Wie sieht die Kulturnation des 21. Jahrhunderts aus?

Kulturpolitik in Zeiten der digitalen Globalisierung

Kulturpolitik ist Spiegel der jeweiligen Zeit und des jeweiligen Landes. Sie kann im besten Fall bestimmte kulturelle und gesellschaftliche Entwicklungen befördern und zur Geltung bringen. Im Zeitalter der Globalisierung und Digitalisierung hat sich der eigene Kulturraum nicht verschoben, aber die Kultur – also das, was die Menschen gestaltend hervorbringen – überwindet durch die Digitalisierung geographische Räume in Echtzeit und ist zugleich neuen Einflüssen ausgesetzt. Das Internet dient dabei als Verteilplattform in Echtzeit – Musik und Filme sind überall und gleichzeitig verfügbar. Die Digitalisierung bietet Kulturschaffenden damit enorme Chancen. Zugleich erleben wir, dass bestimmte Kulturbereiche heute auf ein globales Millionenpublikum abzielen. Prägungen europäischer oder deutscher Kultur und Geschichte spielen dort eine untergeordnete Rolle. Nicht selten dienen europäische Schauplätze oder Landschaften nur noch als schöne Kulisse. Wenn diese Produkte aber genau das sind, was auch hierzulande einem Millionenpublikum über Streamingdienste angeboten wird, dann zeichnet sich ab, welche Aufgabe Kulturpolitik im Zeitalter der Digitalisierung hat: deutsche und europäische Kultur so zu fördern, dass sie im Zeitalter der digital geprägten Kultur sichtbar bleibt.

 

Veränderung und Chancen durch Digitalisierung

 

Kultur ist stark von den zeitgenössischen Techniken und Technologien abhängig und von ihnen beeinflusst. So wie die Erfindung von Tonträgern, Schallplatten und vor allem des Films neue Kulturbereiche entstehen ließ, so stehen wir an der Schwelle zu einer neuen Ära von Kulturpolitik, die von der Digitalisierung geprägt ist.

 

Die Digitalisierung verändert Herstellung, aber auch Rezeption der Kultur durch die Bürger. Sie schafft neue Möglichkeiten, wie Kunst und Kultur entstehen. „Zeichentrickfilme“ werden heute völlig anders hergestellt als in den 1960er und 1970er Jahren. Die neue Art elektronische Musik herzustellen, war Grundvoraussetzung dafür, dass Techno in den 1990er Jahren eine neue Jugendkultur werden konnte. Das Internet und seine Plattformen haben in den letzten Jahren viel mehr Kunst- und Kulturschaffenden die Möglichkeit gegeben, ihre Werke einem breiteren Publikum bekannt zu machen. Film- und Streamingdienste verändern Zugangsformen zu Serien und Filmen. Im Netz haben Plattformen die Produktions- und Verbreitungsarten stark beeinflusst.

 

Wie stark die Digitalisierung Eingang in die Kultur gefunden hat, zeigt sich am Beispiel des Streaming-Anbieters Netflix. Im Jahr 2014 investierte er 2,4 Milliarden Dollar in die Produktion von Inhalten, insbesondere Serien. Im Jahr 2019 werden hierfür Prognosen zufolge bereits 15 Milliarden Dollar eingesetzt. Ähnlich sehen die Steigerungsraten bei Amazon Prime aus – weitere Anbieter drängen auf den boomenden Markt.

 

Weltweit nutzen inzwischen mehr als eine Milliarde Menschen digitale Fernsehangebote. Schon heute erklären auch viele Menschen in Deutschland, dass das Streaming, also die Nutzung von zeitungebundenen Video-Angeboten, das lineare, live ablaufende Fernsehen dauerhaft ersetzen wird.

