Witzfrei

In den letzten Jahren bin ich deutlich korrekter geworden. Früher habe ich gerne Witze über alles Mögliche gemacht. Besonders Witze über Dicke und Stotterer, da kenne ich mich besonders gut aus, gehörten zu meinem Repertoire. Manchmal rutschen mir heute noch unpassende Bemerkungen heraus, wenn ich Marius Müller-Westernhagens Lied »Ich bin froh, dass ich kein Dicker bin, denn dick sein ist ’ne Quälerei«, nicht aus meinem Kopf bekomme. Doch ich arbeite hart an mir, nicht mehr selbst über mich zu lachen.

 

Das ist auch dringend nötig, denn ein unbedachter Satz, eine Bemerkung, ein Witz, selbst unter Freunden gesprochen, kann, wenn nicht sofort, Jahre später das gesellschaftliche Aus bedeuten. Keine Witze über Minderheiten natürlich, aber auch nicht über Mehrheiten, wie Frauen zum Beispiel. Natürlich keine Bemerkungen über Migranten, Moslems und Juden. Behinderte sind sowieso tabu. Geschlechtliche Orientierung ist zwar ein wichtiges politisches Thema, aber kein Witz kommt mir mehr über die Lippen. Und der Gott der Juden, Muslime und Christen und die Götter der anderen Glaubensgemeinschaften stehen selbstverständlich unter strengem Witzverbot.

 

Wir haben eine erstaunliche Ungleichzeitigkeit der Betroffenheit in unserer Gesellschaft. Jeder, vielleicht manchmal auch emotional befreiende, Witz über einen »Fremden« ist zu tief verwerflich, aber die sprunghaft angestiegene physische Gewalt gegen Migranten lässt viele von uns kalt. Die verbale Schmähung in Witzform, kann tief verletzend sein, deshalb hat der Witzemacher natürlich eine Verantwortung für sein Tun. Doch bleibt ein fundamentaler Unterschied zwischen einem noch so schmerzhaften Scherz und direk­ter physischer Gewalt. Zurzeit habe ich das Gefühl, dass die Grenzen verwischen und damit letztlich physische Gewalt bagatellisiert und der Witz kriminalisiert wird. Gerade in einer freien Gesellschaft muss die verbale Auseinandersetzung, auch das Witzemachen auf Kosten anderer, so unbeschränkt wie möglich erlaubt sein.

 

Die Gesellschaft verkrampft immer mehr, kein Witz lockert mehr die Stimmung. Smalltalk bestimmt die politischen Frühjahrs-, Sommer-, Herbst- und Winterfeste des politischen Berlins. Kein gellendes Lachen mehr über eine unkorrekte Bemerkung. Nur noch schöne Menschen auf roten Teppichen. Nur noch Langeweile.

 

Gut so, endlich haben wir das politische Übel an der Wurzel gepackt und ausgerissen. Ich selbst bin auf einem guten Weg, vollständig witzfrei zu werden. Manchmal werden mir meine Witze über mich selbst fehlen, denn ein Blick in den Spiegel ist jetzt nicht mehr lustig, sondern nur noch ehrlich.

Olaf Zimmermann
Olaf Zimmermann ist Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates und Herausgeber von Politik & Kultur
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