„Der Klimawandel ist ein Test für den Kulturbetrieb“

Harald Welzer im Gespräch

Welche Zusammenhänge bestehen zwischen Klima und Kultur? Und was bedeutet die Klimakrise für die Kultur? Über diese Fragen und mehr spricht Hans Jessen mit dem Soziologen und Publizisten Harald Welzer.

 

Hans Jessen: Herr Welzer, die Frage nach Zusammenhängen zwischen Kultur und Klimawandel hängt wesentlich davon ab, welcher Kulturbegriff die Grundlage bildet. Kultur im Sinne eines organisierten Kulturbetriebs und Kultur als gesellschaftliche Lebensweise sind nicht identisch, auch wenn sie Schnittmengen haben. Wo sehen Sie eindeutigere Zusammenhänge?

Harald Welzer: Ich habe einen weiten, gewissermaßen evolutionären Kulturbegriff. Wir können die Genese eines gefährlichen Klimawandels nicht absetzen von einem Kulturmodell, in dem prinzipiell auf Steigerung und Grenzüberschreitung gesetzt wird.

Damit stellt sich die Frage, ob dieses Kulturmodell so weit veränderbar ist, dass wirksam etwas gegen diesen gefährlichen Klimawandel getan werden kann.

Für den Deutschen Kulturrat ist vielleicht der engere Kulturbegriff relevanter. Der spielt in dieser Diskussion eine ganz andere Rolle – als „Referenz“. Ich möchte das an einem Beispiel verdeutlichen: Vor Kurzem hatte ich im Rahmen des Luzern-Festivals eine Diskussion mit Musikerinnen und Musikern. Überschrift der Diskussion: „Musicians for future“. Da ging es anfangs um Klimaneutralität bei der Anreise zu Konzerten und klimaneutrale Orchester.

Eine junge Dirigentin meinte, diese Diskussion wäre schon okay, aber: Entscheidend sei das, was sie als Künstler tun. Das, was Musikerinnen und Dirigenten machen, habe immer etwas Unverfügbares als Gegenstand: Musik, die sie selber schreiben oder interpretieren. Und dieses Unverfügbare entzieht sich der Logik der Steigerung. Insofern wäre es viel interessanter, sich darauf zu konzentrieren, was eigentlich die „Referenz des anderen“ – so möchte ich das jetzt nennen – jenseits des Marktes, jenseits der Steigerung, jenseits der Überbietung ist. So würde ich die Rolle der Kultur in diesem Kontext sehen.

 

Gleichwohl ist die Inszenierung kultureller Ereignisse, die Realisierung des „Unverfügbaren“ mit Mobilität verbunden. Wenn Rockbands auf Tour gehen, sind manchmal mehrere Trucks mit Anlagen unterwegs, während in einem Stadion noch das Konzert läuft, wird im nächsten schon aufgebaut. Auch Welttourneen von Sinfonieorchestern erzeugen einen ökologischen „Footprint“. Kann das angesichts von Ressourcenverbrauch und Schadstoffemission so weiter gehen, oder gibt es einen Trend zurück zu Events im Nahbereich?

Das ist eher eine Frage der Qualität. Bei dem international arbeitenden Künstler Tino Sehgal gibt es z. B. keine einzige Arbeit mit materiellem Aufwand, und doch sind seine Arbeiten unfassbar eindrucksvoll. Das würde ich als richtige Entwicklungsrichtung ansehen. Eine „Biedermeierisierung“ des Kulturbetriebs kann keine Perspektive sein.

Die Anstrengung für Kulturschaffende wäre eher, etwas anders zu machen bei dem, was sie tun. Da ich kein Künstler oder Musiker bin, kann ich kaum sagen, was das konkret sein könnte. Wenn ich es auf meine eigene Arbeit, wozu das öffentliche Auftreten gehört, beziehe, dann interessiert mich mittlerweile sehr, andere Elemente einzubringen – z. B. gemeinsam mit Lyrikerinnen oder Musikern aufzutreten, um diesem PowerPoint-Scheiß etwas entgegenzusetzen. Eine andere Dimension dessen, wie man kommuniziert, kulturell zu erschließen. Das finde ich viel spannender, als zu sagen: „Wir müssen jetzt CO2 einsparen im Kulturbetrieb“.

 

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Coronapandemie und Klimawandel – hinsichtlich kultureller Auswirkungen? Die Pandemie war und ist einer der großen Treiber von Digitalisierung. Davon wird einiges dauerhaft bleiben – auch im Kulturbereich. Ist die nichtphysische Begegnung im virtuellen Raum ein Verlust von Kulturerlebnis oder eine Stärkung?

