Das Gebot der Stunde

Viele Redaktionen haben Nachholbedarf bei Diversität und Interkulturalität

„Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Medien“. Das schrieb 1996 der Soziologe Niklas Luhmann über die Rolle der Massenmedien und das trifft auch heute auf unser Bild der deutschen Einwanderungsgesellschaft zu: Medien prägen die Vorstellungen über die Realitäten und unterschiedlichen Gruppen unserer Gesellschaft und sie sind Plattform für Dialog und Kontroverse in einem pluralen Land.

 

Die integrative Aufgabe der Medien ist es, einen Austausch über die Perspektivenvielfalt und gemeinsame Ziele und Wege für unser Zusammenleben zu entwickeln. Das setzt voraus, dass Menschen mit Einwanderungsgeschichte häufiger und selbstverständlich als Akteure und Protagonisten in den Medien vorkommen – und zwar nicht nur, wenn es um Migration oder Integration geht. Mediale Integration zielt somit auf eine differenzierende Darstellung von Vielfalt als Normalität in unserer Einwanderungsgesellschaft.

 

Vor diesem Hintergrund wird den Medien in der aktuellen Diskussion über die gesellschaftliche Polarisierung eine besondere Rolle und Verantwortung zugeschrieben. Wer 2019 im demokratischen Streit zu gesellschaftlich akzeptierten Lösungen kommen möchte, der muss auf einen sachlichen und differenzierten öffentlichen Diskurs zählen können. Eine verantwortungsvolle Aufgabe – auch für die Medien, besonders in den Themenfeldern Migration und Integration, besonders dort, wo der Diskurs Verzerrungen und Einseitigkeiten unterliegt und die Perspektivenvielfalt eingeschränkt ist. Schnell stehen sich – wie etwa bei Debatten über Schweinefleisch in Kindertagesstätten oder „unerwünschte“ Indianerkostüme – polarisierende Positionen gegenüber oder werden einzelne Vorgänge für politische Stimmungsmache missbraucht. Differenzierende Positionen, die die unterschiedlichen Aspekte und Meinungen berücksichtigen und sich oft auch erst als Ergebnis eines Dialoges und Aushandlungsprozesses entwickeln, tun sich in der öffentlichen Debatte schwer.

 

Um die mediale Integration zu stärken, hat die Beauftragte 2019 beim Nationalen Aktionsplan Integration der Bundesregierung ein eigenes Themenforum dafür eingerichtet. Dort geht es um Migration und Integration in der Berichterstattung, um die Chancen und Herausforderungen sozialer Medien, um Interkulturalität in Film und Fernsehen und um die Vielfalt in der Medienproduktion. Hier ist noch einiges zu tun.

 

Ein wichtiges Anliegen des Nationalen Aktionsplans – Stichwort Perspektivenvielfalt – ist, dass sich die gesellschaftliche Vielfalt stärker in der Zusammensetzung der Redaktionen widerspiegelt. Der geschätzte Anteil von Journalistinnen und Journalisten mit Einwanderungsgeschichte liegt bei unter 5 Prozent, während es in der Bevölkerung 25,5 Prozent sind. Hier hat es in den letzten Jahren zwar erhebliche Fortschritte gegeben: Das deutsche Farbfernsehen und andere Medien sind bunter geworden und sie unterstützen Nachwuchsprogramme für mehr Vielfalt, z. B. die Neuen deutschen Medienmacher. Dennoch gibt es in vielen Redaktionen weiterhin Nachholbedarf. Gefragt sind Diversity Management, die Förderung interkultureller Kompetenzen und eben auch mehr Vielfalt bei den Beschäftigten in Medienunternehmen. Das ist nicht nur eine Frage gleichberechtigter Teilhabe, sondern auch im Interesse der Medien und ein hartes wirtschaftliches Kriterium: Die Zuschauer-, Hörer- oder Leserschaft mit Einwanderungsgeschichte stellt schon heute einen beträchtlichen Teil des deutschsprachigen Publikums. Mediale Integration ist deshalb ein Gebot der Stunde!

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 11/2019.

Annette Widmann-Mauz
Annette Widmann-Mauz, MdB ist Staatsministerin für Migration, Flüchtlinge und Integration im Bundeskanzleramt
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