: Er geht nur um Fantasmen und irreale Angelegenheiten. Alle versichern sich gegenseitig, dass die Wirklichkeit noch die ist, die sie kennen. Durch die physikalische Realität und durch die biologische Realität z. B. des Artensterbens haben wir aber längst eine andere Situation. Zu der passt unsere Art der Wirklichkeitswahrnehmung und das Handwerkszeug in den politischen Werkzeugkästen überhaupt nicht mehr.

 

Könnten Künstler und überhaupt Kulturschaffende nicht aber gesellschaftliche „Agenten“ sein, die die Wirklichkeitsverweigerung, wie Sie sie gerade beschrieben haben, erkennen, thematisieren und sie mit den Mitteln von Kunst und Kultur in die Gesellschaft einbringen? Von daher ließe es sich doch als eine Pflicht der organisierten Gesellschaft, sprich des Staates ansehen, diese kritische Substanz am Leben zu erhalten, auch durch finanzielle Absicherung?

Selbstverständlich, das würde ich sofort unterschreiben. Aber dann ist man sofort mitten im Verteilungsgetümmel, und wir wissen, wie hoch dort der Stellenwert des Kulturbetriebs zu veranschlagen ist. „Betriebsförmig“ muss man sagen: Da hat Monika Grütters einen guten Job gemacht.

Sie hat die Kulturmittel verdoppelt – auch wenn sie nicht mal ein richtiges Ministerium hat. Das ist eine gute Sache, aber ändert nichts daran, dass auch der Kulturbetrieb dieselben Anteile von Begabten, Unbegabten, Realitätstüchtigen und Wirklichkeitsverweigerern aufweist, wie der Rest der Welt auch. Künstler sind ja keine besseren Menschen. Das gilt für den Wissenschaftsbetrieb genauso, wie für jedes gesellschaftliche Teilsystem.

 

Wenn also Kulturschaffende, aus schierer Existenznot heraus, sei es wegen der Pandemie oder zukünftig wegen Kosten des Klimawandels, Existenzsicherung durch öffentliche Finanzierung fördern würden, würden Sie solche Begehren nicht unterstützen?

Nein. Dabei kommt auch nichts heraus. In Österreich oder in den Niederlanden gab es in den 1970er und 1980er Jahren unfassbare Künstlerförderung. Irgendwann reichten die Speicherräume nicht mehr aus, um all die Kunst aufzunehmen, die quasi im staatlichen Auftrag produziert wurde. Das kann es nicht sein, und es wäre mir auch zu wenig.

Ich habe zu Beginn der Pandemie die täglichen Beobachtungen von Carolin Emcke gelesen. Sie hat darauf bestanden, dass man jetzt, unter diesen schwierigen Bedingungen, zeigen müsse, wie unverzichtbar Kultur für die Gesellschaft ist. Da habe ich gedacht: Das wollen wir doch mal sehen, wie stark und kreativ dieser Bereich tatsächlich ist. Ob diese Behauptung gesellschaftlicher Unverzichtbarkeit, mit der der Kulturbetrieb eigentlich seit Jahrhunderten hausieren geht, überhaupt einlösbar ist.

Vielleicht sind wir ja schon längst in einem gesellschaftlichen Zustand, wo Menschen sagen: „Ach wisst ihr – das, was mein Smartphone kann, reicht mir völlig aus. Außerdem gibt’s schon genug Kunst, ist ja seit Jahrtausenden produziert worden.“ Man kann die Zumutungen von Pandemie und Klimawandel auch als Test für den Kunst- und Kulturbetrieb sehen. Ich bin mir nicht sicher, ob dieser Test bestanden wird.

 

Vielen Dank.

Harald Welzer und Hans Jessen
Harald Welzer ist Soziologe, Publizist und Direktor von FUTURZWEI – Stiftung Zukunftsfähigkeit. Hans Jessen ist freier Publizist und ehemaliger ARD-Hauptstadtkorrespondent.
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