Ich denke, es ist eine radikale Schwächung. Der Kulturbetrieb, wie wir ihn kennen und schätzen und aus dem wir etwas ziehen, ist ein analoger Betrieb. Das ist die härteste und schmerzlichste Erkenntnis der vergangenen anderthalb Jahre. Auch die Hilflosigkeit, besonders am Anfang: „Na gut, dann zeigen wir unsere Inszenierungen eben im Netz“ – das kann es auf Dauer nicht sein.

Auch in meinem Beruf war Lehre zeitweilig nur online möglich. Ich habe versucht, meinen Studierenden klarzumachen: Diese Verhältnisse fordern eigene Antworten. Liefert eure Arbeitsergebnisse dem Medium angemessen ab. Ich möchte weder PowerPoint-Präsentationen noch vorgelesene Referate haben – denkt euch etwas aus, was ihr mit dieser Situation machen könnt. So ähnlich muss man wohl auch im Kunst- und Kulturbetrieb reagieren. Nicht nur in der Pandemie, sondern vielleicht auch angesichts des Klimawandels.

 

Wachsende Digitalisierung bedeutet auch wachsenden, quasi grenzenlosen Zugang zum weltweiten Kulturgeschehen. Im Ergebnis sieht man sehr viele Arbeiten, bei denen erkennbar ist, woran sie sich gerade orientieren – schadet das der Entwicklung wirklich eigener Ausdrucksformen und Inhalte?

Ich nenne das „Kunstmarktbetriebskunst“. Für einen bestimmten Teil des aufgeregten Marktes mag es kurzfristig interessant sein – ich möchte aber behaupten, das ist relativ schnell wieder weg, das überdauert nicht. Da ist – um noch mal an den Begriff anzuknüpfen – zu wenig „Unverfügbares“ drin. Solche „Orientierungen“ haben den Kulturbetrieb seit Beginn der bürgerlichen Gesellschaft ausgezeichnet, in unterschiedlichen Formen und Ausprägungen. Das globale Netz bedeutet sicherlich einen weiteren Schub. Aber: Was „Unverfügbarkeitsqualität“ besitzt, ist zeitlos. Das ist ein old-fashioned-Argument, aber ich halte es für richtig. Theaterstücke, die vor 150 Jahren geschrieben wurden, Bilder, die vor 500 Jahren gemalt wurden, lassen sich als ungeheuer zeitgenössisch empfinden. Die genuine Qualität des „Unverfügbaren“ widersetzt sich den Vereinnahmungen und Formatierungen des Restes. Gutes kann sich dem immer entziehen.

Welcher Problemdruck entsteht für Kulturschaffende, gerade wenn die nicht zu den gutsituierten ihrer jeweiligen Branche gehören, sondern so eben mit Ach und Krach und Selbstausbeutung über die Runden kommen? Wirkt Klimawandel, mit allen Folgekosten, existenzvernichtend?

Ganz sicher. Man könnte eine sehr schreckliche, empirische Studie über diejenigen verfassen, die durch die Auswirkungen der Pandemie in unglaubliche Nöte gekommen sind. Auch produktive Nöte: Was willst du als Musiker machen, wenn du nicht auftreten kannst? Alle performativen Künstler sind an dieser Stelle völlig im Eimer. Aber natürlich auch wirtschaftlich. Für die große Mehrheit der prekarisierten, schlecht Verdienenden war und ist das ein einziges Desaster.

Eine Prognose, ob sich das durch Klimakrise und ihre Auswirkungen fortsetzt, wäre sehr spekulativ. Wenn man es fatalistisch formuliert, werden wir starke wirtschaftliche Verwerfungen infolge der Wirkungen des Klimawandels sehen. Als Reaktion auf die Flutkatastrophe in Ahrweiler stellt die Bundesregierung 30 Milliarden zur Verfügung. Aber es ist doch klar, dass bei der nächsten, der dritten, fünften oder siebten Katastrophe das kein Bewältigungsmodus sein kann. Im Grunde ist es ein alter Hut: Von der Klimaökonomie wird seit zehn Jahren rauf und runter gebetet, dass die Kosten des Klimawandels für die Volkswirtschaften ungeheuer hoch sein werden.

Dann ist die Frage: Wo wird gespart werden? Und, wenn man sich zerstörte Gemeinden anschaut: Wo gibt es denn da noch Theater? Vernichtete Infrastruktur lässt sich auch nicht von heut auf morgen wieder herstellen.

 

Gibt es vor diesem Hintergrund eine Handlungspflicht öffentlicher Institutionen, durch Einsatz finanzieller Mittel den Kulturbetrieb auch in der Breite aufrecht- zuerhalten?

Nein. Wir sind im Moment gesellschaftlich bzw. politisch in einem Stadium der „De-Realisierung“. Immer noch wird gesagt, es sei „5 vor 12“. Die Flutkatastrophe in NRW und Rheinland-Pfalz sei ein „Weckruf“, man müsse die Warnungen jetzt endlich mal hören. Das ist kompletter Blödsinn.