 

Eine ähnliche, wenn auch nicht so drastische Entwicklung spielt sich im Musikgeschäft ab. Das Volumen des digitalen Musikmarktes steigt weiter stark, die digitale Sparte macht mehr als die Hälfte des Umsatzes aus. Auch das Leseverhalten ändert sich, weltweit nutzen bereits rund 950 Millionen Leser E-Books – wir Deutsche favorisieren allerdings weiterhin ganz eindeutig das gedruckte Buch. Diese Trends beschreiben, wie deutlich die digitale Transformation das Leben der Menschen verändert. Filme schaut man, wenn es gerade passt und nicht mehr nach dem Zeitplan von Sendern. Aber, was bekommen die Menschen hier zu sehen und zu hören? Was wird ihnen zum Streaming oder auf dem E-Reader angeboten?

 

Bedeutung der Digitalisierung für das europäische Kulturgut

 

Die Dynamik der digitalen Veränderungen und die starke Stellung amerikanischer und asiatischer Plattformen führen dazu, dass es europäisches Kulturgut im digitalen Zeitalter auf den ersten Blick schwer hat. Algorithmen und Verstärkungsprozesse liegen nicht in europäischen, sondern in anderen Händen. Welche Leseempfehlung etwa Amazon ausspricht, wird durch Algorithmen eines ausländischen Unternehmens gesteuert und liegt nicht in der Hand eines Buchhändlers um die Ecke.

 

Wir erleben, dass die Produzenten unserer Tage ihre Stoffe und Szenarien mit Blick auf die größten Märkte auswählen. Blockbuster, aufwändige Serien, auch Musik und nicht zuletzt Videospiele werden meistens für ein US-amerikanisches oder asiatisches Publikum entwickelt. Es gibt wenige Erzählungen oder Themen aus unserem Kulturkreis, die „groß rauskommen“. Ein europäisches oder gar deutsches Publikum wird selten mitgedacht.

 

Deutsche, europäische Perspektiven bleiben Ausnahmen.

 

Ist die Digitalisierung also mehr Risiko als Chance für unsere Kulturgüter? Die Antwort ist ein eindeutiges „Nein“. Die Chancen überwiegen, wenn wir sie klug nutzen.

 

Das liegt zum einen an den Inhalten: Der Inhalt einer Beethoven-Symphonie bleibt stets derselbe, egal ob sie in der Berliner Philharmonie, einer „Digital Concert Hall“ oder auf YouTube zu hören ist. Der Inhalt eines guten Buches ist der gleiche – gleich, ob es als Hardcover oder als E-Book gelesen wird. Und ob eine Melodie Millionen begeistert oder nicht, liegt nicht an der Produktionsart oder den Vertriebskanälen, sondern immer noch zum großen Teil an der Originalität und Eingängigkeit der Musik. Das ist die Chance für die Kulturschaffenden in Europa und die sollten wir nutzen. Zum anderen sind wir immer noch Teil eines christlich-abendländisch geprägten Kulturkreises, der Amerika und Europa umfasst. Das sollten wir über manche tagespolitische Frage hinaus nicht vergessen. Dieser gemeinsame Kulturkreis hat in den vergangenen Jahrhunderten einen so bedeutenden kulturellen Reichtum hervorgebracht und verfügt über so viele gute Künstler und begabte Kulturschaffende, dass ich optimistisch bin, dass er auch im digitalen Zeitalter eine starke Rolle weltweit spielen wird. Ich bin der festen Überzeugung: Der Inhalt macht den Unterschied und da müssen sich Europa und auch Deutschland nicht verstecken.

 

Wir brauchen europäische Geschichten, wir brauchen deutsche Erzählungen und Stoffe. An der eigenen Erzählung lassen sich Identitäten abgleichen, diskutieren und vereinbaren. Gerade im Zeitalter der Globalisierung, in dem Bindungen an Stabilität verlieren, nimmt die Bedeutung der Kulturpolitik zu, denn dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit, Selbstvergewisserung und Besinnung auf die eigenen geistigen und kulturellen Wurzeln kann nur aus der eigenen Kultur begegnet werden. Ich sehe z. B. Chancen gerade in einem intensiveren Austausch zwischen Kulturschaffenden in Deutschland mit Mittel- und Osteuropa. Ein solcher Austausch kann Gemeinsamkeiten begründen und verschüttete Wurzeln aus der Geschichte gedeihen lassen.

