Das Überlieferungskomprimat

Der Dialog zwischen Archiven und Wissenschaft

Archive sichern unser Wissen dauerhaft. Weil wir in einer Informationsgesellschaft leben, benötigen wir täglich eine große Zahl von Angaben aus früheren Tagen, Monaten und Jahren. Dabei helfen uns diese Wissensspeicher. Archive beinhalten eine Vielzahl von Informationen auf Pergament, Papier, Film, als Bild oder in elektronischer Form. Sie sichern heute Unterlagen von gestern, damit sie morgen für alle zur Verfügung stehen.

 

Archive sind Oasen des Wissens. Die dort verwahrten Unterlagen sind, anders als in Bibliotheken, in der Regel Unikate: Als Originaldokumente sind sie nur hier zu finden. Archivarbeit ist die Grundlage historischer Publikationen und Sachbücher. Wer eine wissenschaftliche Arbeit oder eine sonstige Veröffentlichung schreiben will, braucht valide Informationen und Daten. Diese können in den Archiven recherchiert werden.

 

Wissenschaftlich fundierte Untersuchungen sind die Grundlage unserer historischen Kenntnisse. Sie basieren auf Quellen, die sich vor allem in den Archiven finden. Archive bewahren unsere historische Überlieferung und gewährleisten so verlässliche Forschungen.

 

In der Geschichtswissenschaft ist die Landesgeschichte sehr wichtig. Sie schafft die Voraussetzung dafür, dass die Bedeutung der einzelnen Regionen und Orte angemessen in der deutschen Geschichte berücksichtigt wird. Viele wirksame Anstöße, insbesondere im Bereich der sozial- und alltagshistorischen Forschung, stammen aus der Lokal- und Regionalgeschichte. Auf dieser Ebene lassen sich viele Themen gründlicher analysieren, als es auf der nationalen oder gar der internationalen Ebene möglich ist. Diese Tiefe ist nur mit archivischen Quellen zu erzielen.
Archive sind ein zentraler Faktor des modernen Wissensmanagements und der Wissenskonstruktion. Die Archivarinnen und Archivare bewerten die angebotenen Dokumente und wählen etwa drei bis fünf Prozent zur dauerhaften Aufbewahrung aus. Ziel ist ein Überlieferungskomprimat: viel Inhalt auf wenig Raum und für wenig Geld. Dadurch ermöglichen Archive eine Konzentration auf das Wesentliche und entlasten die Verwaltungen, die so Raum- und Personalkosten einsparen können.

 

Nur eine klare Ordnung ermöglicht das schnelle Auffinden des Gesuchten. Archivarinnen und Archivare bereiten die bei ihnen dauerhaft verwahrten Informationen strukturiert auf, um einen zeitnahen Zugriff zu ermöglichen, gerade auch für die Wissenschaft. Für jede Registratur führende Stelle wird ein eigenes Findbuch erstellt, sodass der Entstehungszusammenhang der Informationen erhalten bleibt – das ist das Provenienzprinzip.

 

Im 19. Jahrhundert wurden die Archive endgültig zu Stätten wissenschaftlicher Forschung, nachdem bereits im 16. Jahrhundert eine intensive Nutzung der Archive für historische Arbeiten eingesetzt hatte. Diese wurde auch von den Archivaren betrieben, die vereinzelt zudem an Universitäten lehrten.

 

Die Präsenz von Archivarinnen und Archivaren in der akademischen Lehre und Forschung gewinnt im digitalen Zeitalter immer mehr an Bedeutung: Zum einen führt das kaum mehr zu überblickende Internetangebot gerade bei Studierenden dazu, sich ganz auf die virtuelle Welt zu verlassen und immer seltener von sich aus Bibliotheken und Archive persönlich zu nutzen. Hier muss aktiv in der Lehre entgegengesteuert werden, um eine Verengung der Forschungsperspektiven zu verhindern und eine differenzierte, quellennahe Wissensaufnahme zu gewährleisten.

 

Darüber hinaus wird im Zeitalter der Globalisierung die Bewahrung von lokaler und regionaler Identität immer wichtiger, damit die Menschen sich in einer immer unübersichtlicher werdenden bzw. scheinenden Welt orientieren und mental verankern können. Dazu kann gerade die Beschäftigung mit der Geschichte vor Ort, also die lokale, die regionale, aber auch die Landesgeschichtsschreibung nachhaltig beitragen. Archiven kommt in diesem Prozess eine zentrale Bedeutung zu, um die hierfür erforderlichen Quellen und ggf. weiterführende Beratung zur Verfügung zu stellen.

 

Ein dritter Grund verdeutlicht die notwendige Zusammenarbeit von Hochschulen und Archiven: Die Einführung moderner Speichermedien in den öffentlichen wie privaten Verwaltungen sowie die digitale Kommunikation in unserer Gesellschaft führen dazu, dass die Quellen des 21. Jahrhunderts in den Archiven überwiegend elektronisch erhalten werden. Für ihre Interpretation und historische Auswertung sind neue methodische Instrumente erforderlich, sodass die Historischen Grundwissenschaften, wie z. B. die Aktenkunde, kontinuierlich weiterentwickelt werden müssen. Zugleich gewinnt die Archivwissenschaft, die die theoretische Basis für das archivische Wirken schafft, an Bedeutung, da sich die Prozesse in den Archiven grundlegend wandeln. Zudem schafft auch sie das methodische Grundgerüst für die angemessene Auswertung von archivischen Quellen. Deutlich wird, dass der intensive Dialog zwischen Wissenschaft und Archiv eine zentrale Voraussetzung für den dauerhaften Erhalt und die Nutzung unseres Wissens ist. Archivarinnen und Archivare sind dazu bereit.

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 03/2020.

Rainer Hering
Rainer Hering leitet das Landesarchiv Schleswig-Holstein und lehrt an den Universitäten Hamburg und Kiel Neuere Geschichte und Archivwissenschaft.
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