Filmpädagogische Arbeit in der digitalen Gesellschaft aus Kinosicht

Die gerade beschriebenen Möglichkeiten bedeuten für Kinobetreiber, dass sie ihr Repertoire um ein spannendes Kapitel erweitern können: intensive filmkulturelle Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen.

Filmkulturelle Arbeit wird interessanterweise bisher in Deutschland eher Landes- oder Bundesinstitutionen oder Initiativen zugeschrieben. Filmmuseen, Vision Kino, Festivals, Medienzentren, kommunale Kinos etc. waren und sind vielerorts die Partner für die medienpädagogische Filmbildung. In dieser filmkulturellen Arbeit wird der Ort Kino, der wiederum selbst bildet, nur wenig einbezogen. Die Reflexion des Filmerlebnisses von Zuschauerinnen und Zuschauern sowie medienpädagogischen Diskussionen im Kino ist nicht Fokus der Filmbranche. Kinobetreiber selbst hatten und haben den Fokus auf ihre Gäste schon immer. Das positive Film- und Kinoerleben wird von ihnen jeden Tag aufs Neue inszeniert. Die Schwerpunktsetzung von Kinobetreiberinnen und Kinobetreibern ist nicht nur der Film selbst, sondern das gesamte Filmerleben. Die gelungene Vorführung eines Films in seiner Gesamtheit ist wichtig. Das Gesamtwerk Film im Raum, in dem Filmsprache, das Handwerk des Filmemachens sich auf der Kinoleinwand optimal entfalten sowie re¬zi¬pie¬rt werden kann, ist der Dreh- und Angelpunkt für Filmerleben im Kino.

 

Ein neues Thema ist der Begriff der Filmpädagogik selbst. Anfang 2000 wurde immer deutlicher in der Medienpädagogik, dass eine neue Definition speziell für das Medium Film eingeführt werden musste. Diese Einführung ist der Entwicklung geschuldet, dass die wachsende Anzahl von Kommunikations-mitteln mit Breitenwirkung, wie Film, Funk, Fernsehen, Presse, Internetseiten, Social Media etc. als Einrichtungen der Informationsverbreitung nicht mehr nur unter einem Sammelbegriff geführt werden konnten. Die Rezeption dieser Medien ist so unterschiedlich, dass klar wurde, Filmanalyse, Filmsprache und Filmtext sowie die Situation der Rezipientinnen und Rezipienten vereinen, in sehr spezifischer Weise, das bewusste Sehen eines Films.

 

In anderen europäischen Ländern wie Frankreich, den skandinavischen Ländern, und den Niederlanden wurde Filmpädagogik im Lehrplan als Fach etabliert. In Deutschland ist Film im Lehrplan bisher nur in wenigen Bundesländern ausdrücklich verankert. In den meisten Bundesländern ist nur generell der Einsatz von „Medien“ vorgeschrieben und nicht zwingend deren Analyse, was dazu führt, dass Film in unterschiedliche Fächer eingebettet wird. Eine Filmanalyse, die weitere Motive, Zitate, kameratechnische Feinheiten und vieles mehr für Schülerinnen und Schüler offenbart, kann so nicht umfassend vermittelt werden.

 

Zusammenfassend kann man sagen: Die kommunikative Kompetenz, sich über audiovisuelle Texte auszutauschen, ist im Verhältnis zu ihrer Dominanz in unserem Alltag viel zu gering. Diese Situation kann einerseits durch deutliche Mediencurricula für bestimmte Altersstufen und Schulformen geändert werden und andererseits vor Ort – und hier sind die Kinobetreiberinnen und Kinobetreiber gefordert – nähergebracht werden. Die Ideen der Mediencurricula ist nicht neu, denn schon Anfang der 1990er Jahre forderten etliche Institutionen in Deutschland diese Veränderung. Neu ist die Möglichkeit durch die Digitalisierung, Filmpädagogik in Verbindung mit Filmvorführungen in Kinos intensiver einzubetten.

 

Ein Kinobesuch, der Filmpädagogik mit Filmerlebnis verbindet, kann durchaus in einem Schulstunden-Takt umgesetzt werden. Die Ganzsichtung des Films kann hier über ein bis zwei Wochen eingeplant
werden. Die Digitalisierung in Kinos macht möglich, dass ein Film nicht mehr zeitbegrenzt in einem Kino ist, sondern unbegrenzt und mit sehr flexiblen Anfangszeiten angeboten werden kann. Dass der Film als Gesamtkunstwerk und damit natürlich auch als eine Vorstellung mit einem eventuellen anschließenden Filmgespräch zur Verfügung gestellt wird, ist selbstverständlich.

 

Die Möglichkeiten, welche die Kinodigitalisierung für das Filmerfahren bieten kann, kann nicht kurz zusammengefasst werden und ist mit diesem kleinen Dossier hoffentlich noch lange nicht zu Ende gedacht. Zu Ende gedacht sollte auch nicht sein, dass immer ein gemeinsames Handeln, ein intensiver Austausch mit Kinobetreiberinnen und Kinobetreibern gesucht werden muss, um weitere konzeptionelle Wege zu finden und zu publizieren, um diesen wunderbaren Rezeptionsort für Filme weiterhin in unserer Gesellschaft zu verankern. Kinos können aus der Fast-Food-Mentalität des Viel-und-Schnell-Konsumierens ein neues Filmerleben machen. Die über 4.700 Kinoleinwände in Deutschland sind die größte Fläche für die jüngste Kunst Film und durch die Digitalisierung, auch mit ihren neuen Möglichkeiten Filmpädagogik einzubetten, unendlich wichtig für kulturelle Bildung in unserer Gesellschaft.

 

Weitere Informationen

 

Dieser Text ist zuerst erschienen auf dem Internetportal „Kultur bildet.“ des Deutschen Kulturrates im Juli 2017.

Petra Rockenfeller
Petra Rockenfeller ist Vorstandsmitglied der AG Kino Gilde - Verband der deutschen Arthouse-, Programm- und Filmkunst-Kinos und Programmdirektion des Lichtburg Filmpalast in Oberhausen.
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