 

Aufgabe der Kulturpolitik

 

Wenn wir in Deutschland unterstreichen, wie sehr kulturelle Vielfalt unser Leben bereichert, müssen wir der zunehmenden Marktmacht insbesondere US-amerikanischer Produktionen mit einer aktiven, fördernden Kulturpolitik begegnen. Angesichts der Umstände der traditionell differenzierten europäischen Medienproduktion haben wir hier einen eindeutigen Auftrag, zum Erhalt einer deutschen und europäischen Stimme im Chor der „contents“ beizutragen.

 

Die letzten knapp 15 Jahre sind ein selbstbewusster Beleg für genau diesen Anspruch. Die Entwicklung und Ausgestaltung etwa der Filmförderung in Deutschland ist Ausdruck des Wunsches, eine Grundlage für die Entwicklung deutscher und europäischer Erzählungen zu bieten. Für sich selbst sprechen die großartigen Erfolge, die der neue deutsche Film in Deutschland, aber auch über unsere Grenzen hinaus erringen konnte.

 

Hinterlegt ist die fördernde Kulturpolitik des Bundes mit mittlerweile gut 1,9 Milliarden Euro, die der Haushalt 2019 der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien umfasst.

 

Wir sind überzeugt, dass sich Kulturpolitik nicht in der Förderung von Opernhäusern, Orchestern oder Theatern erschöpfen darf. Sie muss helfen, die Ankerpunkte von Kultur in der Fläche, gerade im ländlichen Raum, zu halten. Vielfach setzen wir hier an, etwa in den Programmen zur Unterstützung kleinerer Kinos bei der Modernisierung oder in der Einführung eines Preises für vorbildliche Buchhandlungen. Es ist eine behutsame Ergänzung der Kräfte des Marktes. Buchhandlungen und Kinos sind wichtige Orte, an denen Kultur erfahrbar und greifbar wird. Sie sind mehr als reine Verkaufsstellen, sie halten die Kultur in der Fläche. Angesichts der starken und zunehmenden Konkurrenz, die diesen Orten der Kultur über eine zentrale Vermarktung von Büchern und Filmen in der neuen, netzgestützten Wirtschaft erwachsen ist, haben wir uns dazu entschieden, Impulse für das Überleben dieser Orte zu setzen.

 

Direkte Erlebbarkeit der Kultur

 

Kultur muss einen Bezug haben zum Leben vor Ort. Mit unserer fördernden Kulturpolitik tragen wir genau dazu bei – für eine Relevanz, einen Platz und einen Ort der Kultur in Deutschland. Diese Politik verhilft den vielen guten Ansätzen zur Vergewisserung und Verortung deutscher und europäischer Kultur zu der Grundlage, von der aus sie von selbst wirkt. Sie ist daher eine notwendige Ergänzung des Marktes in Zeiten der digitalen Globalisierung.

 

Kultur ist immer direkt erlebbar. Aufgabe der Kulturförderung ist es, dass dieses „face-to-face“-Erlebnis erhalten bleibt. Durch den Einsatz digitaler Techniken haben wir heute die Möglichkeit, dieses Erlebnis noch zu verstärken, etwa durch den Einsatz von Computern und moderner Medien in Museen. So werden bestehende Kultureinrichtungen auch für die junge Generation attraktiver. Diese Chancen müssen wir nutzen.

 

Ungeachtet des großen Einflusses der Digitalisierung bleibt die Kultur in Konzertsälen, auf Festivals und in Ausstellungen weiterhin analog erlebbar und dieses Erleben hat einen besonderen Wert, wenn fast alle Lebensbereiche zunehmend digitalisiert sind. Gerade auch den Wert des gemeinsamen Erlebens von Kultur vor Ort muss die Kulturpolitik im Blick halten. Ich bin zuversichtlich, dass unserer Kulturnation dies auch im 21. Jahrhundert gelingen wird.

 

Dieser Beitrag ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 09/2019

Ralph Brinkhaus
Ralph Brinkhaus, MdB ist Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag.
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