Was ist Heimat?

Wir müssen um die Heimat als einen verbindenden Ort für alle kämpfen

In den USA gibt es ein Heimatschutzministerium, die Homeland Security, unser Innenministerium trägt jetzt den Zusatz »Heimat«. In der Flüchtlingsdebatte steht das Begriffspaar »Heimat und Fremde« für ein scheinbar unüberwindliches Grundproblem der Integration. Heimat ist das Land oder die Gegend, in der man aufgewachsen ist oder sich zu Hause fühlt, weil man schon längere Zeit dort lebt.

 

Für mich ist ein kleines Nest im Taunus Heimat, obwohl ich seit 40 Jahren nicht mehr dort lebe. Und Berlin ist meine Heimat, weil ich 19 Jahre hier lebe. Dass Berlin meine Heimat geworden ist, habe ich vor einigen Jahren bemerkt, als ich mal wieder, trotz des Wochen vorher im Internet vereinbarten Termins, über eine Stunde im sogenannten Bürgeramt warten musste und dann noch schön berlinerisch von der Sachbearbeiterin angepfl aumt wurde. Meine lautstarke Erwiderung hat das Problem zwar nicht gelöst, aber von diesem Zeitpunkt an wusste ich, es ist meine Stadt, meine Heimat.

 

Heimat ist dort, wo es mir nicht egal ist, wie es ist. Ohne Engagement für die Heimat, kann ich mir Heimat nicht vorstellen. Wäre ich in dem kleinen Taunusort geblieben, hätte ich mich sicher noch der Freiwilligen Feuerwehr angeschlossen oder anderswo in der Dorfgemeinschaft engagiert. Mitglied des örtlichen Gesangvereins, MGV Liederkranz von 1854, war ich schon als Jugendlicher.

 

In Berlin sind die Engagementmöglichkeiten ungleich breiter, aber die Entfernung der Menschen untereinander auch deutlich größer. Aber auch in einer Millionenstadt ist Engagement nötig, möglich und die Voraussetzung, um Heimat zu empfinden.

 

»Bürgerschaftliches Engagement ist gelebte Demokratie und leistet einen unverzichtbaren Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt«, so steht es in den 15 Thesen der Initiative kulturelle Integration zum gesellschaftlichen Zusammenhalt. Viele Bürgerinnen und Bürger engagieren sich ehrenamtlich in Vereinen und Verbänden. Sie übernehmen damit Verantwortung für andere und für die Gesellschaft, für ihre Heimat. Bürgerschaftliches Engagement hat eine breite integrative Wirkung durch Heimatbildung.

 

Dort, wo das Engagement fehlt, bricht der Zusammenhalt auseinander, kann Heimat nicht entstehen. Dort brennen auch Flüchtlingsunterkünfte, dort marschieren die Demagogen durch die Straßen, dort wird Heimat als ausgrenzender Begriff  gegenüber den Neuen verwendet. Wir müssen um die Heimat als einen verbindenden Ort für alle kämpfen. Dafür brauchen wir aber kein Heimatministerium, wohl aber viele Menschen, die sich für ihre alte oder neue Heimat engagieren.

Olaf Zimmermann
Olaf Zimmermann ist Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates und Herausgeber von Politik & Kultur
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