Spannung und Vielfalt

Kulturen in Israel

Um es gleich am Anfang zu sagen, für mich ist Israel eines der spannendsten Länder überhaupt. Geografisch von der Wüste im Süden des Landes bis zu den fruchtbaren Ebenen im Norden und schließlich dem Hermongebirge, im Winter ein Skigebiet. Von der quirligen, modernen, ersten hebräischen Stadt Tel Aviv zum religiös aufgeladenen Jerusalem, von den sogenannten Entwicklungsstädten in der Negevwüste wie Be’er Scheva, die aktuell wieder an Bedeutung gewinnen, bis zur nördlichen Hafenstadt Akko, die auf bronzezeitliche Siedlungen zurückgeht. Geografisch zwischen Europa, Asien, Arabien und Afrika gelegen, war der schmale Landstreifen, der das heutige Staatsgebiet Israels bildet, bereits in früh- und vorgeschichtlicher Zeit besiedelt und Ort von kriegerischen Auseinandersetzungen. Das Land, seine Geschichte, seine Kultur und seine Bewohnerinnen und Bewohner sind einfach faszinierend.

 

Der israelische Soziologe Natan Sznaider hat eine seiner Beschreibungen und Analysen mit „Gesellschaften in Israel“ überschrieben. Dieser Plural lässt sich auch auf Kunst und Kultur in Israel übertragen. Man kann von Kulturen in Israel sprechen. Sie stehen teils unverbunden nebeneinander und teils entstehen spannende Wechselwirkungen, woraus wiederum Neues erwächst.

 

In Israel leben auf einer Fläche, die in etwa der des Landes Hessen entspricht, rund 9 Millionen Menschen. Das ist ein Drittel mehr als in Hessen (rund 6 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner) leben. Israel ist ein Einwanderungsland. Im 19. Jahrhundert lebten im damaligen Palästina als Teil des Osmanischen Reiches sowohl Juden als auch mehrheitlich Araber. Die erste Alija fand zwischen 1882 bis 1903 statt. Es wanderten vor allem Jüdinnen und Juden aus Osteuropa, Russland und Rumänien ein. Eliezer Ben-Jehuda, der Schöpfer des modernen Hebräisch, gehörte der ersten Alija an. Die zweite Alija fand von 1904 bis 1914 statt. Es kamen vor allem Einwanderinnen und Einwanderer aus Polen und Russland, sie entflohen teils dortigen Pogromen und waren teils überzeugte Zionistinnen und Zionisten. Der spätere Staatsgründer David Ben-Gurion gehört dieser zweiten Einwanderungswelle an. Einwanderinnen und Einwanderer der dritten Alija von 1919 bis 1923 stammten ebenfalls mehrheitlich aus Russland und Polen, aber auch Litauen, Rumänien und anderen osteuropäischen Ländern. Es waren Zionistinnen und Zionisten und vor Pogromen sowie den Folgen der Russischen Revolution Geflüchtete. Die vierte Alija (1924 bis 1937) speiste sich wiederum vor allem aus Einwanderinnen und Einwanderern aus Polen. Erst in der fünften Alija von 1930 bis 1939 machten Jüdinnen und Juden aus Deutschland und Österreich einen erheblichen Teil der Einwandererinnen und Einwanderer aus. Sie flohen vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten. Nach der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 wurde im Jahr 1950 das Rückkehrgesetz beschlossen, das Jüdinnen und Juden die Rückkehr nach „Eretz Israel“ zusichert. Seither wanderten Jüdinnen und Juden aus verschiedenen Ländern ein. Zu erwähnen sind die verschiedenen Einwanderungswellen aus arabischen Ländern wie dem Irak, Jemen, Marokko usw., die Einwanderung aus Äthiopien sowie Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre aus der Sowjetunion bzw. ihren Nachfolgestaaten.