Vor 50 Jahren gesagt, hätte es vielleicht noch die Qualität eines Weckrufs gehabt. Jetzt ist es aber Wirklichkeit. Indem ich so tue, als sei das alles doch gar nicht passiert, sondern eine Angelegenheit der Zukunft, de-realisiere ich die Sachverhalte. Das gilt gesamtgesellschaftlich – also gesamtkulturell. Für mich als Sozialpsychologe ist dieser spektakuläre Fall einer kollektiven Wirklichkeitsverweigerung spannend. Wenn es nicht so schrecklich wäre, wäre es fast komisch. Das beste Beispiel ist – wir führen dieses Gespräch ja noch vor der Bundestagswahl – der Wahlkampf: Er geht nur um Fantasmen und irreale Angelegenheiten. Alle versichern sich gegenseitig, dass die Wirklichkeit noch die ist, die sie kennen. Durch die physikalische Realität und durch die biologische Realität z. B. des Artensterbens haben wir aber längst eine andere Situation. Zu der passt unsere Art der Wirklichkeitswahrnehmung und das Handwerkszeug in den politischen Werkzeugkästen überhaupt nicht mehr.

 

Könnten Künstler und überhaupt Kulturschaffende nicht aber gesellschaftliche „Agenten“ sein, die die Wirklichkeitsverweigerung, wie Sie sie gerade beschrieben haben, erkennen, thematisieren und sie mit den Mitteln von Kunst und Kultur in die Gesellschaft einbringen? Von daher ließe es sich doch als eine Pflicht der organisierten Gesellschaft, sprich des Staates ansehen, diese kritische Substanz am Leben zu erhalten, auch durch finanzielle Absicherung?

Selbstverständlich, das würde ich sofort unterschreiben. Aber dann ist man sofort mitten im Verteilungsgetümmel, und wir wissen, wie hoch dort der Stellenwert des Kulturbetriebs zu veranschlagen ist. „Betriebsförmig“ muss man sagen: Da hat Monika Grütters einen guten Job gemacht.

Sie hat die Kulturmittel verdoppelt – auch wenn sie nicht mal ein richtiges Ministerium hat. Das ist eine gute Sache, aber ändert nichts daran, dass auch der Kulturbetrieb dieselben Anteile von Begabten, Unbegabten, Realitätstüchtigen und Wirklichkeitsverweigerern aufweist, wie der Rest der Welt auch. Künstler sind ja keine besseren Menschen. Das gilt für den Wissenschaftsbetrieb genauso, wie für jedes gesellschaftliche Teilsystem.

 

Wenn also Kulturschaffende, aus schierer Existenznot heraus, sei es wegen der Pandemie oder zukünftig wegen Kosten des Klimawandels, Existenzsicherung durch öffentliche Finanzierung fördern würden, würden Sie solche Begehren nicht unterstützen?

Nein. Dabei kommt auch nichts heraus. In Österreich oder in den Niederlanden gab es in den 1970er und 1980er Jahren unfassbare Künstlerförderung. Irgendwann reichten die Speicherräume nicht mehr aus, um all die Kunst aufzunehmen, die quasi im staatlichen Auftrag produziert wurde. Das kann es nicht sein, und es wäre mir auch zu wenig.

Ich habe zu Beginn der Pandemie die täglichen Beobachtungen von Carolin Emcke gelesen. Sie hat darauf bestanden, dass man jetzt, unter diesen schwierigen Bedingungen, zeigen müsse, wie unverzichtbar Kultur für die Gesellschaft ist. Da habe ich gedacht: Das wollen wir doch mal sehen, wie stark und kreativ dieser Bereich tatsächlich ist. Ob diese Behauptung gesellschaftlicher Unverzichtbarkeit, mit der der Kulturbetrieb eigentlich seit Jahrhunderten hausieren geht, überhaupt einlösbar ist.

Vielleicht sind wir ja schon längst in einem gesellschaftlichen Zustand, wo Menschen sagen: „Ach wisst ihr – das, was mein Smartphone kann, reicht mir völlig aus. Außerdem gibt’s schon genug Kunst, ist ja seit Jahrtausenden produziert worden.“ Man kann die Zumutungen von Pandemie und Klimawandel auch als Test für den Kunst- und Kulturbetrieb sehen. Ich bin mir nicht sicher, ob dieser Test bestanden wird.

 

Vielen Dank.

Harald Welzer und Hans Jessen
Harald Welzer ist Soziologe, Publizist und Direktor von FUTURZWEI – Stiftung Zukunftsfähigkeit. Hans Jessen ist freier Publizist und ehemaliger ARD-Hauptstadtkorrespondent.
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