 

Allein die Aufzählung der verschiedenen Einwanderungswellen und -länder macht deutlich, dass von einer einheitlichen Kultur in Israel nicht die Rede sein kann. Denn selbstverständlich brachten die Jüdinnen und Juden ihre eigenen kulturellen und künstlerischen Traditionen und Ausdrucksformen mit und sie trafen auf keinen leeren Raum. Über Jahrhunderte hatten in Israel Juden, Muslime und in sehr kleiner Zahl auch Christen gelebt. Bis zur Staatsgründung bildete der jüdische Teil der Bevölkerung die Minderheit. Und wird allein die jüdische Bevölkerung betrachtet, so handelt es sich auch hier keineswegs um eine homogene Gruppe, sondern um nord-, mittel- und osteuropäische Juden (Aschkenasim), aus dem Nahen Osten stammende (Misrachim) oder um Jüdinnen und Juden aus Südeuropa (Sephardim), die untereinander eine ganze Reihe von Konflikten hatten und haben. Nach der Unabhängigkeitserklärung am 14. Mai 1948 griffen arabische Staaten Israel an. Der bis 1949 dauernde Unabhängigkeitskrieg bildet einen der israelisch-palästinensischen Grundkonflikte. Wenn heute von palästinensischen Flüchtlingslagern die Rede ist, gehen sie auf Unterkünfte von Flüchtlingen bzw. Vertriebenen aus diesem Konflikt zurück, die teilweise bis heute Bestand haben und wo inzwischen die dritte Generation lebt. Die palästinensische Seite hat hierfür den Begriff der „Nakba“ (Katastrophe) geprägt.

 

In der Kunst, also der Literatur, der Bildenden Kunst, dem Tanz, dem Theater, der Musik oder auch im Film, spielen alle diese hier nur kurz benannten Aspekte und vieles andere mehr eine Rolle. In der Kunst werden Konflikte verhandelt und bearbeitet. In der Kunst werden Wunden offengelegt und gezeigt. In der Kunst prallen Versöhnliches und Unversöhnliches aufeinander. In der Kunst findet eine Auseinandersetzung über die Herkunft, die eigene und die der Familie, und den Standort statt. Kunst aus Israel ist nicht beliebig, sie irritiert. Sie ist oft getragen von der Auseinandersetzung um den eigenen Standpunkt, um den eigenen Ort, um den Platz in der Geschichte, in der Gesellschaft und im Hier und Jetzt. Sie ist daher hoch politisch. Letzteres wird besonders deutlich in der Archäologie. Es gibt sicherlich wenige Länder, in denen die Archäologie eine so elementare Rolle spielt und derart politisch genutzt – ich würde sogar sagen benutzt wird. Kunst aus Israel berührt. Ihre Relevanz zeigt sich auch darin, dass beispielsweise Literatur aus Israel in Deutschland auf breites Interesse stößt und die Werke vieler Autorinnen und Autoren in die deutsche Sprache übersetzt werden.

 

Israel, israelische Kunst und Kultur sind eine Entdeckung wert. Der Schwerpunkt soll Lust auf Entdeckungen machen. Ich danke sehr herzlich dem Kulturattaché der israelischen Botschaft Doron Lebovich sowie seiner Mitarbeiterin Angela Paul für die anregenden Diskussionen bei der Planung des Dossiers. Aus den vielen gemeinsam gesammelten Ideen und Vorschlägen mussten wir notgedrungen eine Auswahl treffen, um die möglichst verschiedenen Aspekte im Schwerpunkt aufscheinen zu lassen. Mein Dank gilt ebenfalls Natan Sznaider für seinen gewohnt analytischen Blick auf unser Vorhaben, seine Anregungen und seinen Beitrag.

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 02/2022.

Olaf Zimmermann
Olaf Zimmermann ist Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates und Herausgeber von Politik & Kultur.
Vorheriger ArtikelEine beispielslose Erfolgsgeschichte
Nächster ArtikelDie Sprache der Erinnerung verändert sich